HINTERGRUND
Man brauchte schon die ganz große Lupe, um in der Hinrunde von Werder Bremen etwas Positives zu entdecken. Vier Niederlagen zum Auftakt, Tabellenplatz 18 nach fünf Spielen und die erste Trainerentlassung der Saison. Auch nach dem überfälligen Wechsel von Viktor Skripnik zu Alexander Nouri wurden Leistungen und Ergebnisse nur allmählich besser. Einer der ganz wenigen Lichtblicke in diesem Werder-Gebilde war ausgerechnet ein Neuzugang: Serge Gnabry hielt die Bremer am Leben, stach mit wichtigen Scorerpunkten heraus und sorgte dafür, dass die Ausgangslage an der Weser im Winter nicht ganz so dramatisch war.
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Wie bereits die ganze Saison über macht Gnabry auch dieser Tage Schlagzeilen: Ist es nicht seine sportliche Situation, sind es sein Vertrag, angebliche Klauseln darin und das Interesse anderer Klubs, über die in den Medien und bei den Fans diskutiert wird. Verbrieft ist wenig und sicher ist nur: Gnabry steht vor einer ziemlich wichtigen Entscheidung, was seine unmittelbare Zukunft angeht.
Gnabry hat zwei Optionen: Werder und 1899 Hoffenheim
Es kristallisieren sich dabei zwei Optionen heraus. Die erste ist logischerweise der Verbleib in Bremen. Hier läuft sein Vertrag noch bis 2020 und hier möchten sie den 21-Jährigen, der als erster SVW-Spieler seit Miroslav Klose 2006 in einer Saison auswärts zweistellig traf, auch gerne halten. Variante zwei ist ein Transfer zu 1899 Hoffenheim. Die Kraichgauer wollen Gnabry unbedingt, angeblich ist er der Wunschspieler von TSG-Coach Julian Nagelsmann. Unter der Woche hieß es in der Sport Bild, Gnabry sei sich mit Hoffenheim bereits einig. Die in der Regel gut informierte Kreiszeitung Syke dagegen meldete, der Rechtsfuß grübele noch und habe sich noch nicht entschieden.
"Wir glauben nach wie vor, dass Serge mindestens auch in der kommenden Saison bei uns spielt", stellte Werders Geschäftsführer Frank Baumann am Mittwoch klar. Er plant Gnabrys Vertrag zu verlängern und ihm den Verbleib in der Hansestadt mit einer Gehaltserhöhung schmackhaft zu machen. Und auch Coach Nouri meinte vor wenigen Wochen bei Sport1 über sein Juwel: "Er spürt hier ein großes Vertrauen. Ich bin sehr optimistisch, dass er diesen Weg hier fortführen möchte"




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Im vergangenen Sommer zeige Gnabry, dass er in der Lage ist, alles richtig zu machen. Nach langer Zeit der Stagnation beim FC Arsenal und der misslungenen Ausleihe zu West Bromwich Albion drängte er auf einen Abschied von der Insel. Wegen starker Leistungen bei Olympia standen ihm viele Türen offen. Er wählte Werder und ragte wie erwähnt auf Anhieb aus einer schwachen Mannschaft heraus. Er zeigte, warum er lange als eines der größten deutschen Talente galt und bei den Gunners als kommender Star gehandelt wurde. Dribbelstark, sicher im Abschluss, furchtlos und technisch beschlagen – Eigenschaften, die ihn auszeichnen und für viele Klubs interessant machen.
In Bremen hat sich die Situation für ihn mittlerweile verändert. Längst ist Werder zu einem starken Kollektiv geworden, das in der Rückserie stellenweise ohne Gnabry guten Fußball zeigte. Muskelprobleme hatten ihn zu einer Pause gezwungen und zunächst den Stammplatz gekostet. Werder legte eine Serie hin und Nouri setzte auf das Motto "Never change a winning team". In der Vorwoche stand Gnabry erstmals seit Anfang März wieder in der Startelf, ausgerechnet gegen Hoffenheim, und lieferte eine schwache Vorstellung ab.
"Stand jetzt habe ich einen Vertrag bei Werder Bremen"
Wie geht er mit dieser neuen Situation um? Beeinflusst sie ihn in seiner Entscheidung für die Zukunft? Gnabry hüllt sich in Schweigen. Sowieso ist er keiner, der große Reden schwingt. Auf Pressekonferenzen gibt es von ihm eher Worthülsen und Allgemeinplätze als knackige Aussagen. Klare Bekenntnisse vermeidet er – in die eine oder andere Richtung und beweist doch ab und zu Schlagfertigkeit. "Stand jetzt habe ich einen Vertrag bei Werder Bremen", meinte er nach dem 3:4 in Köln Anfang Mai zu Sky-Reporter Jan Henkel, als dieser ihn nach seiner Zukunft gefragt hatte. "Die Klassiker-Antwort", entgegnete Henkel. Daraufhin Gnabry trocken: "Ist ja auch eine Klassiker-Frage."
Lieber lässt der gebürtige Stuttgarter ohnehin Taten oder Bilder sprechen. So wie vor fünf Tagen, als er via Instagram ein Video veröffentlichte. Es zeigt ihn beim Training wie er Sonderschichten einlegt, sich im Freestyle übt oder seine Fähigkeiten bei direkten Freistößen schleift. Sein Text dazu: "You don't hustle, you don't eat". Frei übersetzt: "Wenn Du die Drecksarbeit nicht erledigst, wirst Du nicht belohnt."
Bei allem Hype und gerechtfertigtem Lob muss klar sein: Gnabry wird noch einige Drecksarbeit verrichten müssen, um zu den Stars der Bundesliga zu zählen oder nach seinem Länderspieldebüt im vergangenen Herbst dauerhaft ein Fall für die Nationalmannschaft zu werden.
Luft nach oben hat er vor allem im Defensivverhalten und bei der Konstanz, seine Körpersprache wirkt nicht immer positiv und im Kopfballspiel gibt es ebenfalls noch Defizite. Seine Chancenverwertung ist in der Rückrunde von 25 Prozent auf 18 Prozent gesunken, auch bei Pass- und Zweikampfquote hat er etwas nachgelassen. Man darf schließlich aber auch nicht vergessen, dass Gnabry seine erste volle Saison als Profi absolviert und noch immer erst 21 Jahre alt ist.
Goal/GettyEs wird für ihn darum gehen, die Leistungen aus dieser Saison zu bestätigen und zu stabilisieren. In Bremen, so der Eindruck, entsteht gerade etwas. Hier kann Gnabry Teil einer neuen Mannschaft werden. Hoffenheim ist da schon einen Schritt weiter und lockt vermutlich mit Champions-League-Fußball. Zudem hat die TSG den wohl aufregendsten jungen Trainer Europas und eine talentierte, ambitionierte Mannschaft.
Das Abwägen von Pro und Contra wird für Gnabry gewiss nicht leicht. Aber im Vergleich zum Vorjahr ist die Entscheidung zwar auch wichtig, doch es wirkt diesmal so, als könne er nicht wirklich falsch liegen.
