Albert Adomah - Aston Villa 15042017Getty

Vom DJ entdeckt, bald womöglich Aufstiegsheld in der Premier League: Albert Adomahs irre Geschichte


HINTERGRUND
In Zeiten von Nachwuchsleistungszentren, minutiöser Ausbildung und am Reißbrett entworfener Karrieren sind sie das Salz in der Suppe: Quereinsteiger, die quasi das System überwinden und zeigen, dass man es mit Talent, Willen, Eifer und einer Portion Glück auch auf anderem Wege schaffen kann. So war es zum Beispiel bei Miroslav Klose, der nach seiner Zeit in der A-Jugend zunächst in der Bezirksliga bei Blaubach-Dudelkopf spielte und heute WM-Rekordtorjäger ist. Oder bei Jamie Vardys famosem Aufstieg vom Fußfesselträger, der Auswärtsspiele seines Amateurklubs früher verlassen musste, zum Premier-League -Champion und Englands Fußballer des Jahres 2016.

Arsenal nach den Transfers: Junger Mann zum Mitreißen gesucht

Eine ähnliche Geschichte, die doch so ganz anders ist, und womöglich in wenigen Monaten in der Premier League ihre spektakuläre Fortsetzung findet, hat Albert Adomah hinter sich. Goal erzählt sie.

Der Tipp kam von einem DJ

Bis er 20 Jahre alt war, hatte Adomah mit höherklassigem Kicken, geschweige denn Profifußball, gar nichts am Hut. In London geboren, wuchs der Sohn ghanaischer Eltern bei seiner Großmutter auf. Er trat für sein Leben gern gegen das runde Leder und als Teenager kam er bei den Old Meadonians in Chiswick unter. Das ist im Westen der englischen Hauptstadt, wo Adomah am College of North West London parallel eine Ausbildung zum Maler absolvierte.

Galerie: Die Top-Transfers des Winters

Mit Old Meadonians kickte Adomah regelmäßig nach Feierabend und wie es der Zufall wollte, war bei diesen Freizeitkicks auch ein DJ dabei. Über ihn kam der Kontakt zu David Howell zustande. Howell war Trainer beim Siebtligisten Harrow Borough.

Im Express erinnerte sich Howell an den ungewöhnlichen Tipp: "Ich war Eventmanager und ich hatte eine Bar in Covent Garden, die 'The Spot' hieß und später zu 'The Jewel' wurde. Manchmal habe ich selbst aufgelegt und manchmal habe ich andere DJs gebucht. Einer dieser anderen DJs sagte zu mir: 'Dave, ich habe da einen Spieler für Dich. Er ist jung und er ist aus der Gegend.' In solchen Fällen entgegnete ich nur, er solle ihm meine Nummer geben. Wenn die Spieler dann von sich aus anrufen, weiß man, dass sie interessiert und aufgeschlossen sind. Mich interessieren ihre Kontaktdetails nicht. Wer es ernst meint und Fußballer werden möchte, kann sich melden."

Erlebe die Premier League live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

Und Adomah meldete sich.

Am folgenden Montag trainiert er mit Harrows Junioren. Mittwochs lief er in seinem ersten Spiel auf und schon am Donnerstag absolvierte er seine erste Einheit mit der ersten Mannschaft. "Als er das Spiel mit der Jugendmannschaft hatte, ging ich hin, um ihn mir anzuschauen", sagte Howell. "Nach 20 Minuten sagte ich dem Trainer, er solle ihn runternehmen. Ich hatte genug gesehen, um zu wissen, dass er Potenzial hat."

Howell wurde Adomahs Mentor

Aus dem Tipp eines DJs war die Nachwuchshoffnung Boroughs geworden – und der Schützling Howells. Beide wohnten in unmittelbarer Nähe zueinander, der Trainer sammelte den Teenager auf dem Weg zum Training und zu den Spielen stets ein: "Das war gut und schlecht für ihn, denn ich hab ihm im Auto immer mächtig was erzählt. Ich glaube, er war manchmal erleichtert, als er aussteigen durfte."

Die Mitspieler nannten ihn "Son of Howellsy" und der Trainer wurde tatsächlich zu einer Art Vaterfigur. Sportlich machte Adomah große Fortschritte und Howell wusste, dass er da einen Rohdiamanten entdeckt hatte.

Albert Adomah - Aston Villa 15042017Getty

Adomah war unglaublich schnell, technisch begabt und voller Dynamik, die noch kanalisiert werden musste. Was ihm abging, war die Fitness. "Er hielt in den Spielen der ersten Mannschaft nicht länger als eine Stunde durch", sagte Howell: "Nach 15 Minuten in der zweiten Hälfte nahm ich ihn runter. Für seinen Körper war die Belastung völlig neu."

Aber in der Folge konnte man praktisch von Training zu Training dabei zusehen, wie die Fitness besser wurde. Und so wurde auch schnell deutlich, dass dieser Junge mit dem unnachahmlichen Antritt viel zu gut für die Isthmian League Premier Division war.

Über Barnet und Bristol geht es zu Middlesbrough

2008 wechselte er zum FC Barnet. Dort, mit Anfang 20, sammelte Adomah Erfahrungen in der 4. Liga, die Bedingungen waren semi-professionell. In Barnet blieb er zwei Jahre lang, dann folgte der nächste Karriereschritt, ein Wechsel zu Bristol City in die Championship. Auch dort nahm er eine tragende Rolle ein. Adomah arbeitete und trainierte hart, immer bereit an seinem Stil zu arbeiten. So gelang es ihm, sein Repertoire zu erweitern. Er agierte nun zielstrebiger und effektiver und war stärker im Abschluss.

2011 debütierte der 1,85 Meter große Angreifer für die ghanaische Nationalmannschaft. Für Adomah war es der vorläufige Höhepunkt seiner ungewöhnlichen Laufbahn. 18 Länderspiele (zwei Tore) hat er mittlerweile absolviert und 2014 gehörte er zum Kader bei der Weltmeisterschaft in Brasilien.

2012/13 war Adomahs stärkste Saison und nach 17 Scorerpunkten holte ihn der Ligarivale FC Middlesbrough, mit dem er 2016 den Aufstieg in die Premier League schaffte. Hier ging es dann erstmals für ihn nicht mehr bergauf. Er absolvierte die ersten beiden Spiele der Saison 2016/17 im Oberhaus, wurde anschließend aber an Aston Villa verkauft und war damit wieder zurück in der 2. Liga.

GFX Quote Albert Adomah German

David Howell ist überzeugt davon, dass der mittlerweile 30-Jährige es noch in der Premier League packen kann. Dieser Überzeugung war er schon vor elf Jahren, als er dem aufstrebenden Talent einen Berater besorgte: "Da dachte ich, es sei besser, wenn sich jemand um ihn kümmert und durch meine Kontakte als Trainer kannte ich einen Agenten von dem ich dachte, er sei gut für Albert. Der fragte mich: 'Okay, bis auf welches Level kann er es bringen?' Ich sagte: 'Premier League.' Ich würde einem Spieler niemals Druck machen, wenn ich nicht wüsste, dass er etwas an sich hat."

"Ich werde zeigen, dass sie falsch liegen"

Dieses Etwas könnte nun in der Tat wieder den Weg in Englands Eliteliga finden. Adomah, der mittlerweile 322 Partien in der Championship auf dem Buckel hat, spielt für Villa die wohl stärkste Saison seiner Karriere. Elf Tore hat er nach 25 Spielen bereits erzielt und damit fehlt ihm nur ein Treffer, um seinen persönlichen Bestwert zu egalisieren. Auch dank Adomahs starken Vorstellungen liegt Villa auf dem dritten Tabellenplatz, die Rückkehr ins Oberhaus winkt.

Dabei hatte er einen schleppenden Start in die Saison und musste sogar auf die Ersatzbank. Trainer Steve Bruce verriet: "Zu Beginn war er nicht in der Mannschaft. Aber er hat sich nicht beschwert oder gemeckert. Er kam in mein Büro und sagte: 'Ich werde zeigen, dass Sie falsch liegen.' Er hat dann hart trainiert, seine Chance bekommen und sie beim Schopf gepackt."

Eine Anekdote, die Adomahs Charakter ziemlich gut widerspiegelt. Er ist enorm fleißig und hat einen großen Willen. Bei all seinen Stationen war er Publikumsliebling. Sein ungewöhnlicher Weg in den Profifußball hat ihn dabei Demut gelehrt: "Ich komme aus dem Amateurfußball und bin die Leiter langsam nach oben geklettert. Ich bin dafür sehr dankbar und wenn ich mal einen ruhigen Moment habe, dann denke ich darüber nach."

Sein Entdecker David Howell konnte vor zwölf Jahren nur ahnen, welche Erfolgsgeschichte sich entwickeln sollte.

Auf jeden Fall ist er froh, dass er damals auf den Tipp eines DJs hörte: "Ich war wie ein Mentor für Albert, ich habe ihn unter meine Fittiche genommen. Ich habe ihm gesagt, dass es nicht nur um Fußball geht, sondern auch darum, wie man sich einbringt. Es war eine Lebenserfahrung, sich um Albert zu kümmern und sicherzustellen, dass er den richtigen Weg einschlägt. Sie können heute bei jedem seiner Ex-Klubs nachfragen, welche Meinung sie dort von ihm haben. Jeder wird ihnen antworten: 'Welch ein netter Bursche!'"

Werbung

ENJOYED THIS STORY?

Add GOAL.com as a preferred source on Google to see more of our reporting

0