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Vardy: Mit 22 achte Liga, mit 28 Weltspitze

Im Jahr 2009, als Lionel Messi 22 war, hatte er bereits zwei Mal die Champions League gewonnen und war kurz davor, zum ersten Mal Weltfußballer zu werden. Er war zweifacher Fußballer des Jahres in Argentinien und hatte zudem zwei spanische Meistertitel gewonnen.

Im gleichen Jahr, in dem Messi ganz Europa verzückte, spielte im englischen Niemandsland ein 22-jähriger Stürmer in der achten Liga. Messi spielte vor 80.000 Zuschauern, Jamie Vardy vor höchstens 800.

Mitten in England, in der Nähe von Leeds, liegt Stocksbridge, ein Sheffielder Vorort. Knapp 19.000 Menschen wohnen dort. Es ist ein Arbeiterstädtchen mit Pubs, alten Backsteinhäusern und hart arbeitenden Einwohnern. Der Fußballplatz ist umrandet von einer kleinen und uralten Tribüne, von wo die Kiebitze den Spielern zurufen, sie mögen ihren Arsch doch bitte ein wenig schneller bewegen.

Hier, auf dem Rasen von Stocksbridge, auf dem seit jeher ein ehrliches Tackling mehr zählt als ein filigraner Übersteiger, begann der Aufstieg des Jamie Vardy, der in dieser Saison seinen vorläufigen Höhepunkt erreicht. Nach zwölf Spielen hat er für Leicester City zwölf Tore erzielt, in den neun letzten Partien hat er getroffen - nur noch ein weiteres Tor fehlt zum Rekord von Ruud van Nistelrooy. Wohlgemerkt in der Premier League.

Wie also kann ein 22-Jähriger aus der achten Liga, der als Schichtarbeiter in einer Fabrik für Fußprothesen arbeitet, abends mit seinen Teamkollegen nach einem Dutzend Pints nach Hause torkelt und den Traum von der Profi-Karriere längst aufgegeben hat, sechs Jahre später das englische Oberhaus kurz und klein schießen und Nationalspieler sein?

Mit 15 aussortiert

Nun, die Antwort auf diese Frage mutet wie ein modernes Märchen an. In einer Zeit, in der bereits 13-Jährige Laktattests machen und taktisch perfekt geschult werden, in der die Talentsucher überall sind, hat es einer von ganz unten nach ganz oben geschafft, obwohl eigentlich überhaupt nichts dafür sprach. Vardy wurde mit 15 bei Sheffield United aussortiert. Mit einer Körpergröße von nur knapp über 1,40 Meter war er zu schmächtig, zu klein. Frustriert gab er auf und schlug sich die Idee vom Profi und den Traum von der englischen Nationalmannschaft aus dem Kopf.

Er hörte mit dem Fußball auf, begann aber bald bei Stocksbridge, weil ihn dieser "Virus einfach nicht losließ". Schnell war klar, dass man ein absolutes Juwel bekommen hatte. Klub-Boss Allen Bethel erinnert sich: "Da war dieser schmale Junge, der unglaublich viel fluchte und im Training jähzornig Trinkflaschen warf. Er schuftete nebenbei in der Fabrik wie alle anderen. Aber wie er spielte: Verflucht, er war nicht zu stoppen. Von niemandem!"

Bald war er eine kleine Lokalberühmtheit, weil er in der Jugend alle Rekorde brach und ballerte, was das Zeug hielt. Fünferpacks waren bei ihm an der Tagesordnung. Bethel ordnete Krafteinheiten an, als Vardy in Stocksbridges A-Jugend kickte, 2007 wurde er als 20-Jähriger in die erste Mannschaft des Achtligisten berufen.

Und Vardy gab alles. Sie waren eine eingeschworene Truppe, die abends feierte und sonntags im Spiel füreinander durchs Feuer ging. Vardy merkte, dass die achte Liga längst nicht das Ende war. Das Toreschießen fiel ihm genau so leicht wie in der Jugend, auch wenn er jetzt gegen bärtige Treter spielte und nicht mehr gegen schmale Gleichaltrige. "Ich hatte plötzlich ein Ziel in meinem Leben und habe mir in jedem Training den Arsch aufgerissen, um mich hochzuarbeiten“, sagte er heute.

Torjäger mit Fußfessel

Dabei hatte er mit einem kuriosen Handicap zu kämpfen. Nach einer Kneipenschlägerei, in der er einem Freund half und einem Mann die Nase brach, musste er für ein halbes Jahr eine Fußfessel tragen. Bis 18 Uhr musste er jeden Tag zu Hause sein, um nicht gegen die Auflagen zu verstoßen. "Ich musste teilweise über Zäune springen und nach Hause sprinten, um meine Auflagen nicht zu verletzen", so Vardy, der nicht selten schon zur Halbzeit die Heimreise antreten musste oder erst gar nicht mitspielen konnte.

Nach einem Aufstieg und 67 Toren in drei Jahren wechselt er 2010 schließlich zum Ligakonkurrenten Hallifax City. Wegen seines Jobs in der Prothesen-Fabrik schlug er Angebote von Drittligisten aus - wohl auch, weil Hallifax ihm für Siebtliga-Verhältnisse viel Geld bot. Er zahlte die in ihn gesteckten Pfunde voll zurück und schoss Hallifax mit 27 Toren zum Aufstieg in die sechste Liga. Diese übersprang er, weil er schon 2011 zum Fünftligisten Fleetwood Town wechselt. Er war 24 und endlich angekommen im Profifußball, der in England in Liga fünf beginnt. Team-Eigentümer Andy Pilley blätterte umgerechnet 200.000 Euro für Vardy hin - bis dato Rekord für einen Amateurspieler.

Die Teamkollegen waren sauer, sie konnten nicht verstehen, was man mit einem will, der bis jetzt nur "gegen Postboten und Klempner" gespielt hat, wie es Fleetwood-Teamkollege Gareth Seddon gegenüber dem Guardian erzählte. Im ersten Training schoss Vardy dann zwölf Tore – und es wunderte sich niemand mehr.

Er machte einfach da weiter, wo er aufgehört hatte und führte Fleetwood mit 31 Toren zum Aufstieg. Wie ein guter Wein schien er mit jedem Jahr besser zu werden und zu reifen. Er hatte inzwischen breite Schultern, im linken Fuß eine Urgewalt an Schusskraft und hatte sich während seines Aufstiegs durch die Ligen des englischen Amateurs-Fußballs allerhand Tricks angeeignet: Kleine Tritte, der Ellbogen im richtigen Moment gehörten ebenso zu seinem Repertoire wie Tore aus allen Lagen.

Als Flop abgestempelt ...

Während eines Ligaspiels Fleetwoods saß Nigel Pearson, Trainer von Zweitligist Leicester City auf der Tribüne. "Den Jungen musst du mit eigenen Augen sehen", hatte ihm ein Scout aufgetragen. Wie er Recht hatte. Vardy traf drei Mal und bereitete zwei Treffer vor. Pearson zögerte nicht lange und wurde beim thailändischen Klub-Boss vorstellig.

Zum Glück hat Vichai Srivaddhanaprabha nur wenig Ahnung von englischem Fußball, sodass er bereit war, die von Andy Pilley geforderte Summe von aberwitzigen 1,4 Millionen Euro locker zu machen. 2012 wechselt Vardy zu Leicester City und die Medien begehrten auf. Über eine Millionen Euro für einen 25-Jährigen aus der fünften Liga? Vardy wurde zum neuen Symbol des von Abramowich in Gang gesetzten Investoren-Wahnsinns - und in der ersten Saison zum Feindbild der Fans.

Es gelang ihm zunächst nicht, sein Spiel an die deutlich gestiegene Klasse der Abwehrleute anzupassen. Sie waren nun schneller und nicht mehr so leicht abzuschütteln wie seine bisherigen Kettenhunde. Nur vier Tore gelangen ihm in der zweiten Liga und der Anhang machte seinem Ärger über den vermeintlichen Flop in den sozialen Medien Luft. "Verpiss dich wieder ins Niemandsland" schreiben sie oder "Über eine Millionen? Freibier für die Fans wäre eine bessere Investition gewesen".

Vardy konnte mit den Anfeindungen und der Häme nicht umgehen, er kannte bis dahin nur eine Richtung: bergauf. "Ich habe damals an mir selbst gezweifelt und sogar darüber nachgedacht aufzuhören, obwohl ich einen Vertrag bis 2015 hatte. Nigel Pearson und unserer Assistenztrainer Craig Shakespeare haben mir aber immer wieder Mut zugesprochen und mir vertraut."

... wurde er zum Publikumsliebling

Er blieb und selten war eine Entscheidung für Verein und Spieler besser. 2013/2014 schoss er Leicester mit 16 Toren zum Aufstieg und die Fans hatten einen neuen Publikumsliebling, dem sie eigene Chants wie "Jamie Vardy is having a party!" widmeten. Sie liebten ihn nicht nur wegen seiner Tore, sondern auch wegen seiner nie schwindenden Bolzplatz-Aura, wenn er etwa Journalisten mit heftigstem Gossen-Jargon beleidigt oder sich auf der Weihnachtsfeier des Klubs mit den Fans betrinkt.

Nach dem Klassenerhalt im ersten Jahr mit fünf Vardy-Toren überrascht Leicester City in dieser Saison alle. Man ist Tabellendritter, nur einen Punkt hinter Spitzenreiter ManCity. Und das Symbol für den Aufstieg: Jamie Vardy. Zwölf Spiele, zwölf Volltreffer, die ganze Liga zittert vor ihm. Vor seinem Kampfgeist, seiner unermüdlichen Spielweise, seinem eiskalten Abschluss. Genauso wie er in der achten Liga die Verteidiger zur Verzweiflung brachte, macht er es jetzt mit millionenschweren Stars der Premier League.

Natürlich hat ihn das auch in die englische Nationalmannschaft gebracht. Im Juni debütierte er, inzwischen hat er unter Roy Hodgson vier Länderspiele absolviert. Was ihm im Trikot der Three Lions, dem Trikot, von dem er immer geträumt hat, noch fehlt, ist ein Torerfolg. Der wird wohl kommen, vielleicht ja bei der EM 2016, passen würde es zu seinem Werdegang.

Im Kampf um den Goldenen Schuh belegt Jamie Vardy derzeit den achten Rang, zwei Plätze vor einem gewissen Neymar. Der ist 23 Jahre alt und längst ein Weltstar. Als Vardy im Alter des Brasilianers war, kickte er in der siebten Liga. Heute ist er 28 und hat den Sprung vom Rasen in Stocksbridge zu einem der aktuell besten Stürmer der Welt geschafft. Wenigstens das hat er mit Lionel Messi oder Neymar jetzt gemeinsam.

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