HINTERGRUND
In Sinsheim ist alles eine Nummer kleiner als in München. Rund 35.000 Menschen leben in der ländlichen Hügellandschaft zwischen Heidelberg und Heilbronn. Zwischen grünen Wiesen und der A6 steht etwas unvermittelt die Rhein-Neckar-Arena, das Stadion der TSG 1899 Hoffenheim und die langjährige Heimat von Sebastian Rudy. Das ist er also, dieser seltsame Ort, an dem man jahrelang unter dem Radar fliegen kann.
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Über 100 Spiele hat Rudy hier gemacht, er entwickelte sich zur Stammkraft, zum Leistungsträger, Kapitän und Nationalspieler. Rudy wurde geschätzt, allerdings ging die Wertschätzung kaum über die baden-württembergischen Landesgrenzen hinaus. Zwar gab es Ausnahmen wie den Bundestrainer Joachim Löw, der Rudys Talent früh erkannte, ihn 2011 erstmals für die deutsche Nationalmannschaft nominierte und ab 2014 recht regelmäßig auf ihn setzte, so richtig im Fokus stand Rudy aber nie.
Als der FC Bayern im Januar die Verpflichtungen von Niklas Süle und eben Rudy bekanntgab, kam das eher überraschend daher. Süle? Okay, der ist jung und talentiert, und den lassen sich die Münchner ja auch immerhin rund 20 Millionen Euro kosten. Aber Rudy, 27, ablösefrei? Der wurde teilweise schon in eine Schublade mit all den in München Gescheiterten gesteckt. Mit Tobias Rau oder Alexander Baumjohann, mit Jan Kirchhoff, Jan Schlaudraff oder Sebastian Rode.
Lewandowski besorgt um internationale Konkurrenzfähigkeit
Zu unscheinbar hatte der Mittelfeldspieler viele Jahre bei einem mittelmäßigen Bundesliga-Team gespielt, so die weit verbreitete Meinung. Ein ordentlicher Kicker eben, aber auch nicht mehr. Ähnlich dachten die Verantwortlichen beim VfB Stuttgart, als sie Rudy 2010 an Hoffenheim verkauften. Unter Michael Reschke, dem ehemaligen Kaderplaner der Bayern und neuen Sportvorstand der Schwaben, wäre das nicht passiert. Rudy sei "einer der am meisten unterschätzten deutschen Topspieler", sagte er neulich, noch in Diensten des Rekordmeisters.
Den Ex-Kollegen war es immer klar ...
"Wir sind richtig glücklich, dass wir einen so interessanten und vielseitigen Spieler verpflichten konnten. Sebastian hat in dieser Saison noch mal einen Riesenschritt gemacht und wird unseren Kader deutlich bereichern", prophezeite Reschke. Nun ist es freilich noch viel zu früh, um seine Prophezeiung als erfüllt zu betrachten. Was Reschke gemeint hat, das wissen inzwischen aber auch Fußballfans, die weder aus Baden-Württemberg noch aus Bayern kommen.
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ImagoErst vier Pflichtspiele, gerade einmal 255 Minuten stand Rudy für den FC Bayern auf dem Platz, und schon ist ein regelrechter Hype um den unscheinbaren Ex-Hoffenheimer entbrannt. Der Boulevard feiert den 27-Jährigen als Schnäppchen-Stratagen, immer mehr Fans und Experten sehen in Rudy den Nachfolger von Xabi Alonso. Für seine früheren Wegbegleiter kommt das nicht überraschend.
Julian Nagelsmann etwa sagt, für ihn sei es "ziemlich klar" gewesen, dass Rudy "relativ viele Spiele machen wird". Er sei zwar niemand, "der brutal auffällt, aber einer, der eine gute Struktur ins Spiel bringt". Rudy habe, so Nagelsmann, das Entscheider-Gen, auch deshalb machte er ihn bei 1899 zum Kapitän. "Ich habe von Anfang an gesagt, dass Rudy alle überraschen wird, genauso habe ich das erwartet. Das Spiel der Bayern passt einfach zu ihm. Das kann er besser als fast jeder andere", meinte indes Mark Uth.
Rudy ist ein Spielertyp wie Toni Kroos, der eher unscheinbar im Schatten der großen Offensivkünstler die Fähden zieht. Ein Dirigent aus der Tiefe, stets um die Einfachheit und ums nötige Gleichgewicht bemüht. Rudy definiert sich über seine Übersicht, sein Passspiel und die Ruhe am Ball. Darüber, sich aus dem gegnerischen Pressing, wenn nötig, zu befreien und auch auf engstem Raum Lösungen zu finden. Attribute, die noch besser zum Münchner als zum Hoffenheimer Spiel passen. "Ich kann meine Fähigkeiten am besten einsetzen, wenn ich den Ball habe. Und der FC Bayern hat vorrangig den Ball", sagte Rudy neulich.
Lieber unterschätzt als überschätzt
Die Herausforderung FC Bayern geht er bemerkenswert selbstbewusst an. "Ich würde den Schritt nicht wagen, wenn ich nicht davon überzeugt wäre, mich durchzusetzen. Ich denke, dass noch viel mehr in mir steckt", betonte er bereits bei seiner Vorstellung in München. In der Vorsaison war Rudy sowohl nach den Noten des kicker als auch nach den Statistiken von whoscored bester deutscher Mittelfeldspieler. Der vergangene Sommer, in dem er entscheidenden Anteil am Gewinn des Confederations Cups hatte, gab ihm zusätzlich Antrieb.
"Ich denke, ich konnte in der Anfangsphase der Saison nach kurzer Vorbereitung gute Akzente setzen. Und ich werde mich weiter steigern. Mein Ziel ist es, eine feste Größe bei Bayern München zu werden", erklärte der 21-malige Nationalspieler jüngst im kicker.
Dass er in der Öffentlichkeit lange kaum wahrgenommen worden war, stört ihn kaum. "Wenn man ablösefrei kommt und auch eine etwas ruhigere Persönlichkeit hat, kann das schon sein. Aber ich finde das nicht negativ. Lieber unterschätzt als überschätzt. So kann man sich in Ruhe einfinden und seine Leistung zeigen", sagte Rudy. Er sollte es genießen, denn schon bald dürfte es vorbei sein mit der Ruhe.
Bereits am Samstag, wenn Rudy mit dem FC Bayern in die ihm so gut bekannte Rhein-Neckar-Arena zurückkehrt (18.30 Uhr im LIVE-TICKER), wird er kaum unter dem Radar fliegen können. Diesmal werden die Kameras auf ihn gerichtet sein, diesmal wird er einer der gefragtesten Gesprächspartner in der Interviewzone sein. In seinen Leistungen hat sich kaum etwas verändert, in der Wahrnehmung aber umso mehr. Rudy ist plötzlich ein Star.




