PORTRÄT
Der 29. Oktober vergangenen Jahres war für Theo Hernandez ein besonderer Tag. In der eigenen Hälfte luchste er Danilo den Ball ab, setzte zum Flügellauf an. Von Teamkollege Victor Camaras bedient, hängte Hernandez dann auch noch Pepe ab, gab wuchtig in den Strafraum. Dort stand Deyverson goldrichtig - drin. Die frühe Führung für Underdog Deportivo Alaves gegen das große Real Madrid .
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Zwar stand es am Ende aus Sicht von Hernandez und Alaves 1:4. Der 19-Jährige, er, der seine komplette Jugend bei Reals Stadtrivale Atletico Madrid verbracht hatte, dürfte sich jenen Herbsttag dennoch rot im Kalender markiert haben. Erstes Spiel gegen die Königlichen, gleich ein Assist. "Das war eine meiner besten Szenen der laufenden Saison", sagte er euphorisch. Reduzieren lassen will er sich darauf allerdings nicht: "Aber mir ist schon noch mehr gelungen."
Und wie ihm das ist. In 32 der bisher 37 LaLiga-Spiele stand er für Alaves auf dem Rasen, lieferte drei Vorlagen, erzielte gar ein Tor selbst. Eines der größten Defensiv-Talente Europas war er schon, bevor er sich letzten Sommer von Atletico ausleihen ließ. Knapp ein Jahr später hat er bewiesen, dass er sein Potenzial auch auf höchstem Niveau abrufen kann.




Als schnell, kraftvoll und wuchtig beschreibt Hernandez sich selbst. Auf der Linksverteidiger-Position fühlt er sich am wohlsten, kann gut verteidigen, vermeintlich noch besser nach vorne spielen. "Auf meiner Position muss man beide Facetten des Spiels beherrschen", sagt Hernandez. Dem jungen Gareth Bale ähnele er, meint so mancher Experte. Technisch stark, gute Zweikampfquote (60,1 Prozent), brutale Geschwindigkeit, erstklassige Flanken. Und: Wegen seiner guten körperlichen Voraussetzungen und seinem taktischen Geschick kann Hernandez auch Innenverteidiger.
Zwei Personen dürfte er mit seinen Qualitäten und der Entwicklung des vergangenen Jahres ganz besonders stolz machen. Bruder Lucas, eineinhalb Jahre älter, der sich bereits in Atleticos A-Team etabliert hat. Und Vater Jean-Francois Hernandez, früher selbst Profi.
Wegen der Karriere des Papas kam Theo, der in Marseille geboren wurde und sich bisher stets für französische Junioren-Nationalmannschaften entschied, schon als kleines Kind in die spanische Hauptstadt. Zwischen 1998 und 2002 spielte Hernandez senior dort entweder für Rayo Vallecano oder für Atletico Madrid, beendete dann seine Karriere. In diese Fußstapfen ist Theo bereits getreten, hat seine erste Saison in Spaniens Beletage erfolgreich hinter sich, war Stammspieler.

Die nächsten Fußstapfen, die er ausfüllen will, dürften die seines Bruders sein. Der Auftrag: Bei einem europäischen Top-Klub etablieren. Wo das sein wird, scheint derzeit offen. Der FC Barcelona und Real Madrid sind bereit, die Ausstiegsklausel in Höhe von 24 Millionen Euro an Atletico zu überweisen, wie Theos Berater kürzlich bestätigte. Die Königlichen sind dabei offenbar in der Pole Position, laut Marca ist der Wechsel zu Real schon fix. Ausgerechnet zu Real.
Das Problem aus Sicht von Hernandez: Marcelo. Der Brasilianer hat die vielleicht beste Spielzeit seiner Karriere hinter sich, ist bei Real auf links absolut gesetzt, zudem mit 29 noch im besten Fußballer-Alter. Theo müsste sich mächtig strecken, um regelmäßig spielen zu dürfen.
Bei Atletico wären die Perspektiven wohl freundlicher. Auch dort hat derzeit ein Brasilianer links hinten das Sagen, Berichten zufolge planen die Colchoneros aber schon für die kommende Saison mit Hernandez, dessen Leihe nach Alaves im Juni endet. Filipe Luis ist derzeit Stammkraft auf der linken Abwehrseite, seine Position aber nicht so in Stein gemeißelt wie die Marcelos bei Real. Zumal Luis im August schon 32 wird.
Der Brasilianer würde die Konkurrenz in Person von Theo jedenfalls willkommen heißen. "Um mit ihm einen gesunden Konkurrenzkampf zu bestreiten, der uns beide zu besseren Akteuren machen wird", betont Luis und ergänzt: "Er ist ein brillanter Spieler."
So brillant, dass er zu den heißesten Aktien im Sommer-Transferfenster zählen könnte. Darum weiß auch Diego Simeone. Der erhofft sich von Hernandez eine ähnliche Entwicklung wie bei Saul Niguez, der ebenfalls mit 18 von Atletico verliehen wurde und nach einem Jahr bei Rayo Vallecano schließlich den Durchbruch schaffte.
"Ich habe ihm gesagt, dass ich sehr glücklich darüber bin, wie er sich schlägt", sagte Simeone zuletzt über ein Gespräch mit Hernandez. Der schickt sich an, gleich mehrere Fußstapfen auszufüllen. Die seines Vaters, seines Bruders, von Saul Niguez oder Filipe Luis. Der Anfang ist gemacht.
