Daniel Caligiuri vom FC Augsburg im Interview: "Schokolade, Pizza oder Kebab? Meiner Meinung nach braucht das ein Fußballer auch mal"

Zuletzt aktualisiert

EXKLUSIV-INTERVIEW

Daniel Caligiuri entschied sich im vergangenen Sommer, nachdem sein Vertrag bei Schalke 04 ausgelaufen war, zum FC Augsburg zu wechseln. Im Interview mit Goal und SPOX spricht der 32-Jährige über die erste Kontaktaufnahme des FCA und das Thema Wertschätzung.

Außerdem erzählt er, warum es mit einer Vertragsverlängerung auf Schalke nicht geklappt hat und welcher Druck in der Rückrunde der vergangenen Saison auf der Mannschaft lastete.

Zudem berichtet Caligiuri, warum seine Vorbilder in der Jugend aus der eigenen Familie kamen und weshalb er eine Nationalmannschaftskarriere noch nicht abgehakt hat.

Herr Caligiuri, zu Beginn würde ich Ihnen gerne gratulieren. Bei Ihrem letzten Bundesligaspiel gegen Freiburg sind Sie in einer Kategorie der erfolgreichste Bundesligaspieler. Eine Idee, worum es geht?

Daniel Caligiuri: Hui. Da müsste ich jetzt mal kurz überlegen. Ich muss passen.

Es sind die gewonnen Zweikämpfe.

Caligiuri: Die gewonnen Zweikämpfe?

Genau. Seit Ihrem Bundesliga-Debüt am 7. November 2009 hat kein anderer Spieler mehr Zweikämpfe gewonnen. Sie haben laut Opta 2136 Ihrer 4407 Zweikämpfe gewonnen. Wie gut passt das Arbeiter-Image, das Sie in der Öffentlichkeit auch durch solche Statistiken haben, mit Ihrem Selbstverständnis zusammen?

Caligiuri: Sehr gut. Ich hab das einfach in mir. Als Kind war ich schon ein Wettkampftyp, der beim Kartenspielen ab und zu getrickst hat, weil ich jedes Spiel gewinnen wollte. Auch beim Fußballduell mit meinem älteren Bruder früher im Garten habe ich immer alles gegeben. Und wenn ich verloren hatte, war ich stinksauer. Noch heute verliere ich selbst Trainingsspiele nur sehr ungern.

So gerne Sie auf dem Feld offensiv zu Werke gehen, so zurückhaltend äußern Sie sich über ihr Privatleben. Versuchen Sie bewusst, Privates und Berufliches zu trennen?

Caligiuri: Es gibt schon private Sachen, die nicht für jeden bestimmt sind. Ich bin jemand, der ab und zu mal etwas in den sozialen Medien postet, aber nicht zu viel. Es soll sich noch in Grenzen halten. Es gibt ja auch andere Spieler, die gefühlt jede Stunde etwas hochladen, so jemand bin ich aber nicht. Am Anfang meiner Karriere habe ich mich damit schon mehr beschäftigt, mit der Zeit ist es aber weniger geworden.

Bekannt ist aber, dass Sie im baden-württembergischen Villingen-Schwenningen aufgewachsen sind. Dort wurde mit den Schwenninger Wild Wings in Ihrem Geburtsjahr 1988 eine Eishockey-Mannschaft Deutscher Meister. Wie oft haben Sie auf dem Eis gestanden?

Caligiuri: Auf dem Eis stand ich nur zum Schlittschuhlaufen. (lacht) Ich habe früher mit Freunden nur Streethockey auf Inlinern gespielt, für die Eishockeyhalle hat der Mut nie gereicht. Von den Wild Wings war ich aber treuer Fan, hatte ein eigenes Trikot und war bei jedem Heimspiel dabei. Die Mannschaft verfolge ich auch heute noch.

Leichter fiel Ihnen der Weg auf den Fußballplatz - auch durch die Vorbilder aus der Familie?

Caligiuri: Ja, meine Vorbilder damals kamen hauptsächlich aus der Familie. Zum einen wollte ich in die Fußstapfen von meinem Bruder treten, der vier Jahre vor mir Profi geworden ist. Andererseits ist da aber auch mein Onkel, der ebenfalls Profi war und 1985 sogar den DFB-Pokal gewonnen hat. Außerdem war mein Vater ein sehr guter Fußballer, wenn auch kein Profi. So war auch ein gewisser Druck, es auch zum Profi zu schaffen, von Beginn an da. (lacht)

War Ihr Bruder Marco, der früh in die Jugend des VfB Stuttgart ging, der Talentiertere?

Caligiuri: Dadurch, dass er vier Jahre älter war, hatte er natürlich immer einen Vorteil. Letztlich hat man aber auch bemerkt, dass ich Talent habe. Früher haben viele gesagt: 'Der kleine Bruder wird noch besser als der große.'"

Wie lief das erste direkte Duell 2011 ab? Sie standen damals beim SC Freiburg unter Vertrag, Ihr Bruder bei Mainz 05.

Caligiuri: Bei uns war gerade das erste Mal sehr ungewöhnlich, aber ich sage immer: 'Auf dem Platz gibt es keine Freunde'. Für meine Eltern war es sicherlich nicht so schön, wenn die Söhne sich gegenseitig in die Beine treten, vor allem weil wir dort auch direkt aufeinandergetroffen sind - er als Außenverteidiger, ich als Flügelstürmer. Letztlich war es aber für uns beide ein schönes Gefühl, so oft gegen den eigenen Bruder spielen zu können. Heute reden wir nach jedem Spiel miteinander und er gibt mir auch den einen oder anderen Tipp.

Während sich Ihr Bruder bei drei seiner vier Wechsel im Profibereich ablösefrei einem neuen Verein anschloss, war der Wechsel nach Augsburg Ihr erster ablösefreier. Wie war es, zwischenzeitlich einer unsicheren Zukunft entgegenzublicken?

Caligiuri: Ich habe mir da überhaupt keinen Druck gemacht. Ich wusste, dass ich auf keinen Fall mit Fußball aufhöre und ich wusste auch, dass es Interesse gab. Solange die Leistung da ist, kommt der Rest von alleine.

Nehmen Sie uns mal mit in Ihre Erinnerungen an den vergangenen Sommer. Wie lief die erste Kontaktaufnahme von Seiten der Augsburger ab?

Caligiuri: Die Verantwortlichen haben sich bei meinem Berater gemeldet und dann sind die Gespräche dort gestartet. Ich wollte die Saison mit Schalke erst mal fertig spielen, damit ich im Kopf frei bin. Letztlich haben sich die Augsburger Verantwortlichen sehr um mich bemüht und mir eine Menge Wertschätzung entgegengebracht. So fiel mir die Entscheidung nicht schwer.

Sie haben auch von Schalke ein Angebot bekommen, dies aber abgelehnt. Wie lief das ab?

Caligiuri: Das war kompliziert, abgelehnt habe ich aber nichts. Ich hatte ein Vertragsangebot von Schalke vorliegen, die Gespräche wurden aber wegen Corona abgebrochen und auf Eis gelegt. Anschließend kam nichts mehr zu Stande.

Wären Sie gerne auf Schalke geblieben, hatten aber nicht mehr die Möglichkeit?

Caligiuri: Ich hatte eine super Zeit auf Schalke und habe mich dort immer sehr wohlgefühlt, bin aber auch kein Typ, der sich vor Veränderungen scheut. Als dann einige spannende Optionen aufkamen und sich die Gespräche mit den FCA-Verantwortlichen um Stefan Reuter, Michael Ströll und Heiko Herrlich extrem positiv intensivierten, habe ich das aus voller Überzeugung gemacht.

Auch nach Ihrem Abgang lief es für die Schalker nicht rund. Inwiefern war die Entwicklung abzusehen?

Caligiuri: Die letzte Saison dort war schon nicht ohne. Irgendwie kamen alle nicht so richtig in Schwung und die Negativserie steckte in den Köpfen drin. Druck erzeugt Stress und so sind die Köpfe nicht frei. Ich denke, das ist jetzt immer noch so dort.

Caligiuri: "Oh nee, nicht schon wieder eine Niederlage"

Wie äußert sich das konkret?

Caligiuri: Im Training und vor den Spielen waren alle hochmotiviert, aber auf dem Platz hatten wir dann Angst, Fehler zu machen. Wenn du diese Angst hast und beispielsweise ein Gegentor kassierst, dann denkst du 'Oh nee, nicht schon wieder eine Niederlage' und dann kommt es erst recht so. Durch die vielen Verletzungen hatten wir häufig sehr viele junge Spieler auf dem Platz und nur mit jungen Spielern geht es heute nicht mehr. Da braucht es eine gewisse Achse aus erfahrenen Spielern, die vorangehen. Das hat leider häufig gefehlt.

Wie hätte man den Druck auf die Spieler verringern können?

Caligiuri: Der Druck, den 14 sieglose Spiele aufbauen, geht nicht so leicht weg. Die Serie kennen die Spieler auf dem Platz ja auch. Dann kam der Druck von außerhalb dazu. Man merkt ja als Spieler auch, dass ein Sieg nötig wäre. Aber wie genau man den Druck von den Spielern hätte nehmen können, ist schwer zu sagen.

Der Druckfaktor Zuschauer in den Stadien ist ja seit einiger Zeit weg oder mindestens deutlich verringert. Kann das befreien?

Caligiuri: Es kann sein, dass das auf den einen oder anderen Spieler befreiend wirkt, vor allem bei Auswärtsspielen. Wenn einer nicht mehr das Gepfeife zu hören bekommt, kann er sich befreiter fühlen.

Kennen Sie einen Spieler, der froh ist, dass keine Zuschauer im Stadion sind?

Caligiuri: Ich glaube, jeder Spieler wünscht sich Fans im Stadion. Da kann ich leider keinen nennen.

Ich wollte keinen Namen hören, eher generell fragen ...

Caligiuri: (unterbricht) Also ich kenne keinen.

Neu in der Verantwortung ist auf Schalke ein guter Bekannter von Ihnen: Naldo. Mit ihm haben Sie auf Schalke und in Wolfsburg zusammengespielt. Inwieweit kann er als Co-Trainer Einfluss nehmen?

Caligiuri: Naldo ist ein wirklich sehr positiver und netter Spieler gewesen. So ist er auch als Mensch. Als Co-Trainer hat er noch nicht so viel Erfahrung, aber ich denke, er arbeitet sich da rein. Er ist ein lernwilliger Typ. Für die Mannschaft kann er sehr wichtig sein, weil er jemand ist, der gerade junge Spieler mitnehmen kann und so eine positive Stimmung reinbringt.

Zurück zu Ihnen: Sie waren im Mai 2015 erstmals beim Lehrgang der italienischen Nationalmannschaft - haben Sie damals mit einer Einladung gerechnet?

Caligiuri: 2014/15 sind wir ja mit Wolfsburg Vize-Meister geworden, da hatte ich auch eine überragende Saison inklusive des Pokalsiegs. Es gab bereits im Vorfeld einige Gespräche und so habe ich mitbekommen, dass die Einladung kommen könnte. Erfahren habe ich es dann nach dem Pokalsieg. Das war natürlich ein tolles Gefühl. Schade war, dass es nicht zu einem Länderspiel gereicht hat, nicht mal zu ein paar Minütchen. Ganz abgehakt habe ich die Nationalmannschaft aber noch nicht. Ich habe immer Ziele vor Augen und eine Nominierung ist sicherlich eines davon. Klar, das wird schwer, weil ich in Fußballerjahren nicht mehr der Jüngste bin, aber ich versuche weiterhin, mich über meine Leistungen im Verein zu zeigen und dann schauen wir mal.

Wie hat der Trainer begründet, dass Sie nicht gespielt haben?

Caligiuri: Ich habe nur von der Nichtnominierung erfahren. Aus meiner Sicht lag es daran, dass ich bei den Trainings nicht ich war. Das war etwas Besonderes für mich, deswegen habe ich mich da etwas zurückhaltend präsentiert und nicht gezeigt, was ich über die Saison gezeigt habe. Ich denke, dass ich es trotzdem verdient hätte, weil es auch nicht schlecht war, wie ich trainiert habe. Letztlich bin ich aber nicht nachtragend und schaue nach vorne. Vielleicht ergibt sich ja nochmal eine Gelegenheit.

Und wenn der DFB auf Sie zukommen würde?

Caligiuri: Ich habe für mich immer festgelegt, dass ich mich für die erste Nationalmannschaft entscheide, die mich anspricht. Das war damals Italien. Jetzt hätte ich es zwar immer noch in der Hand, aber ich denke, der DFB plant eher mit jungen Spielern. Grundsätzlich hake ich das Thema aber erst dann ab, wenn ich in ein paar Jahren nicht mehr Fußball spiele.

Caligiuri: "Bei Deutschland gegen Italien war ich immer neutral"

Waren Sie als Kind denn Fan von Deutschland oder von Italien?

Caligiuri: Ich war immer für beide. Wenn Deutschland gegen Italien gespielt hat, war ich neutral.

Bild: Getty Images

Für Italien hat zuletzt Vincenzo Grifo sein Debüt gegeben, hat Sie das gefreut?

Caligiuri: Ich habe mich total für ihn gefreut, hatte auch Kontakt mit ihm. Wenn wir uns sehen, reden wir immer über die Nationalmannschaft und deswegen finde ich es toll, dass er da getroffen hat und voll integriert ist. Er hat sich ja auch über Leistungen im Verein empfohlen.

International haben Sie sich so bisher nur im Europapokal zeigen können, standen mit Schalke und Wolfsburg insgesamt 30-mal in EL und CL auf dem Platz. Erinnern Sie sich noch an Ihren ersten Europapokal-Treffer?

Caligiuri: Daran kann ich mich noch sehr gut erinnern, das war im Europa-League-Achtelfinale gegen Inter Mailand 2015. Das war ein ganz besonderer Moment, im San Siro als Milan-Fan gegen Inter zu treffen. Überhaupt im San Siro auflaufen zu dürfen war für mich schon die Erfüllung eines Kindheitstraums. Schon als Kind, als ich auf den Zuschauerrängen saß, hatte ich mir vorgenommen, dort einmal zu stehen. Dass ich dann noch getroffen habe, macht die Erinnerung natürlich umso schöner.

An welche Momente Ihrer Karriere erinnern Sie sich sonst noch gern?

Caligiuri: Jedes Tor ist sehr prägend und schön, auch mein erstes CL-Tor gegen Manchester United war toll. Ansonsten sind mir die vielen Derbys und insbesondere der Pokalsieg in Erinnerung geblieben. Für solche Momente spielt man Fußball, um etwas hochheben zu dürfen.

Damals standen Sie unter anderem mit Kevin de Bruyne auf dem Platz - wer war der Mitspieler, der Sie am meisten beeindruckt hat?

Caligiuri: Kevin ist schon jemand, den ich nicht so schnell vergessen werde. Was der draufhat! Bei der Nationalmannschaft hat mich Marco Verratti am meisten beeindruckt, seine Ballsicherheit war phänomenal. Generell erinnere ich mich aber an sehr viele meiner Mitspieler gerne.

Seit Ihrem Debüt haben in der Bundesliga nur zwei Feldspieler mehr Spiele absolviert: Thomas Müller und Robert Lewandowski. Was sagt Ihnen das?

Caligiuri: Ich würde sagen, es spricht für mich, dass ich auf einem guten Weg bin, fit zu bleiben und hoffentlich noch einige Jahre Fußball spielen zu können. Von mir aus kann es so weitergehen.

Was ist Ihr Fitness-Geheimnis?

Caligiuri: Ich habe bei mir eigentlich seit Langem nicht viel geändert, sondern lasse die Dinge so, wenn sie gut funktionieren. Ich versuche, meinen Körper zu pflegen und mich auch so zu ernähren, wie es mein Körper braucht. Es gibt Spieler, die zum Beispiel gar keine Schokolade oder Süßes essen, aber bei mir ist es so, dass ich mir auch mal etwas gönne. Wie eine Schokolade, eine Pizza oder einen Kebab. Meiner Meinung nach braucht das ein Fußballer auch mal.