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Ex-Bundesliga-Stürmer Vahid Hashemian im Interview: "Magath hat mit uns Bergwanderungen unternommen"

12:04 MESZ 07.04.20
ONLY GERMANY Vahid Hashemian Bayern 2004
Hashemian spricht über Magaths Methoden und die Angst vor einer Suspendierung. Zudem: Welche Bundesligisten ihn vor seinem Bayern-Wechsel wollten.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Unter dem Spitznamen "Hubschrauber" machte sich Vahid Hashemian einen Namen in der Bundesliga. Mittlerweile hat sich der Iraner mit seinen 43 Jahren voll und ganz dem Trainerdasein gewidmet. Ambitioniert ist er jedoch noch immer.

Der heutige Co-Trainer der Nationalmannschaft des Iran kickte von 1999 bis 2010 in der Bundesliga und sammelte dabei Erfahrungen bei insgesamt vier deutschen Klubs, unter anderem beim großen FC Bayern München.

In der aktuell fußballfreien Phase spricht Hashemian im exklusiven Interview mit Goal und SPOX  über seine fußballerischen Anfänge auf den Straßen Teherans, den Kulturwechsel in Deutschland und seine kurze Zeit beim FC Bayern. Außerdem: Wie er die harte Trainingsmethodik von Felix Magath wahrgenommen hat und wie sein Verhältnis zu Robert Enke war.


Vahid, Ihre Vorliebe für den Fußball haben Sie einst auf den Straßen Teherans entdeckt. Wie lief das ab?

Vahid Hashemian : Wir haben einfach viel auf der Straße gespielt. In den Schulferien war ich zudem regelmäßig in verschiedenen Fußballschulen. Dort spielten wir dann auf Rasenplätzen, das war natürlich ein ganz anderes Gefühl.

Welche Bedeutung hatte der Fußball damals in Ihrer Geburtsstadt?

Hashemian : Im Iran gibt es einige Sportarten, in denen das Land regelmäßig Auszeichnungen gewinnt, etwa Ringen oder Taekwondo. Aber die Lieblingssportart der Menschen ist trotzdem Fußball, die Leute sind verrückt danach. Wenn ein großes Derby ansteht, sind die Straßen wie leergefegt, weil jeder dieses Spiel anschaut.

Gab es in Ihrer Kindheit einen Klub, den Sie besonders verehrt haben?

Hashemian : Meine Lieblingsteams waren früher tatsächlich Argentinien und Deutschland. Als die beiden Nationen im WM-Finale 1990 gegeneinander gespielt haben, war das für mich sehr schwierig. Damals war es noch nicht so einfach, Spiele vor dem Fernseher zu verfolgen, aber an diese Partie kann ich mich noch sehr gut erinnern.

Zu welchen Fußballern haben Sie als Kind beziehungsweise Jugendlicher aufgeblickt?

Hashemian : Diego Maradona war früher mein Lieblingsspieler. Außerdem mochte ich Lothar Matthäus, Marco van Basten und Gary Lineker.

Wann haben Sie selbst erstmals in einem Verein gespielt?

Hashemian : Ich habe mit 15 oder 16 Jahren erstmals an einem organisierten Fußballturnier teilgenommen - im Fünf-gegen-Fünf-Modus. Danach ist ein Mann auf mich zugekommen und hat gefragt, ob ich nicht in einem Verein spielen möchte. Er hat mich dann zum Training in eine iranische U17-Mannschaft eingeladen. So hat meine Vereinskarriere bei Fath Teheran begonnen.

Im Sommer 1999 sind Sie nach Deutschland gekommen. Wie groß war die Umstellung?

Hashemian : Ich war aus dem Iran ein sehr familiäres Leben gewohnt, dann bin ich ganz alleine nach Deutschland gezogen - in ein neues Land mit einer neuen Kultur und einer neuen Sprache. Ich habe etwas Zeit gebraucht, um mich daran zu gewöhnen. Aber das ist wohl ganz normal.

Gab es unangenehme Erlebnisse in der Anfangszeit?

Hashemian : Sportlich hatte ich anfangs etwas Pech. Im Trainingslager mit dem HSV habe ich mir die Nase gebrochen, zudem hat mich eine Bauchmuskelzerrung sechs Monate außer Gefecht gesetzt. Das hat den Einstieg zusätzlich erschwert.

Wie stand es um Ihre Sprachkenntnisse?

Hashemian : Die deutsche Sprache war sehr schwer zu erlernen. In unserer Sprache gibt es keine Artikel, also saß ich damals da und dachte mir nur: Puh, Artikel. Beim Deutsch lernen bin ich schnell verrückt geworden. Ich habe aber versucht, durch die Kommunikation mit den anderen Spielern Fortschritte zu machen.

Welche Erinnerungen haben Sie an Ihre erste Trainingseinheit in Hamburg?

Hashemian : Ich kann mich noch erinnern, dass wir auf der alten Trainingsanlage in Norderstedt trainiert haben. Was genau der Trainingsschwerpunkt war, weiß ich nicht mehr, Kopfballtraining war aber auf jeden Fall dabei.

Womit wir bei Ihrem Spitznamen wären: Warum Hubschrauber?

Hashemian : Ich konnte schon im Iran gut springen und köpfen. Beim HSV hat mich Frank Pagelsdorf dann während des Kopfballtrainings immer für meine Sprungkraft aus dem Stand gelobt. Er sagte, ich sei wie ein Hubschrauber. Daher kommt der Spitzname.

Sie spielten mit Niko Kovac zusammen. Was zeichnete ihn aus?

Hashemian : Niko kam genau zu dem Zeitpunkt aus Leverkusen zum HSV, als ich nach Hamburg wechselte. Er war ein Gentleman mit einem sehr selbstbewussten Auftreten. Zudem war er unheimlich clever. Er konnte das Spiel lesen und lenken.

Was war die größte Lehre, die Sie beim HSV gezogen haben?

Hashemian : Die ganze Zeit beim HSV war für mich ein Lernprozess. Dort habe ich die deutsche Kultur, die deutsche Sprache und den deutschen Fußball kennengelernt. Hamburg hat eine wichtige Rolle in meiner Entwicklung gespielt. Der damalige Präsident des VfL Bochum, Werner Altegoer, hat mich dann aber davon überzeugt, dort zu unterschreiben.

Nach nur 17 Pflichtspielen und einem Tor in zwei Jahren beim HSV etablierten Sie sich in Bochum als Bundesligaspieler.

Hashemian : Zu meiner Anfangszeit waren wir unter Trainer Bernhard Dietz nicht gerade erfolgreich. Dann kam Peter Neururer, unter dem ich zum Stammspieler wurde.

Was machte ihn aus?

Hashemian: Manchmal braucht man einen Trainer, der nicht nur fachlich gut ist, sondern auch menschlich. Peter hat mich immer unterstützt und exzellent motiviert. Spieler sind keine Maschinen. Jeder braucht jemanden, der ein Gespür für gewisse Situationen hat. Und er hatte dieses Gespür.

Inwiefern hat sich das geäußert?

Hashemian : Dazu eine Anekdote: Ich war wie gesagt Stammspieler und mir deshalb sicher, im nächsten Spiel in der Startelf zu stehen. Dann saß ich aber auf der Bank und war entsprechend enttäuscht und sauer. Im nächsten Training bin ich kaum gelaufen, hatte keine Motivation. Er hat mich dann in die Kabine geschickt. Auf dem Nachhauseweg habe ich mich bereits gefragt, welche Konsequenzen nun wohl drohen.

Wie ging es weiter?

Hashemian : Im nächsten Training war ich der Erste vor Ort und Peter hat mich in die Trainerkabine bestellt. Ich hatte Sorgen, suspendiert zu werden, Peter sagte mir aber nur, dass mein Verhalten nicht okay gewesen sei und ich nun trainieren solle. Ich wusste selbst, dass ich alles falsch gemacht hatte. Daraus habe ich gelernt.

Nach 16 Toren in 32 Bundesligaspielen für den VfL wechselten Sie im Sommer 2005 zum FC Bayern. Wie kam das zustande?

Hashemian : Ich hatte damals mehrere Angebote, unter anderem von Schalke und aus dem Ausland. Als aber das Angebot des FC Bayern kam, wusste ich, was zu tun ist. Bereits als ich nach Deutschland kam, war es mein Traum, für den FC Bayern zu spielen. In einem solchen Verein stand und steht quasi immer eine Weltauswahl auf dem Platz.

Wie haben Sie Trainer Felix Magath wahrgenommen?

Hashemian : Er war früher ein großer Spieler und anschließend ein erfolgreicher Trainer mit einem speziellen Charakter. Er wollte mich auch schon nach Stuttgart holen, ehe ich nach München gegangen bin.

Welches Vier-Augen-Gespräch mit Magath ist Ihnen besonders in Erinnerung geblieben?

Hashemian : Magath war jemand, der wenig mit den Spielern gesprochen, sondern mehr Wert auf das Training gelegt hat. Ging es nach ihm, mussten die Spieler bis an die Grenzen gehen und teilweise darüber hinaus. Man durfte keine Barriere im Kopf haben.

Wie beurteilen Sie seine Trainingsmethodik?

Hashemian : Seine Methoden waren sehr hart. Dementsprechend war ich in dem einen Jahr beim FC Bayern aber auch ziemlich fit. Ich habe im Verein zwar wenig gespielt, zu dieser Zeit aber die wichtigsten Tore meiner Karriere für die iranische Nationalmannschaft geschossen. Das war kein Zufall.

Was zeichnete seine Einheiten aus?

Hashemian : Neben den fußballerischen Aspekten wie Testspielen haben wir viel mit Medizinbällen gearbeitet. Zudem hat er mit uns außergewöhnliche Dinge wie Bergwanderungen unternommen.

Hatten die Spieler Angst vor Magath?

Hashemian : Vor ihm hatte ich keine Angst, aber vor seinen Trainingseinheiten (lacht). Im Ernst: Ich habe nie gesehen, dass er ausgerastet ist oder unruhig war.

Wie bewerten Sie Ihre Zeit beim FC Bayern rückblickend?

Hashemian : Ich bin sehr stolz, dass ich beim FC Bayern war. Und ich habe dort mit guten Leuten zusammengearbeitet. Ich sage immer: Man muss es probieren. Man gewinnt oder verliert, aber wenn man es nicht probiert, verliert man.

Nach einem Jahr wechselten Sie im Sommer 2005 nach Hannover.

Hashemian : Hannover 96 ist ein Traditionsverein, der sich damals in einer Aufbauphase befand. Ich habe dort verschiedene Trainer miterlebt, insgesamt war es eine gute Zeit.

Wie haben Sie Per Mertesacker erlebt?

Hashemian : Er war ein junger Spieler, strotzte aber nur so vor Selbstvertrauen. Er war ein richtig guter Innenverteidiger. Obwohl er jung war, trug er schon die Kapitänsbinde bei Hannover. Es zeigte sich schon damals, dass er ein großer Spieler werden würde.

Welche Erinnerungen haben Sie an Robert Enke?

Hashemian : Robert Enke war ein Top-Mensch und ein starker Torhüter. Ich habe nie geahnt, dass er mit Depressionen zu kämpfen hat. Er war immer selbstbewusst, wirkte selbstsicher und hat andere motiviert.

Wie haben Sie von seinem Tod erfahren?

Hashemian : Als ich davon erfahren habe, konnte ich es nicht glauben. Ich habe nur gedacht: Das kann, das darf nicht wahr sein. Aber leider ist es passiert. Ich war zu der Zeit beim VfL Bochum und wir hatten unter der Woche ein Testspiel. Ein Spieler ist in die Kabine gekommen und hat irgendetwas von Robert Enke erzählt. Ich habe das erst gar nicht kapiert und nochmal nachfragen müssen. Als ich es dann verstanden habe, war das ein sehr trauriger Moment.

Hat das mit Ihnen oder Ihrer Denkweise etwas gemacht?

Hashemian : Fußballprofi zu sein, ist nicht einfach. Heute will gefühlt jede Familie ihre Kinder zu Profis machen und macht deswegen viel Druck. Und dieser Druck verfolgt dich die ganze Karriere. Spieler und Trainer sind auch nur Menschen - und irgendwann kann man diesem Druck nicht mehr Stand halten.

Im Jahr 2012 haben Sie Ihre Karriere beendet. War Ihnen vorher schon klar, dass Sie einmal Trainer werden wollen?

Hashemian : Bereits als Spieler wollte ich Trainer werden. Schon zu meiner aktiven Zeit habe ich mir nach den Trainingseinheiten Notizen gemacht. Manche Unterlagen von meiner Zeit beim HSV habe ich sogar noch daheim.

Ihre erste Trainerstation war dann beim damaligen Fünftligisten, dem SV Halstenbek-Rellingen, in Hamburg.

Hashemian : Im Jahr 2008 war ich zwar Spieler, habe aber nebenher die B-Trainerlizenz gemacht. 2010/2011 folgte dann die A-Lizenz, ehe ich 2012 meine aktive Karriere beendet habe. Nachdem ich die Aufnahmeprüfung für den Fußballlehrer beim DFB bestanden hatte, war ich auch noch Individualtrainer und bin anschließend U17-Co-Trainer geworden. Das war alles ein Prozess.

Gibt es eine Anekdote aus der Zeit in der 5. Liga? Das war doch sicher eine Umstellung für Sie.

Hashemian : Ich war Bundesliga-Profi, habe bei einem Top-Klub gespielt und dann als Trainer in der Oberliga angefangen. Ich wollte das sehr diszipliniert angehen, wollte, dass jeder Spieler wie selbstverständlich zum Training kommt. Dann habe ich gemerkt, dass dem nicht so ist. Zu begreifen, dass viele Spieler arbeiten müssen und deswegen nicht am Training teilnehmen können, war etwas schwierig für mich.

Auf dem Weg zum Fußballlehrer hatten Sie die Gelegenheit, bei Pep Guardiola zu hospitieren.

Hashemian : Wenn man Fußballlehrer werden will, muss man bei einem Profiverein ein Praktikum machen. Der DFL stellte zur Auswahl, dass man sich selber einen Klub sucht oder einen zur Verfügung gestellt bekommt. Ich habe mit Hermann Gerland Kontakt aufgenommen und die Erlaubnis bekommen, fünf Wochen lang die Trainingseinheiten des FC Bayern anzuschauen und die Trainerphilosophie von Pep Guardiola zu beobachten. Pep kam jeden Tag zum Training und hatte einen exakten Plan, den er durchführte. Ich bin dankbar, dass ich diese Erfahrung machen durfte. Das war ein tolles Erlebnis.

Hatten Sie die Chance, mit ihm unter vier Augen zu sprechen?

Hashemian : Leider nicht. Hermann Gerland war mein Ansprechpartner. Ich habe einmal versucht, mich mit Pep zu unterhalten, das hat aber leider nicht geklappt. Trotzdem war es ein tolles Erlebnis, sich die – zum Teil geheimen - Trainingseinheiten anschauen zu dürfen.

Mittlerweile sind Sie Co-Trainer der iranischen Nationalmannschaft. Wie würden Sie Ihre Tätigkeit beschreiben?

Hashemian : Bei der Nationalmannschaft ist es anders als im Verein. Wir müssen die Spieler und deren Entwicklung beobachten und dabei auch genau auf ihre Fitness achten. Man hat wenig Zeit, um taktische Feinheiten einzustudieren. Der Cheftrainer hat viel Zeit, Gegner zu analysieren, aber mit der eigenen Mannschaft wirklich intensiv zu arbeiten, ist nicht möglich. In dieser kurzen Zeit hat man also sehr hohe Verantwortung.

Welche Ziele haben Sie für die kommenden Jahre?

Hashemian : Mein Ziel ist es, Trainer in der Bundesliga zu werden. Ebenso will ich eines Tages iranischer Nationaltrainer werden. Dafür gebe ich alles.