An der Seitenlinie ist Fatih Terim ein brodelnder Vulkan. Der türkische Trainer tigert auf und ab, die Ärmel hochgekrempelt, das Hemd weit aufgeknöpft, er rudert mit den Armen, brüllt seine Spieler an. Terim, der Imperator, ist bekannt für seine Ausbrüche - doch wenn er richtig wütend ist, dann wird der 62-Jährige auch mal ganz leise.
So geschehen in Lens, vor dem letzten EM-Gruppenspiel gegen Tschechien. Nach zwei Niederlagen in zwei Spielen war auch Terim zur Zielscheibe der nationalen Medien geworden. Also senkte der Trainer den Kopf, hob eine Augenbraue, setzte ein dünnes Lächeln auf. Es folgte eine lange, bedrohliche Wutrede.
"Alle großen Erfolge habe ich erreicht"
"Manchmal muss ich lachen. All diese Gerüchte, all diese Kritik an Aufstellungen und Positionen, das ist lächerlich", sagte er, und schob mit ruhiger Stimme eine Warnung an seine Kritiker hinterher: "Jetzt ist nicht die richtige Zeit, darüber zu sprechen, aber sie wird kommen. Und dann werden sie ihren Teil abbekommen."
Ziemlich deutlich wurde dabei: Kritik an der Trainer-Ikone ist so etwas wie Majestätsbeleidigung für Terim. Es ist bereits seine dritte Amtszeit als türkischer Nationaltrainer, er hatte das Team 2008 ins EM-Halbfinale geführt. Mit Galatasaray Istanbul holte er 2000 den UEFA-Pokal. "Ich bin seit 45 Jahren in diesem Geschäft, alle großen Erfolge im türkischen Fußball habe ich erreicht", sagt Terim.
Geschichtsprofessor kriegt den Zorn ab
Das Recht, seine Entscheidungen anzuzweifeln, müsse man sich daher erst mal verdienen. Das unterstrich Terim mit einem Beispiel, es war ein Höhepunkt dieser denkwürdigen Pressekonferenz. "Ein Geschichtsprofessor", sagte er und schüttelte den Kopf: "Da wagt es doch tatsächlich ein Geschichtsprofessor, über die Nationalmannschaft zu sprechen. Im öffentlichen türkischen Fernsehen. Das frustriert mich." Diese Leute sollten "sich schämen".
Seinen Zorn erregt allerdings nicht allein Kritik an sportlichen Entscheidungen. Vor dem Turnier waren Euphorie und Erwartungshaltung groß in der Türkei. Die Misserfolge bei der EM entfachten nun einen wahren Sturm in der türkischen Medienlandschaft und in den sozialen Netzwerken. Auch Terims Tochter und sein Schwiegersohn wurden angegriffen.
"Ich bin bereit, den Preis zu bezahlen"
Er sei "wütend, ich bin kein Mann aus Eisen. Natürlich frage ich mich: Kann ich meiner Familie das noch zumuten?", sagte Terim dazu: "Sie sind das Wichtigste für mich. Niemand darf sie verletzen. Wir sehen diese Leute vor Gericht."
Ob Terim auch nach dieser EM Trainer der Türkei bleibt, scheint nach all dem fraglich. Auch von seinen Spielern sei er enttäuscht, das deutete Terim mehrfach an. Dennoch trage er "die volle Verantwortung". Und egal, was noch passiere, "ich bin bereit, den Preis zu bezahlen."
