PORTRÄT
Rafik Guitane sollte sich darauf einstellen. Gerade jetzt, da Stade Rennes satte zehn Millionen Euro für den erst 18-Jährigen auf den Tisch gelegt hat, ihn im Sommer endgültig zu sich in die Ligue 1 holt. Gerade jetzt werden sie vermehrt kommen, die Vergleiche. Mit einem, der schon ein Star ist, der den Weg gemacht hat, den Guitane in den kommenden Jahren noch gehen will. Die Vergleiche mit Riyad Mahrez.
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Ja, es mag abgedroschen klingen. In Zeiten, in denen gefühlt jeder junge, talentierte Argentinier gleich der neue Lionel Messi sein soll, ohnehin. Aber die Parallelen, sie liegen eben so schön auf der Hand.
Wie Mahrez hat Guitane einen algerischen Vater und eine marokkanische Mutter, wurde in Frankreich groß und hat seine Stärken ganz klar in Technik und Dribbling, ist Linksfuß und Straßenfußballer. Und wie einst Mahrez gelingt auch Guitane dieser Tage der Durchbruch im Profibereich beim französischen Zweitligisten AC Le Havre.
Doch es gibt auch die feinen Unterschiede. Guitane, im Gegensatz zum schlaksig daher kommenden Mahrez lediglich kompakte 1,64 Meter groß, wuchs nicht wie sein berühmter Kollege in einer rauen Pariser Banlieue, sondern im eher beschaulichen 50.000-Einwohnerstädtchen Evreux in der Normandie auf.
Guitane, Dembele und Co.: Aus Evreux in die Fußballwelt
Bekannt ist Evreux eigentlich für blumige Parks und die Kathedrale Notre Dame. Inmitten dessen spielt aber auch der Fußball eine sehr gewichtige Rolle. Marseille-Keeper Steve Mandanda kommt von hier, die früheren PSG-Stars Mathieu Bodmer und Bernard Mendy, oder auch Leipzig-Verteidiger Dayot Upamecano und sogar Barca-Star Ousmane Dembele, mit dem Guitane gut befreundet ist.
Er will der Nächste in dieser illustren Reihe sein. "In Evreux spielt jeder Fußball", sagte er mal im Interview mit espoirsdufootball.com. "Überall siehst du kleine Jungs mit einem Ball. Bevor ich nach Le Havre ging, war ich immer einer von ihnen", erklärte der Youngster. Auch heute noch, sagt Guitane, trifft er sich mit seinen Freunden, wenn es die Zeit zulässt, spielt Fünf gegen Fünf auf den Hinterhöfen und Bolzplätzen.
Bis er zu einem der renommierteren Vereine der Region kam, musste Guitane aber so manchen Rückschlag verkraften. Genau wie bei Mahrez wurde er häufig trotz überragenden fußballerischen Potenzials zurückgewiesen. Ob Lens, Troyes, ja seinerzeit auch sein künftiger Klub Rennes. "Keiner wollte ihn", erinnerte sich jüngst einer seiner früheren Trainer in französischen Medien. "Zu klein, zu verspielt. Er hatte alle Fehler der Welt."
Dembele, sein "großer Bruder", wie Guitane den früheren Dortmunder nennt, mit dem er trotz der zwei Jahre Altersunterschied bei Evreux häufig zusammenspielte, war da schon weg, war schon dem Lockruf von Stade Rennes gefolgt. Bei Guitane sollte es noch etwas dauern, ehe er dann doch eine Chance bekam, sich bei einem Profiklub zu beweisen.
Mit der U15 von Evreux stieß er bis ins Halbfinale des Normandie-Pokals vor, Scouts des AC Le Havre stach er dort dann sofort ins Auge. Er machte ein Probetraining, wechselte zur darauffolgenden Saison 2013 in die Akademie des Zweitligisten, knapp 120 Kilometer von zuhause entfernt.
"Es ist nicht immer einfach, so früh weg von der Familie zu sein", gesteht er. Zudem hatte er in Le Havre Startprobleme, "mein erstes Jahr war schwierig", erinnert er sich. Dennoch wurde er in die U17 versetzt, hatte es fortan noch mehr mit Jungs zu tun, die physisch deutlich weiter waren. "Ich realisierte, dass ich mir meinen Platz mit harter Arbeit erkämpfen musste", sagte er mal bei footmercato.com.
Guitanes steiniger Weg nach oben
Und Guitane biss sich durch, nach eineinhalb Jahren in Le Havre fand er sich immer besser zurecht, spielte schon mit 16 teilweise in der U19, profitierte von der hervorragenden Nachwuchsarbeit des Klubs aus der Stadt mit dem zweitgrößten Hafen Frankreichs. Auch Stars wie Paul Pogba, Benjamin Mendy, Lass Diarra oder Mandanda verbrachten hier Teile ihrer Jugend.
GoalIn der U17 wurde er französischer Junioren-Nationalspieler, ist derzeit an der Seite von Gladbachs Mickael Cuisance oder Dortmunds Dan-Axel Zagadou Stammkraft in der U19 von Les Bleus. Zuletzt kamen Gerüchte auf, er habe sich entschieden, künftig für Marokko, das Land seiner Mutter aufzulaufen. Guitane selbst dementierte das jedoch bei Onze Mondial: "Ich habe mich noch nicht entschieden und noch nie etwas dazu gesagt. Für den Moment spiele ich für Frankreich, fühle mich wohl damit und will das auch erstmal so beibehalten."
Guitanes große Stärken sind die extrem enge Ballführung, der explosive Antritt, Kreativität im Dribbling und eine unglaublich schnelle Auffassungsgabe für den richtigen Passweg. Bevorzugt kommt er als Zehner, zentral hinter den Spitzen zum Einsatz, kann ob seiner Schnelligkeit aber auch auf beiden Flügeln spielen.
Sein Debüt bei den Profis kam schließlich zwar früh, hatte aber dennoch eine beträchtliche Vorlaufzeit. Denn auch beim Übergang zu den Großen hatte Guitane wieder mit Skepsis und Hindernissen zu kämpfen. "Am Anfang war es ein Kampf", sagte er gegenüber Onze Mondial. "Le Havre wollte mir nicht einfach so einen Profivertrag geben, Trainer Oswald Tanchot mich erst im Training mit der ersten Mannschaft sehen."
Das Problem: Guitane war seinerzeit, im Sommer 2016, gerade im Urlaub in Algerien. "Mein Vater rief mich an und sagte: 'In zwei Tagen musst du wieder in Le Havre sein'", sagte der Teenager, der mal Cristiano Ronaldo und Neymar als seine Vorbilder nannte. Er brach den Urlaub ab, trainierte eine Woche mit den Profis, überzeugte Coach Tanchot und bekam seinen Profivertrag.
Auf sein Debüt in der zweiten Liga musste er daraufhin aber lange warten. Ein halbes Jahr sollte er sich weiter beim Nachwuchs empfehlen, Anfang 2017 dann langsam nach oben gezogen werden. Doch er riss sich das Kreuzband, fiel das erste Halbjahr 2017 aus. Umso beeindruckender, dass vergangenen September gegen Sochaux schließlich die Premiere bei den Profis folgte.
Guitane? "Lässt mit einem Haken fünf Spieler aussteigen"
Zwölf weitere Zweitligaspiele hat er seither absolviert, stand zuletzt in drei von fünf Partien in der Startelf. Ende November gegen Lens war Guitane sein bisher einziges Tor gelungen. Mit einer Aktion, die seine Stärken exakt widerspiegelt: 20 Meter vor dem Tor kam er an den Ball, aus dem Stand ließ er seinen Gegenspieler per Übersteiger alt aussehen und schloss eiskalt mit seinem etwas schwächeren rechten Fuß ab. Es war der 1:0-Siegtreffer, nur wenige Sekunden nach seiner Einwechslung.
Mittlerweile ist Guitane ein wichtiger Faktor bei Le Havre, hat Anteil daran, dass der Klub noch Chancen auf den heiß ersehnten Wiederaufstieg in die Ligue 1 nach neun Jahren Abstinenz hat. Teamkollege Zinedine Ferhat schwärmte kürzlich im Goal-Interview: "Ich habe noch nie einen Spieler in seinem Alter gesehen, der solche Qualitäten hat wie er. Er kann mit nur einem einzigen Haken fünf Spieler aussteigen lassen."
Je mehr man sich mit Guitane, den angeblich auch Monaco und Lyon haben wollten, beschäftigt, desto klarer wird, dass Rennes sich da einen ungeschliffenen Diamanten gesichert hat. Natürlich hat Guitane, der bis Saisonende noch leihweise in Le Havre bleibt, auch Schwächen. Körperlich etwa muss er weiterhin zulegen, um sich auf ein höheres Niveau hieven zu können. Mitunter muss er sich früher vom Ball trennen, noch zielorientierter spielen, Defensivarbeit und taktisches Gespür im Umkehrspiel nach hinten stark verbessern.
Tut er das, dürfte Rennes längst nicht das Ende der Fahnenstange sein. "Ich will den gleichen Weg gehen wie er", sagt Guitane und meint Kumpel Dembele. "Wir telefonieren von Zeit zu Zeit und er sagt mir immer wieder: 'Arbeite, arbeite, arbeite, lass' nicht locker. Deine Zeit wird kommen. Und wenn sie kommt, musst du da sein'."
Das Gleiche würde ihm wohl auch Riyad Mahrez raten. Und ihm sagen, dass er seinen eigenen Weg gehen sollte. Nicht Mahrez 2.0 sein, sondern Guitane 1.0.


