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Ex-Barcelona-Talent Sergi Samper folgt dem Lockruf von Andres Iniesta: Das beste La-Masia-Gewächs, das nie aufblühte

16:00 MESZ 21.08.19
Sergi Samper FC Barcelona Vissel Kobe GFX
Samper spielte 18 Jahre für Barcelona und galt als Busquets-Nachfolger, doch Verletzungen warfen ihn stets zurück. Nun lockte Iniesta ihn nach Japan.

HINTERGRUND

Als der FC Barcelona am 5. Juli mit Frenkie de Jong den designierten Nachfolger des mittlerweile 31-jährigen Sergio Busquets vorgestellt hat, dürfte am anderen Ende der Welt insgeheim die eine oder andere Träne verdrückt worden sein. 18 Jahre lang hatte Barcas Eigengewächs Sergi Samper darauf hingearbeitet, eines Tages ebenjene Position als Bindeglied zwischen Viererkette und Mittelfeld zu übernehmen, die ihm ganz im Sinne des allgegenwärtigen Johann Cruyff von der Nachwuchsakademie La Masia einverleibt worden war.

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Spätestens seit März, als Samper seinen Heimatverein schweren Herzens verlassen musste, ist dieser Traum aber im wahrsten Sinne in weite Ferne gerückt.

Die noch junge Geschichte von Samper hat viele Kapitel. Es ist eine Geschichte geprägt von vielversprechenden Veranlagungen, Verletzungspech, unglücklichem Timing, einer stagnierenden Akademie der Blaugrana sowie einem richtungsweisenden Anruf von Andres Iniesta, der den 24-Jährigen kürzlich zu Vissel Kobe nach Japan führte.

Sergi Samper: Xavi als Inspiration, Pep Guardiola als Lehrmeister

Samper wurde am 20. Januar 1995 in Kataloniens Hauptstadt geboren. Ursprünglich war eigentlich angedacht, dass er dem Vorbild seines fünf Jahre älteren Bruders Jordi folgt, der bereits in jungen Jahren Tennis spielte und den Sport heutzutage professionell betreibt. Sergis Großvater hatte jedoch andere Pläne: "Es gab damals eine Werbung der Fußballschule in Barcelona“, erinnerte sich Samper im Interview mit The National und fuhr fort: "Mein Opa hat dort angerufen und daraufhin bin ich dorthin gegangen" – mit Erfolg.

Seit seinem sechsten Lebensjahr trainierte er viermal in der Woche in Barcas La Masia und eiferte seit jeher besonders einem Spieler nach: "Xavi war mein Idol. Ich bin mir sicher, dass er Augen in seinem Hinterkopf haben muss, denn er hat das ganze Feld überblickt und jede Aktion als Erster gesehen." Mit dem Ansporn, eines Tages für die Profis aufzulaufen, durchlief Samper sämtliche Nachwuchsmannschaften stets als Stammspieler, teilweise gar als Kapitän. Mit dem Jahrgang 1995, dem unter anderem auch Hector Bellerin, Keita Balde, Jon Toral und Alejandro Grimaldo angehörten, gewann Samper 2010 schließlich den prestigeträchtigen Nike Premier Cup – das weltweit größte U14-Turnier, das in der Vergangenheit bereits für viele Talente als Sprungbrett fungierte.

 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 
 

Recordant un moment irrepetible amb el més gran #legend #1monthago 🔴🔵

Ein Beitrag geteilt von Sergi Samper (@sergisamper) am Jul 6, 2015 um 11:43 PDT

Nach dem Triumph lockte Arsene Wenger Bellerin und Toral zu Arsenal. Auch Samper stand auf dem Wunschzettel des Franzosen. "Hector und Jon sind nach England gewechselt. Das angebotene Gehalt war weitaus mehr als bei Barca, aber es war immer mein Traum, für Barca zu spielen“, sagte Samper über seine Absage an Wenger. Ein weiterer Faktor für den Verbleib sei auch Pep Guardiola gewesen, der ihn mit 16 Jahren erstmals mit den Profis trainieren ließ: "Es war unglaublich, der Ball zirkuliert so schnell. Pep hat alles bis ins kleinste Detail erklärt und uns vor Augen geführt, warum diese Aktion zur nächsten führt. Mit ihm zu trainieren, war sehr intensiv."

Barcelona-Debüt, Leihen, Knöchelbruch: Der Anfang vom Ende

Mit 18 Jahren unterschrieb Samper seinen ersten Profivertrag und gab 2014 unter Luis Enrique beim Champions-League-Heimspiel gegen APOEL Nikosia sein Debüt für Barcelona. "Er war wie immer gut positioniert, so wie wir das von ihm kennen", lobte Enrique seinen Schützling anschließend. Und auch Eusebio Sacristan, damaliger Trainer der zweiten Mannschaft, stimmte bei El Pais in die Lobeshymnen ein: "Wenn er den Ball bekommt, wird alles ganz einfach. Die Mannschaft spielt, dann kommt der Ball zu ihm und plötzlich passt die Organisation."

Trotz der unverkennbaren Qualitäten waren seine Einsatzzeiten in der Folge rar gesät: Zu groß war der Wirkungsradius des unkaputtbaren Busquets, der gefühlt keine Spielminute bei Barca verpasste. Nach mehr als 100 Partien für Barcelona B folgte schließlich die Entscheidung, ein Leihgeschäft mit dem FC Granada einzugehen, um Spielpraxis in LaLiga zu sammeln.

Mit 22 Ligaeinsätzen auf dem Buckel kehrte er nach einem Jahr zurück, nur um direkt weiterverliehen zu werden – diesmal nach Las Palmas. Dort verpasste Samper fast die komplette Hinrunde aufgrund eines Muskelfaserrisses. Kurz nach seiner Genesung erwischte es ihn prompt wieder: "Wir haben gegen Eibar gespielt. In der 70. Minute bin ich zum Ball gegangen und habe meinen Knöchel komplett verdreht. Ich wusste sofort, dass er gebrochen war – ich habe es gehört. Ich konnte mein Pech kaum fassen."

Samper ließ seinen Knöchelbruch in Barcelona behandeln und verbrachte knapp ein halbes Jahr entweder im Krankenhaus, bei der Physiotherapie oder im Kraftraum. "Es war sehr hart", sagte Samper im Gespräch mit der Marca und schob nach: "Es sind aber nicht nur die Verletzungen, die schwer zu bewältigen waren. Wenn man sich nicht als Teil des Teams fühlt, ist es nicht einfach. Dazu kommen die Leihen und die damit verbundenen Veränderungen beim Training. Ich hatte zehn verschiedene Trainer in zwei Jahren - das ist kompliziert."

FC Barcelona: Sergi Samper als Symbolbild der Krise von La Masia?

Inwieweit Sampers Entwicklung ohne die angeführten Umstände verlaufen wäre, bleibt spekulativ. Fakt ist jedoch, dass Samper den Prototyp des idealen Barca-Sechsers darstellt und seine Rolle bis zur Perfektion verinnerlicht hat: Schulterblick, Rausrücken, Ball erobern, passen, fallen lassen, Ballannahme, drehen, antäuschen, passen. "Das leichte Spiel ist das schönste Spiel. Die Lösung, die am einfachsten erscheint, ist in ihrer Ausführung die schwierigste. Das Ziel: Spielt nah beieinander", pflegte Cruyff einst zu sagen. Samper hat nichts anderes gelernt, nichts anderes erlebt. Als er zu den Profis stieß, hatten lediglich Messi und Iniesta mehr Jahre im Verein verbracht als er. Dass Samper dadurch fast ausschließlich im Barca-System existieren kann, ist Fluch und Segen zugleich.

In gewisser Hinsicht ist die Personalie Samper auch Symbolbild der kränkelnden Vereinsphilosophie, die sich unter der Leitung von Präsident Josep Maria Bartomeu dahingehend entwickelt hat, dass Eigengewächse eher an Ligakonkurrenten oder ins Ausland verliehen werden, während Stammplätze im Profikader mit millionenschweren Transfers aufgefüllt werden. Sergi Roberto ist aktuell der letzte Spieler mit Barca-DNA, dem der Durchbruch gelang. Das war vor sechs Jahren.

Andres Iniesta lockt Sergi Samper nach Japan: "Fußball wieder genießen"

Da Sampers Zukunftsaussichten in Barcelona aufgrund der geschilderten Umstände und des nach wie vor omnipräsenten Busquets auch in der Saison 2018/19 alles andere als rosig erschienen, einigten sich die Beteiligten im vergangenen März auf eine vorzeitige Vertragsauflösung. Nach 18 Jahren nahm Samper also Abschied von seinem Heimatklub. Gänzlich auf einen Bezug zu den Blaugrana verzichten wollte er offenbar trotzdem nicht, denn bei seinem neuen Arbeitgeber im Land der aufgehenden Sonne traf er schließlich auf zwei alte Bekannte.

Anstatt sich eine weitere Anstellung innerhalb Spaniens anzutun, vollzog Samper den größtmöglichen Einschnitt seiner bisherigen Karriere und wechselte nach Japan zu Vissel Kobe. Dort sind neben dem deutschen Trainer Thorsten Fink sowie Weltmeister Lukas Podolski auch die beiden Barca-Legenden David Villa und Andres Iniesta tätig.

Letzterer war laut Samper der entscheidende Faktor für den Transfer: "Ich bekam einen Anruf von Andres. Er erklärte mir das Projekt, den Spielstil und die Zielsetzungen des Vereins, die Stadt und versicherte mir, dass ich mich dort wohlfühlen würde und den Fußball wieder genießen könnte", so Samper über das Telefonat mit dem Ex-Barca-Kapitän.

Kobe-Trainer Thorsten Fink: "Sergi Samper hat die Zukunft noch vor sich" 

Während Poldi, Iniesta und Villa bereits eine bewegte Karriere hinter sich haben und nun zum Ausklang eine vergleichsweise ruhige Kugel schieben, befindet sich Samper zumindest im Hinblick auf sein junges Alter noch in der Blüte seiner Zeit als Fußballer, wie auch sein Trainer weiß: "Mit 24 Jahren ist er eigentlich zu jung, um aus Europa wegzugehen. Die meisten Spieler wollen eher den umgekehrten Weg gehen und aus Japan nach Europa wechseln, um eine große Karriere zu machen", sagte Fink im exklusiven Gespräch mit Goal und SPOX.

Fragwürdig erscheint der Transfer vor allem auch vor dem Hintergrund, dass die Statuten des japanischen Verbands lediglich drei europäische Ausländer sowie einen weiteren aus dem asiatischen Ausland im Spieltagskader dulden. Kobe verfügt nach der Verpflichtung des belgischen Verteidigers Thomas Vermaelen mittlerweile über acht Nicht-Japaner. "Samper hat immer darunter zu leiden, dass wir viele Ausländer haben. Ein Iniesta oder Villa sind eben doch wichtiger als er. Und auch in der Abwehr sind wir auf unsere ausländischen Spieler angewiesen. Deswegen war Samper jetzt das eine oder andere Mal nicht mit dabei", so der Kobe-Trainer.

Trotzdem sind die Fähigkeiten des Spaniers laut Fink, der seit rund zwei Monaten die Geschicke bei Vissel Kobe leitet, unbestritten: "Er ist ein Spieler mit Qualität, dessen Entwicklung noch spannend sein wird. Vor allem seine Technik zeichnet ihn aus. Er kann sowohl auf der Sechs als auch auf der Acht spielen. Ich bevorzuge ihn auf der Sechs, da hat er mir gerade im Testspiel gegen seinen Ex-Klub bewiesen, wie stark er ist. Er ist ein Junge, der die Zukunft noch vor sich hat und sich definitiv noch weiterentwickeln kann."

Ob Samper mit seinem Traum, eines Tages als gesetzter Sechser in Barcas Mittelfeld auflaufen zu dürfen, bereits in Gänze abgeschlossen hat, weiß nur er selbst. Jedenfalls wurden diese Gedankenspiele zuletzt aufs Neue befeuert, als er Ende Juli auf seine ehemaligen Kollegen traf und mit Busquets und de Jong ebenjenen Spielern gegenüberstand, deren Rolle einst für ihn prädestiniert war.