Die in Südafrika ausgerichtete FIFA-Weltmeisterschaft 2010 wurde kürzlich in einer Umfrage von Fußball-Fans zur besten Weltmeisterschaft aller Zeiten gekürt. Je nachdem, was Du unter einer großartigen Weltmeisterschaft verstehst, wirst Du dieser Einschätzung entweder begeistert zustimmen oder mit den Augen rollen und etwas über Vuvuzelas, unberechenbare Bälle, eine Meuterei und das Handspiel von Luis Suarez murmeln.
Die WM 2010 war die wohl erste Weltmeisterschaft, die im modernen digitalen Zeitalter stattfand, in dem soziale Medien jeden Aspekt über ihr Smartphone übertrugen. Sowohl Twitter als auch Facebook befanden sich damals in ihrer Blütezeit und machten diese Ausgabe zu mehr als nur einem Ereignis, bei dem Millionen von Menschen einigen Gruppen von Männern dabei zuschauten, wie sie um einen vergoldeten Pokal kickten. Diese WM stand für besondere Werte und Spektakel: Die Reaktionen zu Kakás skandalöser Rote Karte konnte man online ebenso verfolgen wie den ersten Twitter-Post des damals 71-jährigen FIFA-Präsidenten Sepp Blatter.
The Facebook, wie es am Tag seiner Einführung hieß, war an diesem Tag im Jahr 2004 gerade einmal drei Monate alt, als Blatter sein Bestes tat, um die Bekanntgabe des Gastgebers der Weltmeisterschaft 2010 spannend zu gestalten - auch er wisse nicht, welches Land der Gewinner sei.
Der Anblick von Politiker Nelson Mandela, der in der ersten Reihe saß, zeigte jedoch, dass Blatter mit der Wahrheit sparsam umging. Man lädt die verehrte Ikone des Kampfes gegen die Apartheid nicht ein, um ihr dann mitzuteilen, dass sie verloren hat.
Als Blatter die theatralischen Darbietungen beendete und schließlich den Gewinner der Bewerbung bekanntgab, brach die südafrikanische Delegation in Jubel aus. Mehrere Delegierte zückten lange Plastikrohre und stellten der Welt ein Instrument vor, das zu einem prägenden akustischen Merkmal der Endrunde selbst werden sollte.
WM 2010 - das Turnier der Vuvuzelas
Die Herkunft der Vuvuzela ist umstritten. In den USA gab es "Stadium Horns" bereits seit den 1960er-Jahren und in Lateinamerika kennt man sie unter dem Namen “Corneta”. Der US-amerikanische Künstlers Winslow verewigte das Instrument bereits 1970 in seinem Gemälde "The Dinner Horn". In Südafrika gibt es die Vuvuzela seit 1969, als ein Fußballfan namens Freddie Maake aus Gründen, die bis heute ein Rätsel bleiben, eine zusätzliche Röhre an einer Fahrradhupe anbrachte. Er entwickelte und verfeinerte die Idee in den folgenden Jahrzehnten, bis die Vuvuzela nach dem Ende der Apartheid Mitte der 1990er-Jahre zu einem festen Bestandteil der südafrikanischen Fußballkultur wurde. Im Jahr 2001 beschloss dann ein unternehmungslustiges Kunststoffunternehmen in Kapstadt, die rund einen Meter lange Röhre in Serie zu produzieren. Der laute, monotone Dröhnton wurde schnell zu einem allgegenwärtigen Geräusch, das den Fußball im ganzen Land begleitete.
Die ersten paar Töne der Vuvuzela bei der Bekanntgabe des Gastgebers waren nur der erste Vorbote eines Problems, das einen Teil der Fußballwelt beschäftigen sollte. Auch beim FIFA Konföderationen-Pokal 2009 wurde jedes Spiel vom Lärm einer Million wütender Bienen begleitet.
"Ich finde diese Vuvuzelas nervig", beklagte sich unter anderem der spanische Mittelfeldspieler Xabi Alonso. "Sie tragen nicht zur Atmosphäre im Stadion bei. Man sollte sie verbieten." Diese Ansicht teilten einige weitere Spieler ebenfalls, sowie Trainer und insbesondere europäische Fernsehsender, die versuchten, eine Audiofiltertechnik zu entwickeln, um die Lautstärke der Vuvuzelas in ihren Übertragungen zu reduzieren. Aber die Vuvuzelas ließen sich nicht zum Schweigen bringen. Das gleichmäßige Dröhnen, das sie von sich gaben, bestand tatsächlich aus einer Vielzahl von Frequenzen, von denen einige im gleichen Frequenzbereich wie die menschliche Stimme lagen. Wenn man die Vuvuzelas herausfilterte, verlor man auch die Fangesänge und alle anderen Geräusche, die dem Fußball seine einzigartige Atmosphäre verleihen. Es wurden Forderungen laut, die Plastiktröten für die Weltmeisterschaft zu verbieten, wobei Forscher verschiedene gesundheitliche Bedenken anführten, die von der Übertragung von Krankheiten über die Luft bis hin zu lärmbedingtem Hörverlust reichten. Mit durchschnittlich 120 Dezibel entsprach die Vuvuzela dem Lärm eines nur 30 Meter entfernt startenden Düsentriebwerks. Diejenigen, die ein Verbot der Plastiktrompeten forderten, wurden von ihren südafrikanischen Gastgebern und der FIFA selbst mit einem müden Lächeln abgelehnt und teils verhöhnt. Die Vuvuzela ist, war und wird immer ein zentraler Bestandteil der Fußballkultur in Südafrika sein.
Die WM 2010 - das Turnier des abulanis
Jabulani bedeutet in der Sprache der Zulu, der größten ethnischen Gruppe Südafrikas, „sich freuen” oder „glücklich sein”. Als Adidas den offiziellen Ball für die FIFA-Weltmeisterschaft 2010 auf den Markt brachte, hoffte man sicherlich, dass er mindestens ebenso gut aufgenommen werden würde wie seine Vorgänger "Fevernova" und "Teamgeist", die bei der Weltmeisterschaft 2002 in Südkorea und Japan und dann erneut bei der Weltmeisterschaft 2006 in Deutschland teils auf Zustimmung, teils auf Kritik stießen.
Der Jabulani war unter Mitwirkung von Experten der Loughborough University in London entwickelt worden und verfügte über eine revolutionäre neue Technologie namens "Grip ‘n Groove", bei der die Oberfläche des Balls mit flachen Rillen versehen wurde, um ihn aerodynamischer zu machen. Anstatt Wissenschaftler zu konsultieren, hätte der deutsche Sportartikelhersteller allerdings lieber die Spieler befragen sollen, die den Ball und seine unvorhersehbare Flugbahn fast einstimmig verabscheuten.
"Derjenige, der diesen Ball entworfen hat, hat sicher noch nie Fußball gespielt", sagte der brasilianische Stürmer Robinho. "Aber wir können nichts daran ändern, wir müssen damit spielen." Der englische Torwart David James drückte sich noch deutlicher aus: "Der Ball ist furchtbar. Er ist für alle schrecklich."
Zahlreiche Spieler und Trainer sahen es ebenso wie der brasilianische Torwart Julio Cesar, der den Ball mit einem Plastik-Ball aus dem Supermarkt verglich. Liverpools Ex-Spieler Craig Johnston, der den Prototyp für den Adidas Predator, den weltweit meistverkauften Fußballschuh, entworfen und entwickelt hatte, war vom Jabulani so enttäuscht, dass er einen zwölfseitigen Brief an FIFA-Präsident Sepp Blatter schrieb, in dem er die seiner Meinung nach bestehenden Mängel des Balls darlegte - sowie zahlreiche Rückmeldungen von Profispielern zusammenstellte, die ihn wegen seiner schlechten Verfassung kritisierten. Er bat die FIFA inständig, den Jabulani nicht zu verwenden.
Unbeeindruckt von der Kritik wurde der Jabulani beim Eröffnungsspiel zwischen Gastgeber Südafrika und Mexiko auf den Mittelkreis des von einer Kalebasse, einem traditionellen Trink- oder Musik-Gefäß, inspirierten Soccer City-Stadions verwendet. Bis zur 54. Minute hatte Bafana Bafana Mühe, sich vor fast 85.000 lautstarken, in Vuvuzela blasenden Zuschauern durchzusetzen. Doch dann gelang Südafrika ein seltener Konter, den Siphiwe Tshabalala wunderschön in die Maschen hämmerte. Niemand, der Südafrika die Daumen drückt, würde jemals wieder ein schlechtes Wort über den Jabulani verlieren - zumal er einer der schönsten WM-Bälle aller Zeiten, wenn nicht sogar der schönste ist.
Die WM 2010 - der Kollaps Frankreichs - So sehr wurde ein Trainer noch nie gedemütigt
Die französische Nationalmannschaft verfügte über einen Kader mit Weltstars, die teils 2006 das Finale knapp im Elfmeterschießen gegen Italien verloren hatten, nachdem Zinedine Zidane wegen seines Kopfstoßes vom Platz gestellt worden war. Aber Les Bleus hatten sich erst nach einem Playoff-Spiel gegen die Republik Irland und dank einem Handspiel Thierry Henrys für das Turnier 2010 qualifiziert.
Zwei Monate vor der WM-Endrunde, explodierte die „Zahia-Affäre” in den Medien weltweit. Franck Ribéry, Karim Benzema und Sidney Govou wurden beschuldigt, für Sex mit einer minderjährigen Escort-Dame namens Zahia Dehar bezahlt zu haben. Die Spieler wurden freigesprochen. Und doch: Als ob das noch nicht genug wäre, gab der französische Fußballverband bekannt, dass Cheftrainer Raymond Domenech unmittelbar nach dem Turnier seinen Posten räumen würde, was seine ohnehin schon fragile Autorität weiter schwächte.
All dies führte dazu, dass die Spannungen innerhalb der Mannschaft langsam überkochten. Das erste Anzeichen dafür zeigte sich nur 24 Stunden vor dem ersten Gruppenspiel gegen Uruguay, als sich Florent Malouda im Training mit Domenech anlegte. Malouda saß beim 0:0 der Bleus gegen die Südamerikaner auf der Bank. Der zurückgetretene Zidane erklärte, dass Domenech die Kontrolle über die Mannschaft verloren habe - und Zizou wusste Bescheid.
Für viele war dies die peinlichste Stunde in der Geschichte des französischen Fußballs, doch sportlich sollte es noch schlimmer kommen. Im letzten Gruppenspiel gegen Gastgeber Südafrika musste Frankreich gewinnen, um noch eine Chance aufs Weiterkommen zu haben. Nach einem 0:2-Rückstand zur Halbzeit und der Roten Karte für Yoann Gourcuff in der 25. Minute, rafften sich les Blues aus ihrer Lethargie auf und erzielten den Anschlusstreffer durch Malouda. Südafrika gewann zwar das Spiel, schied aber wie Frankreich aus - als erster Gastgeber bereits in der Gruppenphase.
Luis Suarez - die andere "Hand Gottes"
Gastgeber Südafrika, die Elfenbeinküste, Kamerun, Algerien und Nigeria schieden alle bereits in der Gruppenphase aus, doch es gab noch einen weiteren Vertreter des afrikanischen Kontinents bei seiner ersten Weltmeisterschaft auf heimischem Boden: Ghana. Ganz im Sinne des Ubuntu-Gedankens unterstützten alle Afrikaner, die das Turnier verfolgten, ihre Brüder vom Kontinent.
Die Black Stars hatten sich aus der schwierigen Gruppe D mit Deutschland, Australien und Serbien den Weg ins Achtelfinale erkämpft. Sie lagen aufgrund der Tordifferenz knapp vor Australien auf dem zweiten Platz, hinter Joachim Löws Gruppensiegern. Ihre Belohnung war ein K.o.-Spiel gegen den überraschenden Gruppensieger der Gruppe C, die USA, die Fabio Capellos schwächelnde englische Mannschaft übertrumpft hatten. Im Royal Bafokeng Sports Palace in Rustenburg ging Ghana durch Kevin-Prince Boateng früh in Führung. Aber die US-Amerikaner kamen nach der Pause stark zurück und glichen durch einen Elfmeter von Landon Donovan aus. Ghana hielt bis zur Verlängerung durch, gewann aber nur drei Minuten nach Beginn erneut die Oberhand, als Asamoah Gyan einen langen Ball mit der Brust kontrollierte und aus spitzem Winkel traf. Die Black Stars hatten es Kamerun 1990 und Senegal 2002 gleichgetan und das Viertelfinale der Weltmeisterschaft erreicht.
Das Viertelfinale gegen Uruguay wurde zu einem Wechselbad der Gefühle. Ghana ging kurz vor der Halbzeitpause durch ein 40-Meter-Traumtor von Sulley Muntari in Führung. Uruguay glich anschließend durch Diego Forlan aus - auch dank dem Jabulani. Denn sein Freistoß-Versuch wirbelte durch den Wind praktisch unvorhersehbar ins Netz.
Die Südamerikaner wurden von Ghana in der Verlängerung stark unter Druck gesetzt. John Pantsi brachte einen Freistoß von der rechten Seite in den Fünfer - Stephen Appiah schloss ab, der Ball prallte von Luis Suarez' Knie ab und landete perfekt vor Matthew Amoah, der ihn per Kopf ins Tor befördern wollte. Doch Suarez eilte herbei - und rettete den Ball kurz vor der Linie - mit beiden Händen. Das sicher geglaubte Tor wurde Ghana dadurch verwehrt, Suarez erhielt natürlich die Rote Karte und Ghana erhielt den Elfmeter, um das Tor nach dieser bitterbösen Unsportlichkeit doch noch zu erzielen. Asamoah Gyan trat an, um Ghana als erstes afrikanisches Land, auf afrikanischem Boden, ins Halbfinale zu schießen - und vergab. Das anschließende Elfmeterschießen mit je fünf Schützen gewann dann Uruguay mit 4:2 und zog ins Halbfinale ein. Für Ghana eine Tragödie, die nie vergehen wird.
Suarez bezeichnete seine Tat ohne jegliches Mitgefühl später als "die beste Parade des Turniers" und Asamoah erklärte, er "habe den ganzen Kontinent, mein Land, im Stich gelassen. Immer wenn ich allein in einem Raum bin, kommt mir das in den Sinn. Ich werde für den Rest meines Lebens damit leben müssen." Suarez führte aus: "Die ‚Hand Gottes‘ gehört jetzt mir", sagte er mit Blick auf das Handtor von Diego Maradona für Argentinien bei der Weltmeisterschaft 1986 gegen England. Uruguay verlor anschließend mit Suarez nicht nur das Halbfinale mit 2:3 gegen die Niederlande, sondern auch das Spiel um Platz 3 gegen Deutschland.
Im nächsten Gruppenspiel Frankreichs, einer 0:2-Niederlage gegen Mexiko, kam es in der Halbzeitpause zu heftigen Spannungen innerhalb der Mannschaft. Nicolas Anelka geriet in einen heftigen Streit mit dem Cheftrainer und wurde ausgewechselt und nach Hause geschickt.Am nächsten Tag wurde das Ausmaß der rebellischen Stimmung im französischen Lager der Weltöffentlichkeit offenbart. Bei einer für die Öffentlichkeit zugänglichen Trainingseinheit protestierte die Mannschaft gegen Anelkas Ausschluss, indem sie sich weigerte zu trainieren. Nachdem sie Autogramme für Fans gegeben hatten, begab sich die Mannschaft zum Trainingsplatz, wo Patrice Evra vor den Augen der Zuschauer beinahe mit Fitnesstrainer Robert Duverne aneinandergeriet.Evra stürmte zum Mannschaftsbus, wo sich ihm der Rest der Mannschaft anschloss. Sie zogen die Vorhänge des Busses zu. Als sie schließlich wieder herauskamen, hielten sie einen Brief in den Händen, den sie Domenech vor den wartenden Fans und Medien vorlesen ließen. "Alle Spieler ohne Ausnahme möchten ihre Ablehnung gegenüber der Entscheidung des französischen Verbandes, Nicolas Anelka aus dem Kader auszuschließen, zum Ausdruck bringen. Auf Wunsch der Mannschaft versuchte der betreffende Spieler, einen Dialog zu führen, aber sein Ansatz wurde ignoriert."
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