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Peps neuer Liebling und De Bruynes "Ugly Brother": Das ist Oleksandr Zinchenko

15:00 MEZ 01.03.18
GFX Oleksandr Zinchenko
Lange musste er auf seine Chancen bei City warten, auf ungewohnter Position kam Zinchenko zuletzt vermehrt zum Einsatz. Goal stellt den Ukrainer vor.

Es ist ein kühler März-Tag in Ufa, einer Stadt im Westen Russlands, die umgeben ist von Steppe. An nebelfreien Tagen kann man von hier aus den Ural sehen. Viel ist in der Millionenstadt an diesem Freitag nicht los. Sollte man sich vor die Tür wagen, weht einem ein eisiger Wind durch die Haare und sofort fangen die Augen an zu tränen.

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Trotzdem haben sich 3.087 Zuschauer ins Stadion des ortsansässigen Vereins FK Ufa, der erst 2010 gegründet wurde, gewagt. Der Klub startete nur mäßig in die Rückrunde der Saison 2014/2015 und auch gegen die favorisierte Mannschaft aus Krasnodar liegt das Team früh 0:1 hinten. Es ist so ein Moment, in dem man sich fragt, warum man nicht daheim geblieben ist.

Dann, direkt nach der Halbzeitpause, kommen die Anhänger aber doch noch auf ihre Kosten. Es wird ein kleiner blonder Junge eingewechselt, der keine 20 Jahre alt ist. Mit seinen feinen Dribblings und seinem linken Fuß, der den Ball zärtlich streichelt, kann der Mittelfeldspieler jeden noch so kalten Wind vergessen lassen. Noch ahnt keiner, dass dieser Junge, der auf den Namen Oleksandr Zinchenko hört, drei Jahre später einer der Lieblingsschüler von Pep Guardiola sein wird.

Heilsbringer der Ukraine

Der Blondschopf, der an diesem Tag alle so verzückt, wird am 15. Dezember 1996 im ukrainischen Radomyschl geboren. Die Kleinstadt hat für ihn, dessen Vater Profi-Fußballer war, allerdings nicht lange viel zu bieten, so etwas wie eine Jugendakademie gibt es nicht. So zieht es Zinchenko bereits mit 13 Jahren ins knapp 800 Kilometer entfernte Donezk. Hier, bei Schachtjar, das schon so manchen Star hervorgebracht hat, erhofft man sich viel von ihm.

Diese Erwartungen erfüllt der nur 1,75 Meter kleine Spieler auch bravourös. Nachdem er die Jugendteams durchlaufen hat und dabei die U19 sogar als Kapitän aufs Feld führen darf, steht er kurz vor dem Sprung in den Profikader. Längst gilt er als Heilsbringer der Ukraine.

Starke Technik, schwacher Körper

Das hat vor allem einen Grund: seinen linken Fuß. Mit diesem zaubert er traumhafte Pässe auf den Rasen, jeden Ball scheint er anzusaugen. Gepaart mit seiner Übersicht ist er der ideale Mann für die offensive Dreierreihe. Über die linke Seite kann er zentimetergenaue Flanken schlagen, von rechts zieht er in die Mitte, um zum Abschluss zu kommen. Stark ist er auch im Dribbling, muss dabei aber nicht auf viele Übersteiger zurückgreifen, sondern lässt den Gegner meist mit einer einfachen Körpertäuschung und dem folgenden schnellen Antritt aussteigen.

Was allerdings auch bereits auffällt: Durch seine eher geringe Körpergröße und seine Statur hat er im Zweikampf große Nachteile, auch das Kopfballspiel bereitet ihm Probleme.

Wegen dieser mangelnden Robustheit ereilt ihn zu Beginn der Saison 2014/2015 wohl auch der erste Rückschlag in seiner noch jungen Karriere: Als es um die Kaderplätze der ersten Mannschaft geht, wird er übergangen. Viktor Kovalenko, mit dem er in allen Nachwuchsmannschaften um den Platz im offensiven Mittelfeld konkurrierte, wird ihm vorgezogen.

Jüngster Torschütze der Ukraine

Das führt zu einem Umdenken bei Zinchenko, der sofort Stammspieler sein möchte und dieses Ziel bei den Ukrainern in Gefahr sieht. So zieht es ihn unter mehr oder weniger fragwürdigen Umständen nach Ufa, er soll, um ablösefrei wechseln zu können, seinen Vertrag bei Donezk einseitig gekündigt haben. Die Umstände werden nie ganz geklärt, lange denkt Schachtjar über eine Klage gegen den Spieler nach. Doch letztlich kommt ein Wechsel zustande.

Dort, bei FK Ufa, setzt man ab dem ersten Tag auf den offensiven Mittelfeldspieler, es folgt das schnelle Debüt an besagtem kühlen März-Tag. Der Aufstieg des Talents zum neuen Star der Ukraine ist ab diesem Tag nicht mehr aufzuhalten. In der folgenden Saison etabliert er sich als Stammspieler beim russischen Erstligisten, trifft zweimal und bereitet vier Tore vor. Auf den ersten Blick sind das für immerhin 24 Partien keine guten Werte, was Zinchenko allerdings so wertvoll macht, sind die Räume, die er für seine Mitspieler aufreißt.

So kommt, was kommen muss: Er debütiert in der A-Nationalmannschaft. Dort gelingt ihm Historisches. Mit seinem ersten Länderspieltor im Freundschaftsspiel gegen Rumänien (Endergebnis 4:3) löst er mit 19 Jahren keinen Geringeren als Andriy Shevchenko als jüngsten Torschützen der ukrainischen Geschichte ab.

BVB oder ManCity?

All das führt dazu, dass internationale Top-Klubs auf den kleinen Ukrainer aufmerksam werden. Ein Wechsel zum BVB scheint beschlossene Sache zu sein, wie German Tkachenko, Chef der Beraterfirma, die Zinchenko repräsentiert, preisgibt: "Ich bin mir so gut wie sicher, das Oleksandr zu Borussia Dortmund wechseln wird. Dortmund hat sich bereits entschieden, es ist nur noch nicht sicher, ob er zu Beginn in der ersten oder doch in der zweiten Mannschaft auflaufen wird."

Dann allerdings steigt Pep Guardiola in den Poker ein, er will ihn unbedingt. Der flexibel einsetzbare Spieler ist sofort begeistert, sagt dem BVB ab und wechselt nach der Europameisterschaft 2016, bei der er in allen drei Gruppenspielen Minuten sammelt, für zwei Millionen Euro zu Manchester City . Für den FK Ufa ist das eine Summe, von der man bei seiner Verpflichtung geträumt hat.

Für ManCity nur auf der PlayStation

Im Starensemble ereilt ihn dann wieder das Schicksal, das ihn einst auch bei Donezk traf: Er ist zu schmächtig, wird daher für ein Jahr zur PSV Eindhoven in die Eredivisie verliehen. Das Engagement verläuft enttäuschend, er kommt nur auf zwölf Liga-Einsätze, meistens als Einwechselspieler. Was er davon hält, sagt er Zimbra : "Ich verstehe nicht, wieso ich derjenige bin, der nie gebraucht wird. Es ist einfach die Entscheidung des Trainers." Das Abenteuer Niederlande sei eine seltsame Erfahrung, die ihn hoffentlich weiterbringe, fährt der nicht immer einfache Charakter fort.

Zurück in Manchester muss Zinchenko weiter auf seine Zeit warten. In dieser Hinrunde, in der die Skyblues von Sieg zu Sieg eilen, kommt er kaum zum Einsatz. Die ukrainische Legende Andriy Voronin macht ihm zu diesem Zeitpunkt wenig Hoffnung auf Spielzeit: "Zinchenko ist talentiert, aber er muss realistisch bleiben. Er muss erst Erfahrung und Spielpraxis erlangen. Für Manchester City kann er nur auf der PlayStation spielen."

Damit sich das schnell ändert, arbeitet er hart an sich, legt dadurch den Grundstein für spätere Einsatzminuten. Durch viele Schichten im Kraftraum baut er deutlich sichtbar Muskelmasse auf. Zudem integriert er sich ins Team, wird Teil der Mannschaft. Reporter vergleichen in aufgrund seines Aussehens immer häufiger mit Kevin De Bruyne, der Belgier nennt ihn liebevoll seinen "Ugly Brother", seinen "hässlichen Bruder."

Verletzungen als Glücksfälle

Und dann, für den Ukrainer muss man leider sagen genau zum richtigen Zeitpunkt, reißt sich Benjamin Mendy das Kreuzband. Auf einmal gehen Pep Guardiola die Linksverteidiger aus, er muss aus dem eigenen Kader einen Ersatz rekrutieren. Zunächst wird Mittelfeldspieler Fabian Delph umgeschult, dahinter wird aber bereits der eigentlich im Offensivbereich beheimatete Zinchenko auf dieser Position eingelernt.

Schließlich der zweite, eigentlich unglückliche Glücksfall: Auch der Engländer verletzt sich. Nun schlägt die große Stunde des Talents, er rutscht als Linksverteidiger in die Startelf. Das faszinierende daran: Obwohl auf dieser Position eher selten eingesetzt, passt das System Guardiola perfekt zum Ukrainer. Die Außenverteidiger müssen hoch stehen, haben viel Ballbesitz, müssen überlaufen, gut im Kombinationsspiel sein und auch Konter unterbinden können. All das trifft auf Zinchenko zu.

Er selbst, der insgesamt bei 13 A-Länderspielen steht, beschreibt die Anforderungen im Interview mit den Manchester Evening News wiefolgt: "Außenverteidiger ist hier eine spezielle Position, weil man manchmal nach innen gehen muss, um den Ball zu kontrollieren." Man müsse ständig fokussiert sein und er lerne immer weiter, schließt er. Dass er das umsetzen kann, zeigt auch das Lob seines Trainers bei Voetbal International nach dem Startelf-Debüt gegen Newcastle (3:1) : "Er hat ausgezeichnet gespielt, wir wollten aggressiv spielen und er hat das getan", sagte Guardiola.

Peps Musterschüler

Der Nationalspieler überzeugt auf der neuen Position mit dermaßen guten Leistungen, dass bereits jetzt über eine Verlängerung des noch bis 2021 laufenden Vertrages verhandelt werden soll. Zwar absolvierte er bislang nur vier Premier-League-Spiele, dennoch schenint die Zukunft derzeit rosig. Sein Berater Oleg Eryomin formulierte zuletzt forsch: "Wir erwarten, dass Zinchenko regelmäßig in der Startelf eingesetzt wird. Guardiola kennt seine Fähigkeiten und wartet auf ihn."

Bedrohlich wirken diese Worte auf die Konkurrenten. Zurecht. Denn Oleksandr Zinchenko ist auf bestem Wege, es zu schaffen. Aus der Steppe zum Stammspieler in der Premier League.