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Schalkes Guido Burgstaller im Goal-Interview: "Meine Fehler haben mich geprägt"


EXKLUSIV

Er kam, sah und traf: In einer durchwachsenen Saison war Guido Burgstaller einer der wenigen Lichtblicke beim FC Schalke 04. Starke neun Bundesliga-Tore erzielte der Winter-Neuzugang in der Rückrunde und sicherte Königsblau damit einige wichtige Punkte. 

Kurz vor dem Start in die neue Saison hat Goal den Österreicher zum exklusiven Interview getroffen und mit ihm unter anderem über seine wilden Jahre als Jungprofi, schwere Zeiten in Cardiff und vermeintliche Spätstarter gesprochen. Darüber hinaus gab der 28-Jährige interessante Einblicke in die Trainingsarbeit von Domenico Tedesco und seine Rolle auf Schalke. 

Diesen Sommer kommt man nicht daran vorbei, über die astronomischen Transfersummen zu sprechen. Haben Sie schon mal nachgerechnet, wie viele Guido Burgstallers man sich für die 222 Millionen Euro kaufen könnte, die Paris in Neymar investiert hat?

Guido Burgstaller: (lacht) Nein, habe ich noch nicht, aber Sie können es mir sicher sagen.

Geht man von den 1,5 Millionen Euro aus, die Schalke im Winter für Sie bezahlt hat, kann man Sie davon 148-mal kaufen. Was sagen Sie zu diesen Summen?

Burgstaller: Eigentlich lese ich nicht viel über solche Dinge und versuche es zu vermeiden, zu allem meinen Senf dazuzugeben, doch der Fußball ist ein riesiges Geschäft, in dem rundherum viel passiert. Wenn man aber hört, wie viele Neymar-Trikots bereits in Paris verkauft worden sind, hat man die Summe doch fast schon wieder erwirtschaftet.  

Mit nun 28 Jahren sind Sie auf dem bisherigen Höhepunkt Ihrer Karriere angelangt. Sehen Sie sich selbst als Spätstarter?

Burgstaller: Ich hoffe nicht, dass das jetzt schon alles war, ich habe noch ein paar Jahr vor mir. Wenn ich gesund bleibe, kann ich hoffentlich noch einige erfolgreiche Saisons spielen. Mit 28 Jahren bin ich noch nicht zu alt und würde daher nicht unbedingt sagen, dass ich ein Spätstarter bin.

Ich habe kürzlich mit Ihrem Ex-Trainer Helmut Kraft über Sie gesprochen, der Sie beim SC Wiener Neustadt trainierte, als Sie 20 waren. Er sagte mir, dass Sie früher ein frecher Typ waren, der nicht viel davon gehalten hat, sich an Regeln zu halten. Wie hat sich das damals geäußert?

Burgstaller: Vielleicht lag es am Trainer (lacht). Meine Zeit bei Wiener Neustadt ist schon einige Jahre her, damals habe ich das gemacht, was ich für richtig gehalten habe, womit ich meistens ganz gut gefahren bin. Wenn man jung ist, denkt man vielleicht nicht so viel an mögliche Konsequenzen – da war schon das ein oder andere Scharmützel dabei.  

Wie viel des aufmüpfigen Teenagers steckt heute noch in Ihnen?

Burgstaller: Ein bisschen davon ist schon noch in mir. Mit der Zeit und mehr Erfahrung bin ich allerdings ruhiger geworden. Wäre ja blöd, wenn ich noch immer der gleiche Hitzkopf wäre wie früher – das hat sich größtenteils gelegt.

Heute gelten Sie nicht gerade als Badboy. Gab es möglicherweise eine Art Schlüsselerlebnis, das dazu geführt hat, dass Sie heute reifer auftreten?

Burgstaller: Als Jugendlicher habe ich nicht immer die besten Entscheidungen getroffen und bin vielleicht etwas leichtsinnig mit dem Beruf Profifußballer umgegangen. Mit der Zeit lernt man aber, was am besten für den Körper ist und wie man sich professionell vorbereitet – genau das habe ich getan. Deshalb bin ich mit meiner Entwicklung sehr zufrieden. Heute würde ich alles noch einmal genau so machen und bereue auch keinen meiner Fehler, denn aus diesen Fehlern lernt man. Manchmal bringen sie einen sogar weiter. Unter dem Strich haben sie mich geprägt und mir geholfen, zu dem Menschen zu werden, der ich heute bin.

GFX Quote Guido BurgstallerGoal

Ich kann mir vorstellen, dass auch Ihre schwere Zeit in Cardiff Sie geprägt hat. Wie sehr hat Sie diese Zeit verändert?

Burgstaller: In Cardiff habe ich gelernt, den Fußball wertzuschätzen. Diese Zeit hat mir gezeigt, dass es im Fußball schnell wieder abwärts gehen kann und dass es nicht immer nur Spaß macht. Die sechs Monate waren hart für mich und haben mich gelehrt, dass man die Zeit, in der man gesund auf dem Platz stehen darf, genießen muss. Letztendlich hat mir diese Erfahrung aber viel gebracht.

Wo sehen Sie im Nachhinein die Gründe für Ihr Reservistendasein in Cardiff?

Burgstaller: Es gab einige Faktoren, doch dass Trainer Ole-Gunnar Solskjaer nach nur zwei Monaten den Verein verlassen hat, war sicher nicht unwichtig. In der Folge kamen die Spieler, die Solskjaer im Sommer geholt hatte, nicht mehr zum Zuge und haben nicht einmal mehr eine Chance bekommen, sich zu zeigen – ich war nicht der Einzige. Da liegt es eigentlich auf der Hand, was die Hauptursache war.

Wie sehr zweifelt man an sich, wenn nach wenigen Wochen im neuen Verein nicht mehr mit einem geplant wird und man ausschließlich auf der Tribüne sitzt?

Burgstaller: Natürlich zweifelt man in solchen Phasen. Es macht keinen großen Spaß, nur mit der U23 zu trainieren und fünf Monate lang auf der Tribüne zu sitzen, obwohl man fit ist – da hat man viel Zeit, um nachzudenken. Zum Glück habe ich schnell einen Schlussstrich gezogen und schon nach einem halben Jahr das Weite gesucht.

Befürchtet man in solchen Phasen, dass es mit der Karriere nun weiter bergab gehen könnte?

Burgstaller: Man denkt viel nach. Wahrscheinlich ist mir dieser Gedanke damals auch durch den Kopf gegangen. Trotz der schweren Zeit in Cardiff wollte ich nicht sofort zurück nach Österreich, sondern im Ausland bleiben und mich in einem anderen Land durchsetzen. Im Endeffekt war ich sehr glücklich, dass ich schnell bei einem coolen Klub wie dem 1. FC Nürnberg untergekommen bin, wo es auch für mich persönlich sehr gut gelaufen ist.

Bei Ihrem neuen Trainer Domenico Tedesco würde wohl niemand auf die Idee kommen, ihn als Spätstarter zu betiteln. Sie haben inzwischen schon einige Wochen mit ihm zusammengearbeitet: Mit welchen drei Adjektiven würden Sie ihn beschreiben?

Burgstaller: Er ist professionell, kommunikativ und konzentriert. Allgemein verlangt er sehr viel von uns Spielern, bezieht uns mit in die Videoanalysen ein und will unsere Meinungen hören. Häufig werde ich auch auf sein Alter angesprochen, doch das Alter ist für einen Trainer nicht entscheidend. Wichtig ist nur, wie man auf dem Platz rüberkommt und wie ausgeprägt die Persönlichkeit ist.

Nach dem enttäuschenden zehnten Rang in der letzten Saison soll es nun wieder aufwärts gehen. Ist die Qualifikation für Europa in diesem Jahr Pflicht?

Burgstaller: Alle wissen, dass wir mit dem zehnten Rang nicht zufrieden sind und dieser Tabellenplatz nicht der Anspruch von Schalke 04 sein kann. In dieser Saison wollen wir Vollgas geben und guten Fußball spielen, sodass im Endeffekt eine bessere Platzierung rausspringt als zuletzt.

Dabei helfen sollen auch Ihre Tore. Zählt man Ihre zwei Jahre in Nürnberg hinzu, treffen Sie in Deutschland durchschnittlich in jedem zweiten Spiel. Sind Sie zuversichtlich, diese Quote auch weiterhin halten zu können?

Burgstaller: Ich denke nicht viel über solche Zahlen nach. Für mich ist es nicht die erste Priorität, in jedem Spiel ein Tor zu machen. Stürmertypen wie ich haben mehr Aufgaben, als nur aufs Tor zu schießen. Ich will hohes Pressing spielen, um die Verteidigung sofort unter Druck zu setzen, Laufwege anbieten und Räume öffnen. Zusätzlich hat es bislang immer geklappt, auch ein paar Tore zu schießen, was gern so weitergehen darf. Doch es wäre auch nicht schlimm, mal drei oder vier Spiele nicht zu treffen. Ich lasse mich nicht unter Druck setzen.

Guido Burgstaller Robin HaackGoal
Goal-Reporter Robin Haack (r.) traf Schalke-Knipser Guido Burgstaller zum Interview in Gelsenkirchen

Während der Großteil der Mannschaft im letzten Jahr Probleme hatte, sind Sie auf Schalke eingeschlagen wie eine Bombe. Haben Sie auch nur entfernt damit gerechnet, dass es auf Anhieb so gut laufen könnte?

Burgstaller: Natürlich macht man sich Gedanken und malt sich aus, wie es laufen könnte. Bei meinem Wechsel wusste ich, dass ich eine Chance bekommen werde und einige Spiele machen kann, wenn ich sie nutze – was mir zum Glück gelungen ist.

Dank Ihrer Treffer und Ihrer Einsatzbereitschaft wurden Sie auf Schalke auf Anhieb einer der Fanlieblinge. Wie wichtig ist Ihnen der Zuspruch der Fans?

Burgstaller: Es ist für einen Spieler immer etwas Besonderes, wenn die Fans deinen Namen rufen und dich feiern. Ich bin erst kurze Zeit auf Schalke und gerade die Unterstützung der Fans hat mir enormen Auftrieb gegeben. Es macht mir riesigen Spaß, hier zu spielen. Ich haue mich immer voll rein, gebe alles für das Team und glaube, dass die Fans diese Einstellung honorieren.

Sie standen bereits bei Rapid Wien, dem 1. FC Nürnberg und Schalke 04 unter Vertrag. Ist es Zufall, dass Sie immer in Traditionsvereinen mit großer Fankultur landen?

Burgstaller: Ich stehe auf Traditionsvereine, da bin ich ehrlich. Es ist immer cool, wenn der Verein lebt, eine Geschichte und Tradition hat. Damit kann ich mich viel besser identifizieren und es ist mir wichtig. Dass es allerdings Rapid, Nürnberg und Schalke werden, kann man im Vorfeld der Karriere nicht wissen – umso mehr freue ich mich, dass derart tolle Vereine in meiner Vita stehen. Geht es nach mir, bleibe ich auch gern noch einige Jahre hier.

Durch Ihre Lauffreude und Ihr kampfbetontes Spiel gelten Sie als schwer zu verteidigen. Würden Sie selbst gern gegen einen wie Guido Burgstaller spielen?

Burgstaller: Schwierige Frage. Ich glaube, es gibt angenehmere Gegenspieler als mich. Wenn jemand immer alles gibt, um jeden Meter kämpft, beißt und kratzt, freut sich mit Sicherheit kein Gegner.

Spricht man über Ihr Spiel, fällt häufig der Begriff "unorthodox" – was machen Sie anders als viele Ihrer Kollegen?

Burgstaller: Ich denke nicht viel darüber nach, was ich machen könnte. Stattdessen entscheide ich alles intuitiv und probiere das, was mir in der jeweiligen Situation gerade einfällt. Manchmal klappt es, manchmal auch nicht. "Unorthodox" beschreibt mein Spiel schon sehr gut, denn es sieht vielleicht nicht immer überlegt und technisch sauber aus, doch solange es funktioniert, werde ich mit Sicherheit nichts ändern.

Letzte Frage: Würden Sie lieber mit Österreich in der letzten Minute den Siegtreffer gegen Deutschland schießen oder für Schalke gegen Dortmund zum Derbyhelden werden?

Burgstaller: (lacht) Beides wäre cool. (überlegt lange) Wenn ich mich wirklich entscheiden müsste, würde ich mich aber für den Schalker Siegtreffer gegen Dortmund entscheiden. Es ist ein großes Ziel von mir, gegen den BVB zu treffen, aber ich habe ja noch ein paar Spiele, um es letztlich zu schaffen. Vielleicht klappt es schon in dieser Saison und in ein paar Jahren dann auch gegen Deutschland. 

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