Wenn plötzlich Real Madrid an der Tür klopft, muss sogar die Pferdelunge der Bundesliga kurz einmal durchatmen. "Dass sie vom Profil her einen Spieler wie mich für ihr Mittelfeld suchen, ehrt mich. Das belegt, dass ich gut arbeite", kommentierte Vladimir Darida die Tatsache, dass er sich auf der Scoutingliste der Königlichen befindet. An einen konkretes Interesse glaubt der Tscheche aber nicht: "Real wird mich nicht verpflichten."
Mit seiner Einschätzung hat Darida vermutlich Recht. Noch. Wahrscheinlich reicht eine gute Spielzeit bei Hertha BSC nicht aus, um einen Verein der Kategorie Real Madrid von einem Wechsel zu überzeugen. Sollte er aber auch in der Zukunft derart konstant und stabil auftreten, hat er durchaus das Zeug, bei einem europäischen Spitzenklub zu landen.
Allen voran die beeindruckende Zahl von durchschnittlich 13,1 gelaufenen Kilometern pro Spiel hinterlassen auf dem ganzen Kontinent Eindruck. "Für mich ist das Laufen nicht so anstrengend wie für andere Fußballer. Ich bekomme nicht so schnell Krämpfe. Ich kann 13 Kilometern pro Spiel laufen, andere können es nicht", sagte Darida in einem Interview mit der Süddeutschen Zeitung und hatte gleich eine Erklärung für seine außergewöhnliche Begabung parat: "In meiner Jugend bin ich sehr viel gerannt und habe sehr viel getobt. Deswegen bin ich von Natur aus ziemlich fit. Ich glaube, bei mir ist es zum größten Teil angeboren."
Doch Darida hat viel mehr, als nur seine unglaubliche Laufstärke zu bieten. Seine strategischen Fähigkeiten und seine Sicherheit beim Passspiel beeindrucken ebenso und spiegeln sich in gut 81 Prozent angekommenen Zuspielen wider. Darida hatte maßgeblichen Anteil daran, dass die Berliner Hertha sich zu einer der größten Überraschung der letzten Bundesligasaison entwickelte und nach sechs Jahren Abstinenz in der nächsten Spielzeit wieder international vertreten ist.
"Er ist aus dem Stand das Herz und die Lunge unseres Spiels geworden", betont Hertha-Manager Michael Preetz die Wichtigkeit Daridas, den er im letzten Sommer zu einem Schnäppchenpreis von 3,8 Millionen Euro vom SC Freiburg loseiste.
Nachfolger tschechischer Legenden
"Ich werde auch nächste Saison für Hertha spielen - und das gern", bekannte sich Darida zu den Hauptstädtern und freut sich darauf, seine Gegner in ganz Europa müde zu laufen. Doch bevor es soweit ist, übernimmt Darida die Verantwortung bei der Europameisterschaft für die Tschechen und tritt in die Fußstapfen namhafter Vorgänger.
Traditionell hatte das osteuropäische Land schon immer begnadete Mittelfeldstrategen in seinen Reihen. Pavel Nedved und Tomas Rosicky brachten jahrelang Eleganz und Kreativität ins Spiel der böhmischen Löwen. Doch weil Rosicky in den letzten Jahren mehr Zeit im Krankenbett als auf dem Fußballplatz verbrachte und die EM in Frankreich höchstwahrscheinlich seit letzter großer Auftritt im Nationaltrikot sein wird, brauchte das osteuropäische Land einen neuen Herrscher im Mittelfeld.
Und diesen sehen die Tschechen in Darida. Als "Zukunft des tschechischen Fußballs" bezeichnete der langjährige Nationalmannschaftskapitän Tomas Galasek den Herthaner in der Morgenpost und traut ihm ebenfalls eine Zukunft bei einem europäischen Spitzenklub zu: "Vielleicht kommt nach vier Jahren bei der Hertha dann einer der ganz großen Klubs. Er kann der nächste Pavel Nedved werden".
Daridas Spielweise unterscheidet sich allerdings von der seiner legendären Vorgänger, da er weniger Zug zum Tor aufnimmt, sondern eher aus der Tiefe des Mittelfelds agiert. Wie wichtig der 25-Jährige für die Tschechen ist, offenbarte die Qualifikation: Er verpasste als einziger Spieler im Kader keine einzige Partie. Nicht einmal Torwartidol Petr Cech wurde diese Ehre zuteil.
Daridas Ziehvater
Solch großes Vertrauen verdankt er dem aktuellen tschechischen Nationaltrainer Pavel Vrba, der zugleich sein wohl größter Förderer ist. Vom Jugendspieler zum wichtigen Leistungsträger reifte Darida unter dem Coach bei Viktoria Pilsen zwischen 2010 und 2013. Zusammen feierten sie große Erfolge, führten den Verein aus dem Mittelmaß zu zwei Meistertiteln und unvergesslichen Nächten in der Champions- und Europa League. Mit dem Wechsel zum SC Freiburg im Sommer 2013 schienen sich die Wege der beiden zu trennen, doch kurze Zeit später heuerte Vrba als Nationaltrainer Tschechiens an. Seitdem sind der Meister und sein Schüler wieder vereint.
Seit Vrbas Ankunft hat Darida auch im Nationaltrikot einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht und ist mittlerweile der leuchtende Stern einer tschechischen Mannschaft, die längst nicht mehr die Qualität von früher hat. Anfang des Jahrtausends gehörte das osteuropäische Land dank klangvollen Namen wie Jan Koller, Pavel Nedved, Marek Jankoluvski, Milan Baros und Karel Poborsky zur Creme de la Creme des europäischen Fußballs.
Heute finden sich im Kader vermehrt Spieler aus der heimischen Liga, der international kaum Beachtung geschenkt wird. Doch Vrba lässt sich von der angeblich mangelnden Qualität seiner Mannschaft nicht beeindrucken. "Ich habe Spielern eine Chance gegeben, an die keiner geglaubt hat, nur weil sie in der tschechischen Liga spielen. Doch sowohl Jungs von Viktoria Pilsen als auch von Sparta Prag haben in europäischen Klubwettbewerben bewiesen, dass sie gegen Top-Klubs mithalten können".
Der Erfolg gibt ihm Recht. Es scheint, als besäße Vrba die besondere Fähigkeit, aus jedem Spieler stets das Maximum rauszuholen. Die Qualifikation verlief grandios: Zweimal schlug Tschechien die Niederlande (2:1, 3:2) und fuhr als Gruppenerster vor Island und der Türkei nach Frankreich. Da Vrba Verfechter eines sehr offensiven Spielstils ist, bieten die Tschechen zudem phasenweise spektakulären Fußball an.
Die offensive Ausrichtung wirkt sich jedoch erheblich auf die Defensive aus. In der Qualifikation kassierte kein anderer EM-Teilnehmer so viele Gegentreffer wie die böhmischen Löwen (14). Es bräuchte mehr Daridas, um die Schwächen in der Defensive durch Laufstärke auszumerzen und die richtige Balance zwischen Abwehr und Angriff zu finden. Doch Vrba weiß genau: Darida ist einzigartig.
