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Stephan Lichtsteiner

Schweizer Nati: Zwischen Identität und Identifikation

12:00 MESZ 03.06.16
Granit Xhaka Stephan Lichtsteiner Switzerland
Die Eidgenossen haben einen starken Kader beisammen und träumen von einer starken EM. Allerdings gibt es auch ein Störfeuer, das der Kapitän selbst gelegt hat.

Wenige Wochen vor dem Start eines großen Turniers eine brisante Diskussion anzuzetteln, ist eigentlich keine besonders gute Idee. Stephan Lichtsteiner tat es trotzdem. Ende März, zwischen zwei Testspielniederlagen der Schweizer Nationalmannschaft, ließ der Star von Juventus Turin bemerkenswerte Sätze fallen. Es ging dabei um das Verhältnis von Spielern mit ausländischen Wurzeln zu Spielern, die ihre Wurzeln in der Schweiz haben.

Lichtsteiner sagte: "Mir geht es nicht um 'richtige Schweizer' und die 'anderen Schweizer', sondern darum, dass sich das Volk weiterhin mit dem Nationalteam identifizieren kann.“ Er ergänzte: "Für die Schweiz ist es extrem wichtig, auf die sogenannten Identifikationsfiguren aufzupassen – denn wirklich viele haben wir nicht mehr."

Nun ist Lichtsteiner nicht irgendein Spieler. Der Rechtsverteidiger gehört zu den erfahrensten Spielern der Nati, ist Leistungsträger und in Abwesenheit des nicht nominierten Gökhan Inler bei der EM der Kapitän der Mannschaft. Lichtsteiner wollte zweifellos die Nichtberücksichtigung einiger etablierter Spieler kritisieren und vor Grüppchen- und Cliquenbildung innerhalb des Teams warnen. Denn das Schweizer Nationalteam hat sich in den vergangenen Jahren ohne gewohnte Gesichter wie Marco Streller, Pirmin Schwegler und Tranquillo Barnetta verändert.

Mit seinen Äußerungen trat Lichtsteiner eine öffentliche Diskussion los, die bereits im Vorlauf der WM 2014 im Gange war. Damals wurde kritisiert, dass einige Nationalspieler die Nationalhymne vor den Spielen nicht mitsangen. Für Kritiker ein Totschlagargument, um mangelnde Identifikation zu unterstreichen. Man kennt dies auch in Deutschland.

"Wir wären ohne die Spieler mit fremden Wurzeln nicht so gut"

Mittlerweile hat sich der Sturm in der Schweiz wieder gelegt, das Sportliche steht im Fokus. Keeper Yann Sommer meinte seinerseits vor wenigen Tagen beim SID: "Ich finde es sehr spannend, wenn man verschiedene Mentalitäten in einer Mannschaft hat. Wir Schweizer wären ohne die Spieler mit fremden Wurzeln nicht so gut, wie wir sind. Für uns ist es normal, dass sie alle Schweizer sind. Und es macht einfach unheimlich viel Spaß."

Der Gladbacher Schlussmann hat sicherlich Recht mit dem sportlichen Aspekt. Kann Trainer Vladimir Petkovic, selbst in Sarajevo geboren, nun in Frankreich seine Wunschformation aufbieten, haben acht von elf Spielern einen Migrationshintergrund. Darunter die Top-Stars Granit Xhaka, Ricardo Rodriguez und Xherdan Shaqiri. Ein ähnliches Bild bot sich vor der Weltmeisterschaft 2014. Im 23er Kader Ottmar Hitzfelds hätten ohne Kicker mit fremden Wurzeln gerade noch zwei Torhüter, fünf Verteidiger und ein Stürmer gestanden.

Sportlich dümpelte die Schweiz lange Zeit in der Bedeutungslosigkeit umher. Zwischen 1966 und 2006 gelang einzig 1994 die Teilnahme an einer WM-Endrunde. Und 1996 schaffte es die Nati erstmals zu einer Europameisterschaft. Es ist kein Zufall, dass es seitdem bergauf gibt. Die Zahl der Spieler mit Migrationshintergrund, der sogenannten Secondos (die aus der zweiten Generation von Einwanderern), stieg und damit auch der Erfolg.

Um dies zu veranschaulichen: Vor 22 Jahren, bei der WM in den USA, war der aus Argentinien stammende Nestor Subiat noch der einzige Eingebürgerte in der Nati. 2006 in Deutschland zählten bereits acht Spieler mit ausländischen Wurzeln zur Auswahl von Hitzfeld-Vorgänger Köbi Kuhn.

Der Kader ist bereit für das Achtelfinale

Aus der Mannschaft gab es kaum öffentliche Reaktionen auf die Lichtsteiner-Aussagen, auch Trainer Petkovic hielt sich zurück. Stattdessen betonten alle Spieler unisono, eine starke EM für die Schweiz spielen zu wollen. Und die Chancen dazu stehen nicht schlecht.

Die Eidgenossen verfügen über einen starken Kader. Viele Spieler haben mittlerweile mindestens ein großes Turnier gespielt und zudem Erfahrung in Top-Ligen und der Champions League gesammelt. Prunkstück ist das Mittelfeld, das einen idealen Mix aus spielerischer Klasse, Lauf- und Kampfkraft verspricht und zudem auch in der Breite exzellent besetzt ist. Im Sturm mangelt es allerdings an einem Top-Torjäger. Vielleicht schlägt ja schon bei dieser EM die große Stunde des unter anderem von Bundesligisten heiß umworbenen Teenagers Breel Embolo.

Die Leistungen in der EM-Qualifikation waren meist überzeugend und der zweite Platz hinter den souveränen Engländern wurde mit fünf Punkten Vorsprung gesichert. Die Auslosung für die Endrunde hat es ebenfalls gut mit der Petkovic-Elf gemeint: Zwar geht es auch gegen Gastgeber und Favorit Frankreich, doch gegen Rumänien und Albanien sollten sechs Punkte eingefahren und das Ticket für die K.o.-Runde am Ende gelöst werden.

Apropos Albanien: Dieses Spiel zum Auftakt am 11. Juni in Lens bietet viel Zündstoff, stammen doch viele der Schweizer Nationalspieler ursprünglich vom Balkan. Spätestens dann wird man sehen, ob Lichtsteiners Äußerungen Spuren hinterlassen haben und wie geschlossen sich die Nati präsentiert.