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Schalkes Donis Avdijaj am Scheideweg: Der perfekt unperfekte Profi


HINTERGRUND

Ist ein Fußballprofi noch der ganz normale Junge von nebenan? Geht es nach den Kickern selbst, soll dieses Image möglichst aufrechterhalten werden. Dabei helfen sollen gelegentliche Anstandsbesuche in der Heimat und immer wiederkehrende Interviewfloskeln, in denen betont wird, dass man trotz Millionenverträgen weiter der authentische und bodenständige Typ aus der Nachbarschaft geblieben ist. Geld ist ja ohnehin nicht wichtig.

Um genau das den Fans zu zeigen, nutzen die meisten Profis inzwischen alle Facetten der sozialen Medien. Egal ob Facebook, Twitter, Snapchat oder Instagram: Es gibt wohl kaum eine Berufsgruppe, die derart akribisch ihre Kanäle pflegt wie Fußballer – möglichst sympathisch, ehrlich und fannah soll es sein, um in der Öffentlichkeit das perfekte Bild des Musterprofis abzugeben. Doch echte Authentizität sucht man zumeist vergebens, denn viele Profis werden längst von Social-Media-Beratern unterstützt oder lassen ihre Accounts sogar von Agenturen pflegen.

Avdijaj zieht Fettnäpfchen magisch an

Definitiv ohne akribischen Medienberater arbeitet Schalkes Offensiv-Talent Donis Avdijaj, der sich dank fragwürdigen Verhaltens neben dem Platz schon mehrfach selbst ins Abseits geschossen hat. Als Liebling der deutschen Boulevardmedien, scheint der 20-Jährige jedes Fettnäpfchen magisch anzuziehen und gern falsche Entscheidungen zu treffen, wenn es um Äußerungen in sozialen Medien geht.

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Häufig wird der junge Kosovare dieser Tage als Skandal-Profi oder Bad-Boy betitelt. Doch was hat Avdijaj eigentlich gemacht, um schon mit 20 einen solch schweren Rucksack mit sich herumtragen zu müssen?

Ein Interview und seine Folgen

Blickt man zurück, stehen seit 2014 zwei Verkehrsdelikte mit seinen Sportwagen, ein wirres Interview im österreichischen Fernsehen sowie zuletzt ein sechsminütiges Zuspätkommen zum Mannschaftsfrühstück, inklusive fragwürdiger Rechtfertigung bei Facebook, in seiner Vita – mit Sicherheit kein ruhmreiches und vorbildliches Verhalten.

In einer Zeit, in der Enthüllungsplattformen wie Football Leaks millionenschwere Steuerhinterziehungen von Branchenstars wie Cristiano Ronaldo aufdecken, sollte man sich allerdings zweimal überlegen, ob die Eskapaden eines 20-jährigen Jungprofis wirklich den Namen "Skandal" verdient haben.

Als zuletzt der vermeintliche "Rauswurf" von Avdijaj bei Schalke an die Öffentlichkeit gelang, gruben zahlreiche Plattformen wieder sein kurioses Interview aus, in dem Avdijaj erzählt, dass er sich als Millionär ein "Geldschwimmbad" mitsamt Pferden am Beckenrand bauen würde – das Internet vergisst nie. Weiter lachte die Öffentlichkeit über seine sprachlich schlecht formulierte Rechtfertigung bei Facebook, in der er sein Zuspätkommen erklärt.

Eines der letzten Originale der Liga

Dass aber nicht etwa Undiszipliniertheiten dafür sorgten, dass der 20-Jährige nicht mit Königsblau ins Trainingslager nach Mittersill reiste, interessierte viele seiner Kritiker schon gar nicht mehr. Es scheint, als wollen Teile der Fußball-Fans gar nicht wissen, warum Avdijaj auf Schalke keine Zukunft hat, sondern sind einzig auf Spott aus. Als chronischer Klassenclown ist der Offensivmann in dieser Hinsicht ein gefundenes Fressen.

In seiner chaotisch anmutenden Art mag Avdijaj ein Sonderling in der heutigen Profiszene sein, aber ist es nicht genau das, was sich der Großteil der Fans wünscht, wenn sie den x-ten langweiligen Agentur-Tweet von Philipp Lahm lesen, vor dem selbst Pressesprecher ehrfürchtig den Hut ziehen würden? Regelmäßig wild bemängelt, dass es im Fußball keine echten Typen mehr gibt. Keine Oliver Kahns, die nach dem Spiel "Eier" vom eigenen Team fordern und keine Stefan Effenbergs, die einfach mal den Mittelfinger in Richtung Fankurve zeigen, um ihre Aggressionen rauszulassen.

Zu diesem Schlag von Profis, die frei aus der Hüfte ihre eigene Meinung sagen, mehr oder weniger ohne Rücksicht auf Verluste, zählt auch Avdijaj. Was den Schalker allerdings von den Typen vergangener Tage unterscheidet, ist der sportliche Erfolg. Denn anders als Kahn, Effenberg und Co. kommt der Offensivspieler auf gerade einmal neun Bundesligaspiele (zwei Tore), was gleichzeitig der Grund ist, warum Schalke ihn abgeben möchte.

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"Donis ist nicht suspendiert"

"Er hat die klare Erwartungshaltung, dass er zu den ersten 14 Spielern bei uns zählen muss. Das war bereits sein Anspruch in der vergangenen Saison. Nach der China-Tour hat der Trainer mit Donis ein Gespräch geführt und ihm mitgeteilt, dass wir ihm seine Vorstellungen im Moment nicht bieten können. Jetzt müssen wir sehen, dass Donis diese Erwartungserhaltung bei einem anderen Verein erfüllen kann und Spielpraxis sammelt. Deswegen ist der Spieler aktuell freigestellt, um sich mit der Suche nach einem Verein zu beschäftigen", erklärte S04-Sportvorstand Christian Heidel zuletzt. "Aber Donis ist nicht suspendiert. Denn dafür gibt es überhaupt keinen Grund."

Dass es nun scheint, als sei seine Schalke-Karriere schon jetzt beendet, wird auch dem ehrgeizigen Deutsch-Kosovaren zu denken geben, schließlich galt er einst als vielversprechendstes Talent der Knappenschmiede. Insgeheim hoffte man sogar, dass er in die Fußstapfen vom heutigen Weltmeister Julian Draxler treten kann, weshalb man Avdijaj eine astronomische Ausstiegsklausel in Höhe von 49 Millionen Euro in den Vertrag schreiben ließ – kein Bundesliga-Profi hatte zu diesem Zeitpunkt eine höhere Summe im Arbeitspapier verankert.

Statt diese Klausel allerdings geheim zu halten und der Sturmhoffnung so die Möglichkeit zu geben, sich fernab des Medientrubels in Ruhe zu entwickeln, passierte das Gegenteil. Die Klausel gelangte rasch an die Öffentlichkeit und ganz Deutschland sprach von Schalkes 49-Millionen-Mann, der zu diesem Zeitpunkt noch keine Minute im Profibereich aufgelaufen war. 

Mercedes SL63 AMG statt Opel Corsa

Dass man als unreifer 18-Jähriger bei solchen Zahlen und einem Millionengehalt den Kopf verlieren kann, ist nur menschlich – auch wenn es im wohlbehüteten Profifußball nicht allzu häufig vorkommt. Statt Opel Corsa legte sich der Jungprofi als erstes Auto folglich einen Mercedes SL63 AMG V8 Biturbo zu, was unweigerlich für Aufstehen sorgt. Ist man damit sogar noch in Unfälle verwickelt, trägt das nicht unbedingt zu weniger Schlagzeilen bei.

Doch auch aus den Konsequenzen seiner Eskapaden im jugendlichen Leichtsinn wird Avdijaj seine Schlüsse gezogen haben. So verzichtet er in sozialen Medien inzwischen weitgehend auf Protz-Fotos und auch aktuelle Interviews von ihm sucht man vergebens. Es scheint wirklich, als gibt der 20-Jährige sich größte Mühe, das lästige Witzfiguren-Image endlich loszuwerden.

Loswerden wird ihn wohl bald auch der FC Schalke, wobei sich gerade die treuen Fans wenig über den Abschied des Youngsters freuen, die seine offene Art immer geschätzt haben. Unter dem Strich wird es aber vielleicht die beste Lösung für alle Beteiligten sein, denn in einem ruhigeren Umfeld als in Gelsenkirchen ist ihm durchaus zuzutrauen, dass er sich in den nächsten Jahren in der Bundesliga etabliert. Das sportliche Talent dazu hat er allemal.

Solange er aber weiterhin für mehr Aufsehen in den sozialen Medien sorgt als auf dem Rasen, wird Avdijaj noch eine Weile der perfekt-unperfekte Profi bleiben. Anders als vielen seiner Kollegen nimmt man ihm dabei sogar ab, dass er der ganz normale Junge von nebenan geblieben ist - inklusive ausgeprägtem jugendlichen Leichtsinn und gefülltem Bankkonto. 

Folge Schalke-Reporter Robin Haack auf

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