Jerusalem gilt allenthalben als heilige Stadt. Als Ort, an dem ein ganz besonderes Flair vorherrscht, an dem Mystik durch die Gassen weht. Am 18. Juni 2013 war das nicht anders. Wenngleich das Teddy-Kollek-Stadion in der israelischen Metropole für gewöhnlich nicht für spektakuläre Dinge steht. Zwei junge Spanier sorgten an jenem Sommertag allerdings dafür, dass sich das änderte.
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Thiago und Isco verliehen dem weiten Rund in Jerusalem Glanz. 4:2 besiegte Spanien den italienischen Nachwuchs im Finale der U21-EM. Thiago, Kapitän der Iberer und letztlich zum besten Spieler des Turniers gewählt, überragte, zeigte Kabinettstückchen am Fließband und traf dreimal. Isco, kongenialer Partner des heutigen Bayern-Stars im spanischen Mittelfeld, setzte per Elfmeter den Schlusspunkt.
Gemeinsam reckten die beiden Mega-Techniker später den Pokal in den Nachthimmel. Thiago und Isco - diese beiden Namen waren für Spaniens Fans fortan endgültig die große Hoffnung für die Zukunft. Darauf, dass die Ära, die Xavi, Andres Iniesta oder David Silva in den Jahren zuvor geprägt hatten, weitergeht. Mit den beiden großen Stars dieser U21-EM in den Hauptrollen.
Für diese begann unmittelbar nach dem Titelgewinn ein neuer Abschnitt ihrer Laufbahn. Thiago, der es bei Barca bis dato nicht zur Stammkraft gebracht hatte, wechselte zum FC Bayern. Dort, in München, hielt sein Förderer Pep Guardiola große Stücke auf ihn. Dessen Ausspruch "Thiago oder nix" ist unvergessen. Isco wagte im Sommer 2013 derweil den Sprung vom FC Malaga zum ruhmreichen Real Madrid.
Knapp vier Jahre sind seitdem vergangen. Und wenn sich Thiago und Isco am Mittwochabend im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals wiedersehen, haben sie ganz unterschiedliche Wege hinter sich. Beide haben sich vom riesigen Talenten inzwischen zu gestandenen Mittelfeldspielern von internationalem Format entwickelt. Sie beide, die sich in ihrem filigranen Umgang mit dem Ball, in ihrer einzigartigen Fähigkeit, die Kugel zu streicheln, so ähneln. Und doch verschiedene Routen einschlugen.
Thiago sollte unter Guardiola nicht den Einfluss auf das Spiel der Bayern ausüben, wie angedacht. Klar, er etablierte sich in München. So richtig durchstarten sollte der 26-Jährige aber erst in der laufenden Spielzeit. Kurioserweise nicht mehr unter Guardiola, sondern unter Carlo Ancelotti.
Der Italiener machte Thiago zum Fixpunkt des bayrischen Aufbau- und Kombinationsspiel. Bei Guardiola war er das nicht. "Ich lasse ihn einfach spielen", verriet Ancelotti vor wenigen Wochen im kicker das simple Erfolgsrezept. "Thiago kann alles, 6, 8, 10, und überall im Mittelfeld spielen", schwärmte er von der Vielseitigkeit seines Schützlings.
Aktuell, so sind sich auch Experten einig, zählt Thiago zu den besten Mittelfeldspielern der Welt. Bei 2706 Ballaktionen steht er in dieser Bundesliga-Saison, einsame Spitze in der deutschen Beletage. Er reiht Gala-Auftritt an Gala-Auftritt, spielt Sahne-Pässe am Fließband. Auch in den großen Spielen, wie im Champions-League-Achtelfinale gegen Arsenal oder Ende Dezember im Gipfel gegen RB Leipzig.

"Ich habe das Gefühl, dass ich noch viel besser spielen kann", sagte Thiago zuletzt trotzdem. Er will mehr, will die ganz große Bühne, will vor allem den CL-Titel mit den Bayern. Die Duelle mit Titelverteidiger Real, sie könnten dabei zu seiner endgültigen Reifeprobe werden. Zur Blaupause, wenn es darum geht, ob man ihn fortan wie selbstverständlich zu den Weltbesten seines Fachs zählt.
Isco ist von derlei Ambitionen aktuell weit entfernt. Unter Zinedine Zidane ist der wendige Spanier keine Stammkraft. Mal darf er von Beginn an ran, mal als Joker. Dabei hat er ordentliche Quoten in punkto Tore und Assists, bringt häufig Leistung. Gesetzt ist Isco aber nicht. Luka Modric, Toni Kroos und Casemiro besetzen im Normalfall das königliche Mittelfeld. So vermutlich auch am Mittwoch in der Allianz Arena.
Isco bleibt dann nur die Rolle des Edelreservisten. Zufrieden dürfte der 24-Jährige damit nicht sein. Seit Monaten wird über einen Abgang spekuliert. Barcelona, Manchester City, Chelsea - der Kreativität der Spekulanten sind keine Grenzen gesetzt. Und wenngleich er betont, in Madrid bleiben zu wollen: In knapp vier Jahren im Bernabeu hat es Isco nicht geschafft, sich unentbehrlich zu machen.
Kumpel Thiago hat genau das bei den Bayern inzwischen gemeistert. Er ist einer der Schlüsselspieler. Fällt er aus, wiegt das enorm schwer. "Er ist das Herz des Bayern-Spiels", adelte Ex-Weltfußballer Lothar Matthäus kürzlich. Barca soll ob Thiagos Verfassung gar über eine Rückholaktion nachdenken - dass Bayern den Spielmacher hergibt, ist jedoch praktisch ausgeschlossen.
Schon bei der U21-EM war es Thiago, der den ebenfalls bärenstarken Isco noch überragte. Zeitweise hatten sich die Verhältnisse umgekehrt, mittlerweile ist der ein Jahr ältere Thiago aber wieder eindeutig weiter. So durfte der Münchner auch beim jüngsten WM-Quali-Spiel Spaniens beginnen, während Isco auf der Bank Platz nahm.
Dass beide das Potenzial haben, Glanz zu verbreiten, haben Thiago und Isco hinreichend unter Beweis gestellt. Das Teddy-Kollek-Stadion in Jerusalem kann ein Lied davon singen. Die Allianz Arena mittlerweile auch. Am Mittwoch will es Thiago wieder tun.
Dass es so kommt, ist derzeit deutlich wahrscheinlicher als eine Sternstunde Iscos. Brüder im Geiste bleiben die beiden Spanier dennoch.




