Taktik-Analyse FC Schalke 04: Tedescos magisches Fünfeck

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Unter Domenico Tedesco nimmt der FC Schalke wieder Kurs auf Europa. Doch wie spielt Königsblau unter dem neuen Trainer eigentlich? Die Taktik-Analyse.

Domenico Tedesco – beschäftigt man sich in dieser Saison mit dem FC Schalke 04, fällt der Name spätestens im zweiten Satz. Dass bei Königsblau häufig über den Trainer gesprochen wird, ist schon seit Jahren Tradition und per se nicht ungewöhnlich, schließlich verschliss der Klub in der Geschichte mehr Übungsleiter als jeder andere Bundesligist. Bei Tedesco weht derzeit jedoch ein anderer Wind und es wird fast durchgehend positiv über den 1,0-Trainer gesprochen.

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Mit gerade einmal 32 Jahren ist der Deutsch-Italiener der jüngste Coach der Schalker Vereinsgeschichte und gehört der vielzitierten Generation der "Laptoptrainer" an. Nach Stationen im Juniorenbereich und bei Erzgebirge Aue hat er sich auch in der Bundesliga schnell den Ruf des Taktikbesessenen erarbeitet. Doch wie spielt S04 unter Tedesco eigentlich? Goal schaut in der großen Taktik-Analyse genau hin.


Auf dem Papier


Domenico Tedesco FC Schalke 04 19082017

Während viele Coaches ein klar favorisiertes System haben, welches sie zum Teil erbarmungslos durchziehen, lässt sich Tedesco nicht auf eine Formation festnageln. Statt die Spieler an ein System anzupassen, passt der 32-Jährige sein Spielsystem an das vorhandene Spielermaterial an.

Bei Königsblau hieß es in dieser Saison deshalb entweder 3-4-3 oder 3-5-2. Welche der beiden Grundformationen schließlich gespielt wird, hängt sowohl vom kommenden Gegner als auch von der eigenen Personalsituation ab. In Stein gemeißelt ist lediglich die Dreierkette, mit Naldo als zentralem Mann, die gegen den Ball schnell zu einer Fünferkette umfunktioniert wird.


Auf dem Rasen


Max Meyer FC Schalke 04 25112017

"Meine Vision ist es, so Fußball zu spielen, dass der Gegner immer eine Bewegung macht und diese dann abbrechen muss. Ich will den Gegner eigentlich permanent auf dem falschen Fuß erwischen", erklärte Tedesco zuletzt in einem Interview mit dem Taktik-Blog Halbfeldflanke.

  • Spielaufbau

Gerade gegen tiefstehende Gegner tat sich Schalke in den vergangenen Jahren regelmäßig schwer, für eben diese Überraschungsmomente zu sorgen. Herausgespielte Chancen waren häufig Mangelware. Um dem entgegenzuwirken, setzte Tedesco zu Saisonbeginn zunächst auf ein aggressives Mittelfeldpressing und blitzschnelles Umschalten. Nach Balleroberung sollte das Spiel also schnellstmöglich in die gefährliche Zone verlagert werden.

Problem dabei war einzig der Gegner, denn auch der weiß, dass Schalke darauf aus ist, zu kontern und versucht deshalb, ebenfalls zu kontern, weswegen das Vertikalspiel von Königsblau ausgehebelt wird – ohne freie Räume ist auch für die Tedesco-Elf kein explosionsartiges Angreifen möglich.

Gefragt sind also spielerische Lösungen, die sich Königsblau vor allem von Max Meyer erhofft. Statt zwei gleichberechtige Sechser, von denen sich situationsabhängig immer einer ins Angriffsspiel einschaltet, entschied sich Tedesco schließlich dafür, einen echten Abräumer vor der Abwehr aufzubieten, der sich in erster Linie um Defensive und Spielaufbau kümmert. Zur großen Überraschung vieler Experten übernimmt Meyer diesen defensiven Part seit Wochen und zeigt ansprechende Leistungen.

Der gelernte Offensivspieler soll dabei nicht nur als Balleroberer dienen, sondern dank seiner guten Technik und Ballkontrolle vor allem als Ballverteiler fungieren. Als zentraler Mann auf dem Platz hat er im 3-5-2 mit den Innenverteidigern und den beiden Achtern immer mindestens fünf direkte Anspielstationen. Will er das Spiel verlagern, stehen zusätzlich sogar die beiden Flügelspieler zur Verfügung.

Dank Spielern wie Meyer, Leon Goretzka oder Amine Harit entsteht so ein starkes und vor allem ballsicheres Zentrum, das von den beiden fleißigen Stürmern Guido Burgstaller und Franco Di Santo unterstützt wird. Denn vor allem Di Santo ist ein Spieler, der sich gern in den Aufbau einschaltet, sich zurückfallen lässt und damit im Idealfall auch die Abwehrkette des Gegners auseinanderzieht.

Wird so eine Lücke in die Verteidigung des Gegners gerissen, stößt einer der beiden Achter aus dem Mittelfeld sofort nach vorne und rückt in den freien Raum auf die Mittelstürmer-Position vor, um in Abschlusssituationen zu kommen.

GFX Formation Schalke

  • Gegen den Ball

Wie bereits angedeutet, spielt Schalke gegen den Ball je nach Gegner ein Mittelfeld- oder Angriffspressing. Ziel ist es, den Ball möglichst tief in der gegnerischen Hälfte zu erobern, um schnellstmöglich zum Torabschluss zu kommen. Denn je kürzer der Weg zum Tor, desto schwerer ist der Schalker Konter zu verteidigen.

Der Schlüssel liegt hier im kompakten Zentrum, aus dem im 3-5-2 eine Art zentrales Fünfeck (Sechser, zwei Achter, zwei Mittelstürmer) entsteht. Dieses Fünfeck verschiebt sich im Verbund in Richtung des ballführenden Gegners, um ihn so unter Druck zu setzten. Steht diese Zentrums-Achse gut, werden im Idealfall die zentralen Mittelfeldspieler des Gegners eingekesselt und somit nahezu aus dem Spiel genommen.

Eine wichtige Rolle spielen auch die Flügelspieler, deren Aufgabe es bei gegnerischem Ballbesitz ist, die offensiven Außen zuzustellen und dem gegnerischen Aufbauspieler so die Anspielstationen zu nehmen.

Greifen all diese taktischen Kniffe, bleibt dem Gegner häufig nur der lange Ball, um die königsblauen Pressinglinien zu überspielen. Speziell da gibt es gegen S04 allerdings wenig zu holen, da Tedesco mit Naldo oder auch Nastasic und Kehrer ausgezeichnete Kopfballspieler zur Verfügung hat, gegen die in der Luft nur wenig zu holen ist. Speziell Routinier Naldo ist mit seinen 1,99 Metern nahezu unüberwindbar und ein Fels in der Brandung – eine Zweikampfquote von 75 Prozent spricht eine deutliche Sprache.

  • Absicherung

Egal ob mit oder ohne Ball, Tedesco ist es enorm wichtig, dass sein Team die defensive Stabilität niemals verliert. Dafür bleibt die komplette Dreierkette fast ausnahmslos hinter dem Ball und schafft so immer Überzahl gegen die gegnerischen Stürmer. Zusätzlich stehen die beiden Außenspieler (meist Daniel Caligiuri und Bastian Oczipka) gegen den Ball derart tief, dass die Verteidigungsreihe zu einer Fünferkette umfunktioniert wird.


Zoom


Exemplarisch für Tedescos Spielweise in Ballbesitz dient eine Szene aus dem Heimspiel gegen den FSV Mainz 05 (siehe Video). Beim Stand von 0:0 lässt sich Di Santo bis an die Mittellinie zurückfallen, zieht dabei einen Mainzer Verteidiger aus der Viererkette und leitet den Ball mit dem ersten Kontakt auf Burgstaller weiter. Währenddessen startet Goretzka in den Raum, den der Argentinier mit seiner Aktion geschaffen hat und wird im richtigen Moment von Burgstaller bedient. Der schöne Lupfer zur Führung war für den Nationalspieler in der Folge nur noch Formsache.


Geheimwaffe


Amine Harit FC Schalke 04 Borussia Dortmund 25112017

Vor der Saison vom FC Nantes verpflichtet, entwickelt sich Amine Harit immer mehr zum Schlüsselspieler in Tedescos System. Denn während das Spiel der Knappen überwiegend von Gradlinigkeit geprägt ist, sorgt der 20-Jährige Franco-Marokkaner für die besonderen Momente. Selbst wenn der Gegner kompakt steht und keine Lücken zulässt, hat Harit die Klasse, mit seinen Dribblings einen oder zwei Gegenspieler aussteigen zu lassen und so wichtige Räume zu schaffen.

In dieser Form dribbelte er in der laufenden Saison schon etliche Gegenspieler schwindlig und sorgte gleichzeitig für Staunen im Publikum. Dass er sich zuletzt gegen Köln und den BVB sogar selbst in die Torschützenliste eintragen konnte, macht Harit sogar noch wertvoller und unberechenbarer.


Fazit


Schalke Jubel Naldo Matija Nastasic Benjamin Stambouli 25112017

Nach Jahren, in denen die spielerische Armut stets die Oberhand hatte, hat Tedesco es geschafft, die Schalker auch taktisch zu einer interessanten Mannschaft zu machen. Mit dem aktuell dritten Platz in der Bundesliga ist Königsblau auch tabellarisch voll im Soll und – auch wenn es auf Schalke niemand hören will – auf gutem Weg zurück in die Champions League.

Doch obwohl es schon jetzt erstaunlich gut läuft, sieht der 32-jährige Coach noch viel Luft nach oben. "Ich würde sagen, wir sind aktuell bei 65 bis 70 Prozent", erklärte er Transfermarkt in Bezug auf die Leistungsfähigkeit seinen Teams.

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