Savio Nsereko

Savio Nsereko: Von der Spitze in den Abgrund in Höchstgeschwindigkeit


HINTERGRUND

Stolz hält Savio Nsereko sein Trikot mit der Nummer 10 in die Linsen der Fotografen. Mit seiner Vorstellung bei West Ham United scheint der Youngster angekommen zu sein. Angekommen auf der großen Bühne des Fußballs. Dass seine Entwicklung bald stagnieren, seine verheißungsvolle Karriere in wenigen Jahren gar beendet sein würde, daran dachte damals niemand.

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Der heute 28-Jährige musste am eigenen Leib erfahren, wie schmal der Grat zwischen großem Ruhm und steilem Absturz sein kann. Einst das größte Versprechen im deutschen Fußball, hat nun selbst der bayrische Regionalligist FC Pipinsried keinen Platz mehr für ihn.​ Ein kleiner Dorfklub aus dem Dachauer Hinterland, der den erst wenige Wochen zuvor geschlossenen Vertrag mit Nsereko kürzlich, vier Tage vor dem Saisonstart, wieder auflöste. Offiziell wegen "unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der Ausrichtung".

Nach einer Reise durch Europa mit Stationen in Kasachstan, Bulgarien und Litauen sollte Nserekos Karriere eigentlich in Deutschland wieder Schwung bekommen. Dass er diese Chance nicht nutzen konnte, passt jedoch ins Bild.

Dabei hätte alles anders kommen können, wenn Nsereko damals nicht dem Ruf des Geldes erlegen wäre und bei ihm der Fußball im Vordergrund gestanden hätte. Das weiß heute auch der Gescheiterte selbst: "Ich habe verkehrt gemacht, was man nur verkehrt machen kann. Ich habe nichts, aber auch gar nichts ausgelassen."

Savio NserekoGetty Images

Noch einmal alles auf Anfang. Zurück zu den ersten Schritten eines hochebgabten Jungen. In Uganda geboren, kam Nsereko mit zwei Jahren auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg nach München, konnte deswegen bereits früh eingebürgert werden.

Bei 1860 München begann alles, bereits mit 16 Jahren zog es ihn dann ohne seine Familie nach Italien, zu Brescia Calcio. Nach anfänglichen Problemen, als Nsereko nach seinem Debüt 2006 über ein Jahr auf den nächsten Einsatz warten musste, sollte die U19-EM 2008 in Tschechien für ihn zur Sternstunde werden.

Und der schmächtige Nachwuchsspieler wusste die große Bühne zu nutzen, wurde trotz seines Fehlens im Finale der beste Spieler des Turniers. Dass der DFB-Nachwuchs bis dahin vorgedrungen war und sich schließlich mit einem 3:1 über Italien zum Europameister krönte, war auch Nsereko zu verdanken.

Scheinbar ohne Anstrengung ließ der wendige Offensivmann seine Gegenspieler im Verlauf des Turniers stehen, führte sie mit seinen Dribbelkünsten vor. "Der Junge hat alles, eine ausgefeilte Technik und Schnelligkeit. Er ist ein kompletter Spieler, wie früher Kevin Keegan", ließ U19-Nationaltainer Horst Hrubesch damals über ihn verlauten.

Nach diesem Erfolg standen Nsereko, der in der folgenden Saison mit drei Toren in 17 Spielen weitere Interessenten auf den Plan rufen konnte, alle Türen offen.

Der Beginn von Nserekos Absturz

Das Talent entschied sich für einen Wechsel nach England, für elf Millionen Euro ging es zu West Ham United. Obwohl Hrubesch befürchtete, dass Nsereko durch seine Körpergröße von nur 1,76 Meter in der körperbetonten Premier League Probleme bekommen könnte. "London war der Knackpunkt. Von da an ging es mit mir nur noch bergab", gesteht sich Nsereko später in der Bild am Sonntag ein.

Nach seinem Debüt kam Savio, wie die Medien ihn fortan nannten, nicht über den Status des Einwechselspielers hinaus. Aber anstatt sich für höhere Aufgaben zu empfehlen, sorgte der Jugendliche abseits des Rasens für Schlagzeilen. Im August 2009 folgte daher der Transfer zum AC Florenz. Es war der Beginn seines persönlichen Abstieges.

"Ich hatte Flausen im Kopf und auch einige falsche Freunde. Mit dem Ruhm und dem vielen Geld in jungen Jahren bin ich nicht klargekommen", sagt Nsereko heute und kann über sein Verhalten nur den Kopf schütteln: "Autos, Klamotten, Frauen – ausgelassen habe ich wirklich nichts."

Im Januar 2010 wechselte er auf Leihbasis nach Bologna und im Sommer schließlich erneut zu 1860 München. Nachdem Nsereko jedoch für zwei Wochen ohne plausible Erklärung untergetaucht war, wurde ihm am 22. Oktober 2010 die Kündigung ausgesprochen. Es sollten zahlreiche weitere folgen.

Eine vorgetäuschte Entführung als Spitze des Eisbergs

Über Bulgarien, die italienische Serie B und Rumänien landete Nsereko im August 2012 schließlich wieder in der Heimat, heuerte bei der SpVgg Unterhaching an. Eine Entscheidung, die in einem weiteren traurigen Höhepunkt münden sollte, denn nach einer unerlaubten Reise nach Thailand war der Spieler für den Verein nicht mehr zu tragen.

Die anschließende Geldnot trieb ihn zu unfassbaren Mitteln: Nsereko soll seine eigene Entführung vorgetäuscht haben, um Lösegeld von seiner Familie zu erpressen. Die thailändische Polizei konnte ihn schließlich aufgreifen, der vermeintliche Betrüger landete im Gefängnis.

Ein Irrtum, wie er anschließend beteuert: "Es gab weder die vorgetäuschte Entführung noch saß ich im Gefängnis." Stattdessen sollen Verwandte in München eine SMS falsch verstanden und daher irrtümlich die deutsche Botschaft eingeschaltet haben.

Savio Nsereko

Unterhaching wollte die Zusammenarbeit nicht fortsetzen, Nsereko stand mal wieder auf der Straße. Ein Transfer zu Viktoria Köln erschien daher wie die ideale Lösung, doch nach nur sechs Spielen wurde das Enfant Terrible auch beim Regionalligisten rausgeschmissen.

Es folgten kurze Engagements in Kasachstan, Bulgarien und Litauen, ehe sich der FC Pipinsried die Dienste des einstigen Jahrhunderttalents sicherte. "Einen Spieler dieses Formats haben die Pipinsrieder Fans noch nicht gesehen. Toll, dass wir diesen Spieler zu uns lotsen konnten“, freute man sich damals.

Im Kopf noch immer der alte Nsereko

Die Chance, in Bayern einen Neuanfang zu wagen, wollte Nsereko unbedingt nutzen. Er beteuerte im Mai, aus seinen Fehlern gelernt zu haben: "Ich will nochmal alles versuchen und meinen Kritikern zeigen, dass ich es noch kann. Ich bin keiner, der aufgibt, sondern stehe immer wieder auf."

Scheinbar hatte dieses Versprechen nicht lange Bestand. Von fehlender Disziplin, die eine weitere Zusammenarbeit unmöglich gemacht habe, ist die Rede. Von unterschiedlichen Vorstellungen bezüglich der gemeinsamen Ziele. "Er kam nicht konstant ins Training", ließ der Verein bei SPORT1 verlauten. Nach Informationen der SZ sollen auch alte Schulden des Spielers sowie uneinsichtiges Verhalten eine Rolle gespielt haben.

Der 27. Januar 2009 - das Datum seiner Präsentation bei West Ham United - wird sich jedenfalls für immer in das Gedächtnis von Savio Nsereko gebrannt haben. Als das Datum, das den Startschuss für eine große Karriere bedeuten sollte, die das ehemalige Jahrhunderttalent jedoch mit fragwürdigen Entscheidungen ins Straucheln brachte. Und irgendwann schließlich zum Erliegen.

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