Gelöst, glücklich, freudestrahlend saß er da, auf dem Podium. Mit Baskenmütze und Baguette, typisch EM-Gastgeberland eben, zelebrierte Österreichs Nationaltrainer Marcel Koller vergangenen September bei der Pressekonferenz am Tag nach der eingetüteten Qualifikation das Erreichte. Österreich ist bei der Endrunde in Frankreich, war die Nachricht, die die gesamte Alpenrepublik in Ekstase versetzte.
Dass mit Koller ausgerechnet ein Schweizer Nachbar der Vater des Erfolges ist, stört niemanden. Im November 2011 hatte er die damals im europäischen Vergleich eher drittklassige und sehr biedere ÖFB-Elf übernommen, entwickelte sie kontinuierlich zurück zu einem ernsthaften Anwärter für die Teilnahme an einem großen Turnier.
Klammert man die Heim-EM 2008 aus, gelang die Qualifikation für ein solches aus eigener Kraft zuletzt 1998, vor 18 Jahren. Eine lange Durststrecke, die den Fußball im Land der großartigen Wintersportler deutlich ins Hintertreffen geraten ließ. Umso größer ist nun die Aufbruchstimmung.
Zwischen Euphoriebremse und Ambitionen
"Die Euphorie ist schon wieder übergeschnappt. Lasst uns jetzt erstmal nach Frankreich fahren", warnte Koller im September nach einem herzhaften Biss in sein Baguette. Gleichzeitig hielt er mit Ambitionen aber nicht hinterm Berg. "Wir wollen uns nach oben keine Grenzen setzen", so die Marschroute.
GoalVon einem rot-weißen Wunder träumt man bereits, ganz leise nennt mancher Experte die Österreicher als Geheimfavorit. Wohl etwas zu hoch gegriffen - und doch kann Kollers Team bei der EURO ganz sicher eine gute Rolle spielen.
Die Qualifikation reicht dafür als Beleg. Souverän wurde man Gruppenerster, ungeschlagen, neun Siege, ein Remis, keine Niederlage. Acht Punkte betrug der Vorsprung auf Russland, gegen die Sbornaja gewann Österreich beide Spiele. Und gegen Zlatan Ibrahimovic' Schweden, ebenfalls keine Laufkundschaft, gelang auswärts der alles entscheidende 4:1-Erfolg.
Das Achtelfinale ist angesichts der machbaren Gruppe um Portugal, Island und Ungarn allemal machbar. Was danach kommt, hängt auch von den Gegnern hängt stückweise auch von Glück ab. "Sicher stehen wir nicht bei allen auf dem Zettel ganz oben, aber ich traue uns sehr viel zu", sagte Bayerns David Alaba kürzlich mutig. "Wenn wir unsere Leistung bringen, dann ist viel möglich."
Alaba die tragende Säule
Alaba ist der absolute Superstar Österreichs, ist Führungs- und Schlüsselspieler. Anders als im Verein als Links- oder Innenverteidiger ist er bei Koller in der Mittelfeldzentrale gesetzt. Die Position, auf der sich der technisch versierte, enorm spielintelligente Linksfuß laut eigener Aussage am wohlsten fühlt. Und auf der er - trotz des Slapstick-Eigentores beim jüngsten 2:1-Testspielsieg über Malta - überragende Leistungen zeigt.
Dass er nicht hinten links ran muss, hat er auch dem Umstand zu verdanken, dass dort Kapitän Christian Fuchs sein Hoheitsgebiet hat. Der Ex-Schalker, nach dem sensationellen Meistertitel mit Leicester City vor Selbstvertrauen strotzend, ist der nächste unverzichtbare Eckpfeiler der ÖFB-Elf, gleiches gilt für Innenverteidiger Aleksandar Dragovic.
In Mittelfeld und Offensive sind neben Alaba vor allem Akteure aus dem insgesamt 15 Mann starken Pool von Spielern aus Deutschlands 1. und 2. Bundesliga wichtig. Der Ex-Mainzer und Neu-Leverkusener Julian Baumgartlinger bekleidet die Staubsauger-Rolle neben Alaba, Bremens Zlatko Junuzovic wirbelt auf der Zehn, Stuttgarts Martin Harnik auf den Außen.
"Das ist immens wichtig"
Neben dem Schweizer Coach ist also auch der deutsche Einfluss auf das Team aus dem 8,5-Millionen-Einwohner-Land nicht zu verkennen. "Das ist immens wichtig, das Fundament des Erfolgs. Immer wenn wir gute Legionäre hatten, hatten wir gute Nationalmannschaften", sagt Österreichs ehemaliger Nationalcoach Herbert Prohaska über die Bedeutung der weitreichenden Deutschland-Erfahrung.
Rubin Okotie von 1860 München oder Lukas Hinterseer vom FC Ingolstadt sind derweil etwa Kandidaten für den einen vakanten Platz im Sturmzentrum, den Vorzug dürfte aber Basels Marc Janko erhalten. Wirklich gut ist die Besetzung auf der Neuner-Position für ein Turnier damit nicht, sondern eher Durchschnitt.
Umso mehr Offensiv-Last trägt daher der frühere Werder-Star Marko Arnautovic, von dem der wohl größte Zug zum Tor ausgeht. Der 27-Jährige hat bei Stoke City eine starke Premier-League-Saison gespielt, ist längst nicht mehr das Enfant terrible früherer Tage. Koller schätzt ihn enorm, hat ihn in den Griff bekommen. "Er hat nicht immer das Stiefmütterliche oder das Liebe, das Brave. Aber das ist wichtig", betonte der Coach einst - und fügte an: "Er ist ein hervorragender Fußballer."
Unter anderem die Qualitäten Arnautovic' sollen in Frankreich für österreichische Überraschungen sorgen. "Wir werden nie zurückstecken, nie ängstlich sein, Vollgas geben und im positiven Sinne des Wortes provozieren", verspricht Koller, der sich beim ganz großen Wurf vor einer erneuten Pressekonferenz mit Baskenmütze und Baguette wohl nicht scheuen würde. "Möglich ist alles."
