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BVB - Thomas Meunier von Borussia Dortmund im Interview: "Das Profigeschäft erschien mir vollkommen unmöglich"

11:31 MESZ 26.05.21
GER ONLY Thomas Meunier Borussia Dortmund DFB Pokal 2021
Thomas Meunier legte einen ungewöhnlichen Weg zum Profi hin, auch YouTube half ihm. Der Verteidiger vom BVB im Interview mit Goal und SPOX.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Thomas Meunier wollte lange Zeit kein Fußballprofi werden, doch dank YouTube schaffte es der Belgier von Borussia Dortmund doch nach ganz oben. Zuvor war Meunier Postbote, Fabrikarbeiter und Social-Media-Phänomen - ehe dem einstigen Stürmer der Durchbruch beim FC Brügge gelang. Über Paris Saint-Germain landete der 29-Jährige schließlich beim BVB.

Im Interview mit Goal und SPOX  erzählt Meunier ausführlich seine ungewöhnliche Geschichte. Der BVB-Rechtsverteidiger spricht dabei über einen "Betrug" beim Futsal, virale Videos, den ungekannten Ruhm und die glitzernde Welt bei PSG.

Zudem äußert sich Meunier zu seinem Zoff mit den Pariser Ultras, der schwachen ersten Saison in Dortmund und seinem Wunsch für das Karriereende.

Herr Meunier, Sie wurden 2006 mit 14 Jahren als Stürmer in der Nachwuchsakademie von Standard Lüt­tich aussortiert und wollten anschließend mit dem Fußball aufhören. Haben Sie mittlerweile als Profi noch einmal mit den damaligen Verantwortlichen über deren Entscheidung gesprochen?

Thomas Meunier : Nein, denn sie lagen zweifelsohne richtig. Ich war sehr oft verletzt und hatte Probleme mit der Leiste, dem Rücken und den Knien. Ich habe ihnen auch zu verstehen gegeben, dass es nicht meins ist, Fußballprofi zu werden. Man hatte als Spieler in der Akademie kaum ein Leben. Ich wollte aber eines haben und war weder bereit noch motiviert genug, alles zu opfern.

Sie haben es Ihrer Mutter zu verdanken, dass Sie anschließend bei einem Klub namens Royal Excelsior Virton landeten.

Meunier:  Sie las eine Anzeige in der Zeitung, wonach der Verein einen Sichtungstag für junge Spieler ausrichten würde und rief dort einfach an. Sie wusste, dass Fußball mein Leben war, auch wenn ich kein Profi werden wollte. Der Fußball war trotzdem die einzige Sache, die ich wirklich liebte. Doch ich wollte im Grunde nur meine Ruhe haben und auch nicht ständig über Fußball sprechen.

Mussten Sie dann überredet werden, um dorthin zu gehen?

Meunier:  Nein, aber ich habe es nur zum Spaß gemacht. Ich durfte in der U16 mitspielen. Wir haben gegen ein unterklassiges Team 15:3 gewonnen und ich habe zehn Tore geschossen. Dann dachte ich mir: Ach, wieso soll ich es nicht einfach noch einmal versuchen?

Sie spielten lange nebenbei auch Futsal. Für denselben Verein?

Meunier : Nein, für Olympique IDT. Wir spielten in der dritten nationalen Futsal-Liga. Über zehn Jahre lang habe ich Futsal gespielt, das hat mir immer am meisten Spaß gemacht. Ich sage zu meinen Freunden bis heute: Wenn man mit dem Futsal ähnlich gut verdienen würde wie mit dem Fußball, hätte ich mich längst dafür entschieden.

Sie spielten auch noch Futsal, als Sie bereits in Virton mit 17 Ihr Debüt in der ersten Mannschaft, damals in der 2. Liga, gaben. Wie vertrug sich das beides zusammen?

Meunier:  Wir hatten jeden Freitag ein Futsal-Spiel und samstags habe ich dann in Virton gestürmt. Es wurde sogar ein anderer Name in meinen Spielerpass geschrieben, damit mir das möglich ist. Nach ein paar Monaten hat mich aber jemand verraten, so dass ich mich schließlich für eine der beiden Mannschaften entscheiden musste. Beides war leider nicht möglich. Zu diesem Zeitpunkt war ich mit Virton in der semi-professionellen dritten Liga, in der ich gutes Geld bekam. Daher blieb mir keine Wahl.

Da Sie in Virton 600 Euro pro Monat ver­dienten, haben Sie sich einen Job gesucht und als Postbote angefangen. Wie kam das zustande?

Meunier:  Ich schloss mit 18 die Schule ab, konnte aber nicht in eine große Stadt zum Studieren gehen, da ich ja in Virton spielte und wir viermal die Woche Training hatten. Zudem liegt Virton eine Autostunde von meiner Heimatstadt entfernt, daher war das alles nicht machbar. Ich musste mir also einen Job suchen. Einer meiner Kumpels arbeitete bei der Post. Er meinte, dass sie dort befristete Arbeiter suchen und ob ich nicht Lust hätte. Ich dachte mir: Warum eigentlich nicht Postbote und unterschrieb einen Vertrag über zwei Monate.

Wie sahen Ihre Arbeitszeiten aus?

Meunier:  Die Schichten begannen um 4.30, fünf Uhr und endeten um zwölf. Das war für mich perfekt, denn abends war ja Training in Virton. So hatte ich genug Zeit und musste mich nicht beeilen. Es war wirklich schön, Postbote zu sein.

Wie viel bekamen Sie dort?

Meunier : 1000 Euro. Das war auch der Betrag, mit dem ich monatlich ungefähr rechnen konnte, denn das Geld, das ich vom Fußball bekam, ging fast komplett für Benzin drauf. Ich musste ja fast täglich hin- und herfahren. In meinem Vertrag waren aber zum Glück auch ein paar Sieg- und Torprämien enthalten. In einem sehr guten Monat kamen so am Ende auch mal insgesamt 2500 Euro herum.

Nach den zwei Monaten als Postbote heuerten Sie in der Fabrik von "Autover" an, einem Hersteller von Autofenstern. Dort mussten Sie von sechs bis 14 Uhr ran, füllten Regale auf und kamen im Monat auf 1200 Euro. Wie sind Sie dort gelandet?

Meunier:  Der Co-Trainer von Virton arbeitete da und vermittelte mich. Ich habe später sogar noch bis zum Sommer weitergearbeitet, nachdem ich im Januar 2011 meinen ersten Profivertrag in Brügge unterschrieben hatte.

Wie sah zu diesem Zeitpunkt Ihre Motivation für den Fußball aus, haben Sie irgendwie Richtung Profigeschäft geschielt?

Meunier : Kein bisschen, das erschien mir vollkommen unmöglich. Mein Wunsch war es weiterhin, ein normales Leben führen und Zeit mit meiner Freundin, meinen Kumpels und meiner Familie verbringen zu können. Ich konnte damals an einem Freitagabend mit meinen Jungs weggehen oder einen Film im Kino schauen und samstags auf dem Feld stehen. Ich hatte keinerlei Druck - und das gab am Ende den Ausschlag, dass ich doch noch Profi wurde. Ich habe mich total wohlgefühlt, konnte befreit aufspielen und schoss sehr viele auch sehr schöne Tore.

Videos davon landeten schließlich bei YouTube. Es entwickelte sich ein regelrechter Hype um sie, da diese Videos viral gingen und plötzlich ganz Belgien über den Drittliga-Stürmer sprach, der solch schöne Treffer erzielt.

Meunier : YouTube ist in erster Linie für meinen Erfolg verantwortlich. Bei dem Spiel, von dem das erste Video viral ging, war ein lokaler Fernsehsender vor Ort und zeichnete die Partie auf. Das landete aber erst danach bei YouTube, da es Fans vom TV abfilmten und online stellten. Sie wollten mich und meine Tore pushen, denn ich traf damals echt wie wild: per Rabona, per Volley, direkt ins Kreuzeck. Es war vollkommen verrückt, was daraus und auch den folgenden Videos geworden ist.

Wie haben Sie auf diesen plötzlichen Hype reagiert?

Meunier : Mir war zwar sehr bewusst, was gerade geschieht, aber die Sache brach mit voller Wucht über mich herein. Von einem auf den anderen Tag stand mein Name in der Zeitung. Selbst außerhalb von Wallonien in Flandern, also im nördlichen Teil Belgiens, wurde über mich gesprochen.

Das traf sich gut, denn die Mehrzahl der belgischen Profiklubs ist in Flandern beheimatet. Haben Sie gehofft, dass durch die Sache nun doch etwas Richtung Profibereich geht?

Meunier:  Nicht wirklich. Nachdem aber auch dort über mich gesprochen wurde, kam mir dieser Gedanke schon. Ich habe nichts erwartet, aber ein kleines bisschen geträumt. Ich spielte in der dritten Liga und hatte zuvor schon ein paar Anfragen aus der zweiten. Das war besser als nichts. Ich wollte aber nicht für 500 Euro mehr 200 Kilometer von meiner Heimat entfernt spielen.

Hatten Sie denn einen Berater oder wie sind Sie vorgegangen, als auf einmal beinahe die Hälfte der belgischen Erstligaklubs hinter Ihnen her war?

Meunier:  Über meinen Schwiegervater Didier Panzokou, der früher auch Profi war, lernte ich zu genau diesem Zeitpunkt einen seiner ehemaligen Mitspieler kennen. Er hatte ein paar Kontakte zu Erstligisten. Da ich nur 200.000 Euro kosten sollte, stellte ich für die Vereine kein finanzielles Risiko dar. Plötzlich wollten sie mich alle haben.

Sie wechselten zum FC Brügge, einem der ältesten und erfolgreichsten Vereine des Landes. Nach welchen Kriterien haben Sie denn entschieden?

Meunier : Ich wollte zum bestmöglichen Verein, denn es ist immer einfacher, wenn du mit den bestmöglichen Spielern zusammenspielst. Mir haben zwar fast alle gesagt, ich solle das nicht machen, weil der Sprung zu groß sei. Wäre ich aber zu einem kleineren Klub gegangen, der gegen den Abstieg kämpft, wäre ich eventuell schnell in der zweiten Liga gelandet. Ich dachte mir: Wenn das bei Brügge nicht hinhaut, kann ich immer noch einen Verein finden, der sich normalerweise ohne größere Schwierigkeiten in der ersten Liga hält. Brügge wollte mich auch direkt weiterverleihen, doch am Ende entschied der Trainer, mich zu behalten.

Verraten Sie, wie hoch nun Ihr Monatsgehalt war?

Meunier : 5000 Euro brutto, was am Ende 2500 Euro netto ergab. Ich hatte also im Grunde trotz des Profivertrags eine ähnliche Summe wie in guten Monaten bei Virton, aber immerhin musste ich nicht mehr in der Fabrik arbeiten. (lacht) Die genaue Summe war mir aber natürlich egal, denn ich war ja jetzt auf einmal Profi. Ich sehe den Fußball auch heute nicht als Beruf, denn ich muss ja nur einen Ball durch die Gegend kicken.

Stimmt es, dass Sie dann noch einmal in der Fabrik vorbeischauten und ankündigten, nach der Karriere zurückzu­kehren?

Meunier : Ja. In meiner Abteilung waren zehn fast nur junge Kerle, die alle verrückt nach Fußball waren. Wir waren wirklich eine tolle Truppe. Die sind sogar jedes Wochenende nach Virton gefahren, um mir zuzuschauen. Ich bin habe ihnen gesagt, dass ich dort nach der Karriere wieder anfange, doch mittlerweile arbeiten die meisten woanders. Ich bin mit ihnen immer noch in Kontakt, aber heute sind nur noch ein oder zwei Jungs dort.

In Brügge waren Sie mit 19 nun doch weit von der Heimat entfernt. Wie sind Sie damit umgegangen?

Meunier:  Ganz zu Beginn war es schwer für mich. Ich hatte mich noch nie um irgendwelche Rechnungen gekümmert und keinen Schimmer, wie man kocht. Es dauerte, bis ich mich an all die neuen Umstände gewöhnt hatte. Als dieser Prozess jedoch abgeschlossen war, merkte ich, dass ich mich eigentlich nur auf mich konzentrieren und um mich kümmern musste. Ich hatte keine Kinder, meine Freundin ging noch zur Schule und folgte mir erst zwei Jahre später. Im Grunde musste nur die Bude halbwegs sauber sein und gekickt werden.

Bald werden Sie zehn Jahre lang Profi sein. Sie sind in Brügge zum Rechtsverteidiger umgeschult worden, 2013 Nationalspieler geworden, spielten eine EM und eine WM und waren vier Jahre lang Teil des Starensembles von Paris Saint-Germain. Wie lebt es sich heute für Sie als jemand, der bekannt und berühmt ist?

Meunier:  Ich habe die Erfahrung gemacht, dass es wirklich auf den Ort ankommt. In Brügge sind die Leute sehr respektvoll und fast zu schüchtern, um nach einem Foto zu fragen, wenn sie dir auf der Straße begegnen. Das Leben dort als Fußballspieler war absolut wundervoll. In Paris veränderte sich das jedoch extrem und ich hatte große Schwierigkeiten damit, weil diese Dimension für mich vollkommen neu war.

Inwiefern?

Meunier : Es gibt in dieser riesigen Stadt nur diesen großen Verein, auf den sich alle Aufmerksamkeit fokussiert. Egal, wo ich hinging, wurde ich erkannt. Die Leute waren viel direkter und gingen offensiv auf dich zu, um zu bekommen, was sie gerne hätten. Ich habe in der Hinsicht das Gefühl, dass gerade die jüngeren Generationen denken, sie können mit dir wie mit einem Kumpel umspringen, weil sie dich ja von ihrem heimischen Bildschirm kennen oder mit dir über die sozialen Medien interagieren können. Einige Menschen scheinen ein Problem damit zu haben, zwischen dem echten und dem virtuellen Leben zu unterscheiden.

Sie haben einmal erzählt, dass Sie der damalige PSG-Sportdirektor Patrick Kluivert nach Ihrem Wechsel nicht erkannt habe. Anders als in der belgischen Nationalelf trafen Sie in Paris nun täglich auf unzählige Stars wie Thiago Silva, Edinson Cavani, später Neymar oder Dani Alves. Welchen Eindruck hat es anfangs auf Sie gemacht, in diese Welt einzutauchen?

Meunier:  Es fühlte sich wie ein Schlag ins Gesicht an, denn ich realisierte erstmals, welche Leistung ich erbracht hatte, um überhaupt an diesen Punkt zu kommen. Ich lebte in Paris und spielte mit all diesen berühmten und sehr guten Spielern zusammen, das war der wahr gewordene Traum vom Leben als Fußballprofi. Mich kannte zunächst kein Mensch, aber ich habe direkt regelmäßig gespielt und gute Leistungen gebracht. Es dauerte nicht lange, bis mich die Leute überall erkannten, aber es war natürlich nie so wie bei Neymar oder Cavani. Ich konnte immer in ein Restaurant oder ins Kino gehen.

Wie sah es denn bei denen konkret aus?

Meunier:  Die können überhaupt nicht mehr rausgehen und müssten ihr Leben quasi nachts leben, wenn alle anderen im Bett sind. Sie müssen ein komplettes Kino für sich und ihre Bodyguards reservieren, nur um einmal einen Film zu schauen. Wir haben auch darüber gesprochen. Sie haben sich mit der Zeit einfach daran gewöhnt. Man braucht jedoch gute Leute um sich herum, um diesen Zustand frühzeitig zu kanalisieren und sich auch nicht allein zu fühlen. Mittlerweile wissen sie sehr gut, was sie tun können und was nicht - und in welchem Restaurant man ungestört isst. (lacht)

Bei einem Spieler wie Neymar steht außer Frage, dass er gewisse Superstar-Attitüden mitbringt und große Macht im Verein besitzt. Inwiefern genießt er eine Sonderbehandlung?

Meunier : Das bringt seine Stärke als Spieler einfach mit sich. Der beste Spieler bekommt das höchste Gehalt und ist dadurch in einer solch starken Position, dass er vieles bestimmen oder zumindest bei vielem einflussreich mitreden kann. Neymar hat viel dafür getan, um besser als die anderen zu sein und sich dieses Privileg daher verdient. Ob es er ist, Cristiano Ronaldo, Lionel Messi oder Zlatan Ibrahimovic - sie sind alle professionell, mächtig und werden gehört, weil sie große Spieler mit Charisma sind und viel Gutes für den Fußball getan haben. Ich denke, dass man ihnen zuhören muss, denn was sie sagen wird immer im Interesse des Ganzen sein.

Wenn Sie eine Anekdote erzählen müssten, um uns die Person Neymar näher zu bringen, welche wäre das?

Meunier:  Da fällt mir jetzt spontan nichts Konkretes ein, aber er mag es, seine Mitspieler zu Partys oder ins Restaurant einzuladen. Neymar ist im Privatleben ein einfacher Kerl. Im Restaurant macht er auch keine Schwalben. (lacht) Er ist wie viele Brasilianer, lächelt immer, macht Witze und mag die sozialen Kontakte. Es ist leicht, ihn in eine Gruppe zu integrieren. Auch Cavani oder Thiago Silva, das sind alles ganz normale Menschen.

Im Mai 2018 wurden Sie zum Buhmann, da Sie einen Tweet geliked haben, auf dem eine Choreographie des ver­hassten PSG-Erz­rivalen Olym­pique Mar­seille zu sehen war. Beim nächsten Heim­spiel wurden Sie gna­denlos aus­ge­pfiffen, die Ultras for­derten eine öffent­liche Entschuldigung von Ihnen. Warum sind Sie dem nicht nachgekommen?

Meunier:  Weil ich den Fußball liebe.

Wie meinen Sie das?

Meunier:  Es ist egal, ob ich für Sassuolo, Fulham oder Paris spiele - ich mache, was ich am meisten liebe und dafür muss ich mich nicht rechtfertigen. Okay, es war in dem Moment Marseille, aber es hätten auch St. Etienne, Lyon oder Lille sein können. Für mich war es dasselbe, es war mir egal, von wem die Choreo war. Mir ist auch Marseille egal, ich bin ja nicht einmal Franzose oder Pariser. Es war einfach eine wundervolle Choreo und das war's. Ich habe mich auch mit zwei Jungs von den Ultras unterhalten und ihnen gesagt: Es tut mir leid, aber ich werde mich nicht entschuldigen, denn das ergibt für mich keinen Sinn.

Was wäre nun, wenn Ihnen als BVB-Spieler etwas Ähnliches mit Schalke 04 passieren würde?

Meunier:  Schalke macht nicht solche Choreos wie die Dortmunder Fans. Daher ist es ausgeschlossen, dass ich eine Choreo von Schalke liken werde.

Sie kamen im vergangenen Sommer nach Dortmund. Wann erreichte Sie die Anfrage und wieso haben Sie sich für den BVB entschieden?

Meunier:  Das war im Januar 2020. Ich habe nach vier Jahren in Paris etwas gesucht, das mehr meiner Mentalität entspricht. Ich hätte zu Atletico, Juve, Tottenham oder Inter gehen können, aber ich wollte wie einst in Brügge in einer wirklich authentischen Fußballkultur spielen. Als ich erstmals mit Dortmund sprach, wurde dieser Aspekt sehr offensichtlich und mir sofort klar: Da möchte ich hin!

Ihre Frau soll anfangs nicht besonders begeistert davon gewesen sein.

Meunier:  Sie fragte mich: Ist Dortmund eine große Stadt? Es ist ein großer Klub und verglichen mit Belgien auch eine große Stadt, aber natürlich nicht Paris, sagte ich. Aber Tottenham ist in London - da wäre es doch besser, dorthin zu gehen, erwiderte sie. Sie sah eben auch das Leben abseits des Fußballs. Das haben wir in Paris sehr genossen und daher suchten wir auch etwas Ähnliches. Ich habe dann gesagt: Sorry, aber ich kann mich nicht für Tottenham entscheiden, denn ich möchte nach Dortmund. Das war also ein kleines Problem zwischen uns, doch sie weiß auch, dass ich nur noch fünf oder sechs Jahre in meiner Karriere habe. Danach können wir die Zeit immer noch genießen.

Sie haben dann unter Lucien Favre gleich viel gespielt, zuletzt aber kaum noch. Es war gewiss nicht Ihre beste Saison. Auf Ihren Social-Media-Kanälen verwenden Sie stets den Hashtag #TÔTOUTARD, was übersetzt "früher oder später" heißt und bedeuten soll, dass alles zum richtigen Zeitpunkt kommt. Gilt das auch für Sie beim BVB?

Meunier:  Das spiegelt meine Denkweise wider: Wenn du für das, was du möchtest, arbeitest, wirst du es auch bekommen. Diese Saison war keine gute von mir. Ich hatte nach Corona und ohne Zuschauer in den Stadien wirklich Schwierigkeiten, mich zu 100 Prozent auf den Fußball zu konzentrieren. Fußball war für mich manchmal langweilig. Ich denke, dass ich jetzt den Schalter umgelegt habe. Ich warte nun nur noch darauf, die EM zu spielen und die neue Saison mit dem neuen Trainerteam zu beginnen. Es geht jetzt nochmal von vorne los, als hätte ich gerade erst in Dortmund unterschrieben.

Als Sie nach Dortmund wechselten, hatten Sie aufgrund der Corona-Pause in Frankreich sieben Monate lang kein Spiel mehr bestritten. In den Partien für den BVB gelang Ihnen nicht viel. Medien und Fans gingen daher nicht gerade zimperlich mit Ihnen um. Wie nahe ist Ihnen das gegangen?

Meunier:  Ich bin nicht viel auf Social Media unterwegs und folge auch niemandem. Das ging mir also nicht direkt nahe, aber ich brauche auch niemanden, der mir sagt, dass ich ein schlechtes oder gutes Spiel gemacht habe. Das bekomme ich schon selbst hin. Ich habe schon oft gesagt, dass ich natürlich nicht glücklich mit meiner Saison bin. Das war nicht der Thomas Meunier, den ich kenne - und das haben die Leute ebenfalls gesehen. Sie hatten daher jedes Recht, nicht glücklich mit meinen unterschiedlichen Leistungen zu sein. Ich habe auch mit dem Verein geredet. Man hat sich viel mehr von mir versprochen, ich von mir genauso. Ich kann Ihnen keine Antwort darauf geben, warum wir am Anfang nicht zusammengepasst haben. Es ist kompliziert zu erklären.

Nach der Verletzung von Mateu Morey gab es nur noch zwei Rechtsverteidiger im Kader, doch statt Ihnen spielte mit Lukasz Piszczek ein Spieler, der zuvor lange außen vor war .

Meunier : Das war zu diesem Zeitpunkt der Saison die Entscheidung des Trainers. Ich habe verstehen können, dass der Trainer mir nicht wirklich voll vertraut und er eine in Anführungszeichen sichere Bank wie Piszcu präferiert hat. Das war für mich kein Problem, weil ich immer noch positiv denke. Ich habe mich auch kein einziges Mal beschwert. Ich bin mir sicher, dass ich in der Zukunft deutlich besser sein werde.

Wie fällt Ihr Fazit den Verein betreffend aus?

Meunier:  Wir haben zwar den Pokal gewonnen und uns für die Champions League qualifiziert, aber wir müssen trotzdem kritisch analysieren, dass es von jedem von uns keine großartige Saison war. Wir können viel besser sein, aber das müssen wir konstant zeigen, nicht nur in den großen Spielen oder wenn wir sprichwörtlich das Messer an der Kehle haben. Ich bin mir sicher, dass wir in der neuen Spielzeit individuell wie kollektiv große Dinge erreichen werden.

Sie sagten vorhin, dass Ihre Laufbahn nicht mehr ewig andauern wird. Zum Ende der Karriere wollen Sie unbedingt wieder als Stürmer spielen. Glauben Sie, dass Sie dafür den Profibereich wieder verlassen müssen?

Meunier : Das kann sein. Hauptsache, ich darf noch einmal Stürmer wie zu meinen guten alten Zeiten sein. Damals habe ich das Spiel bestimmt, habe gedribbelt und oft getroffen. Heute frage ich mich manchmal, wie meine Karriere wohl verlaufen wäre, wenn ich 2012 in Brügge unter Juan Carlos Garrido vor dem Europa-League-Spiel gegen Maritimo Funchal nicht zugestimmt hätte, dass er mich als Rechtsverteidiger aufstellt. Ich kann mich aber natürlich nicht beschweren. Ich hätte keine bessere Karriere haben können, auch wenn ich nun Rechtsverteidiger bin. (lacht)