Sadio Manes schöne Angewohnheit ist es, einen starken ersten Eindruck zu hinterlassen. Er spielte mit Nacho Monreal und Calum Chambers, ging zwischen den beiden Arsenal-Verteidigern durch und versenkte den Ball, nachdem er von der rechten Seite nach innen gezogen war, bei seinem Debüt für Liverpool genau im Winkel.
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Bei seiner Premiere für Southampton zwei Jahre zuvor holte er gegen den gleichen Gegner im Ligapokal-Duell einen Elfmeter heraus.

Die guten ersten Eindrücke hat Mane eigentlich immer hinterlassen. Seinem Berater von der Arena 11 Group "fehlten die Worte", als er die Vorstellungen seines Klienten nach dem Wechsel von Metz zu Red Bull Salzburg 2012 sah.
Lange Reise für die große Karriere
Manes Kunststücke und die Regelmäßigkeit, mit der er seine Gegenspieler dank seines überragenden Antritts stehen lässt, waren schon in Sedhiou bekannt, einer abgelegenen Stadt, in der Mane auf den staubigen Straßen zum ersten Mal gegen einen Ball trat.
Mit 15 Jahren trat er eine 800 Kilometer lange Reise nach Norden in die Hauptstadt Dakar an - und überzeugte auch dort einen Zuseher, sodass seine Fußball-Karriere langsam Formen annehmen konnte.
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"Ich habe meine Heimatstadt verlassen, um in die Hauptstadt zu meinem Onkel zu fahren. Dort konnte man ein Probetraining machen", sagte der Liverpool-Stürmer exklusiv zu Goal, nachdem er den 39. Platz bei den Goal 50 der besten Spieler der Welt belegt hatte.

"Wir sind zum Probetraining gefahren und dort waren schon viele Jungs, die getestet und in Teams eingeteilt wurden. Das ist jetzt vielleicht lustig - ich werde es nicht vergessen: Ein älterer Mann hat mich nur angesehen, als ob ich dort völlig verkehrt wäre. Er hat mich gefragt: 'Kommst Du auch für die Tests?' Ich habe Ja gesagt. Er hat mich gefragt: 'Mit diesen Schuhen? Schau sie Dir mal an. Wie soll man in denen spielen können?' Die waren wirklich hinüber, kaputt und alt. Dann hat er noch gesagt: 'Und mit dieser Hose? Du hast nicht mal richtige Fußball-Shorts?'"
"Dich nehm ich sofort"
"Ich habe ihm gesagt, dass es das Beste ist, was ich habe und dass ich einfach nur mitmachen will - damit ich mich zeigen kann. Als ich dann auf dem Platz war, konnte man sehen, wie überrascht er war", erinnert sich Mane.
"Er ist zu mir gekommen und hat gesagt: 'Dich nehm ich sofort. Du spielst in meiner Mannschaft.' Nach diesem Probetraining bin ich in die Jugendakademie gekommen", fügt der Liverpool-Star hinzu.

Allerdings war es nicht einfach, den Senegalesen davon zu überzeugen, seine Heimatstadt zu verlassen und sich der Fußball-Schule Generation Foot anzuschließen, in der auch schon Diafra Sakho und Papiss Cisse das Kicken lernten.
"Ich war immer bei mir zu Hause in der Stadt unterwegs und habe unterwegs gespielt. Auf der Straße oder wo auch immer ein Spiel gerade stattfand", erklärt Mane. "Seitdem ich zwei oder drei Jahre alt bin, hatte ich immer einen Ball mit dabei. Wenn ich Kinder auf der Straße Fußball spielen habe sehen, dann habe ich mitgemacht", ergänzt er.
Anschauungsunterricht
"So hat alles angefangen - auf der Straße. Als ich älter wurde, habe ich mir viele Spiele angeschaut, besonders die von der Nationalmannschaft. Ich wollte meine Helden sehen und habe mir vorgestellt, dass ich einer von ihnen bin", so Mane.
"Während der WM 2002 gab es einen großen Hype im ganzen Land, aber schon vorher gab es für mich nichts Anderes außer Fußball", meint er.

"In unserem Dorf gab es auch immer ein Turnier, das habe ich mir auch immer angeschaut. Alle haben gesagt, dass ich in unserer Stadt der Beste bin, aber in meiner Familie hat Fußball keine große Rolle gespielt. Religion ist bei uns wichtig. Ich sollte etwas anderes machen", berichtet der Liverpool-Spieler.
"Als sie aber festgestellt haben, dass ich nur Fußball im Kopf habe, konnte ich sie davon überzeugen, dass ich nach Dakar fahren durfte. Am Anfang waren sie nicht einverstanden, aber als sie mitbekommen haben, dass ich unbedingt das und nichts anderes machen wollte, haben sie mir geholfen", sagt Mane.
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Seine Qualitäten waren so überzeugend, dass einige Leute, die mit Fußball nichts am Hut hatten, mitmachten, damit Mane seinen Traum verwirklichen konnte.
"Mein Onkel war eine große Hilfe für mich. Aber er war am Anfang nicht der Einzige", erklärt der Flügelspieler.

"Als ich nach Dakar gezogen bin, habe ich dort bei einer Gast-Familie gewohnt, die ich vorher gar nicht kannte. Meine Familie kannte jemanden, der diese Familie kannte. Der hat mich dorthin mitgenommen. Sie haben mich aufgenommen, sich um mich gekümmert und dafür gesorgt, dass ich mich bis zu meinem Wechsel nach Metz nur mit Fußball beschäftigen konnte", erklärt er.
Inzwischen schauen sie im Fernsehen gespannt zu, wenn Mane wieder einmal die Abwehrreihen der Premier-League-Teams durcheinander wirbelt. Und wenn er wieder einmal für ein Länderspiel in den Senegal zurückkehrt, schauen sie sich die Künste des "kleinen Diamanten" aus nächster Nähe an.
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Er sieht jedes Spiel als Chance an, seine Dankbarkeit für seine Helfer aus der Vergangenheit zu zeigen. Und diese Chance möchte er nicht verspielen.

Während der Qualifikation für den Afrika-Cup, der im nächsten Jahr in Gabun stattfindet, war Mane für sein Land äußerst wichtig. Er erzielte drei Tore und sorgte dafür, dass Senegal die Gruppe K ohne Niederlage als Erster anführte.
Klopp ist überzeugt
In seinen elf Auftritten für Liverpool seit seinem Wechsel von Southampton zu den Reds hat Mane zehn Tore erzielt. Schon bei Southampton war er in seinen beiden Jahren jeweils zweistellig erfolgreich. Die Mischung aus Tempo, guter Technik und guter Übersicht hatte vorher schon zweimal das Interesse von Manchester United geweckt.
Aber das Schicksal hatte etwas anderes mit Mane vor, der schon bei Olympia 2012 in London von Jürgen Klopp beobachtet worden war. Und dem deutschen Trainer hatte das, was er sah, sehr gut gefallen.

Vor seinem Wechsel von Salzburg zu Southampton im Jahr 2014 hatte Mane ein Mega-Angebot von Spartak Moskau erhalten. Das gebotene Gehalt war unfassbar hoch, doch für den Senegalesen war vor allem seine fußballerische Entwicklung wichtig. Deshalb war für ihn ein Treffen mit Jürgen Klopp und die Aussicht, in dessen Team von Borussia Dortmund zu wechseln, viel interessanter.
Dortmund-Fan
"Ich war sehr aufgeregt. Ich konnte gar nicht fassen, dass er mich treffen wollte und dass ich seiner Mannschaft weiterhelfen kann. Die war ja schon so gut. Ich habe sie mir ständig angeschaut", berichtet Mane.
Salzburg war allerdings kein einfacher Verhandlungspartner für den BVB - und deshalb kam ein Transfer nicht zustande. Die Grundlagen waren allerdings schon gelegt - und Jürgen Klopp behielt die weitere Entwicklung von Mane im Auge.

Im vergangenen Sommer wusste der Liverpool-Coach dann genau, wen er brauchte, als er nach einem Spieler suchte, der für Explosivität und Tore sorgen kann.
"Damals hat es nicht geklappt. Das war frustrierend, aber so ist das Leben. Nichts läuft von selbst", erinnert sich Mane.
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"Ich habe mir gesagt, dass ich weiter hart arbeiten muss, mich fordern muss - und dann wird auch etwas Großes passieren. Genau so habe ich es gemacht. Ich bin zu Southampton gegangen, habe dort gut gespielt und dann wollte mich Klopp zum zweiten Mal", so der Senegalese.
"Jetzt habe ich das Glück, mit einem der besten Trainer zusammenzuarbeiten. Das war vorherbestimmt und ich bin froh, dass ich dauernd von ihm etwas lernen kann", ergänzt er.

Als er für Liverpool im Emirates sein erstes Tor erzielte, lief er mit ausgestreckten Armen auf Klopp zu und sprang dem Trainer auf den Rücken. Der Jubel war ein Zeichen dafür, wie lange Mane auf diesen Moment hingearbeitet hatte. Alles, was er hatte erleiden müssen, wofür er jahrelang hart gearbeitet hatte, hatte sich in diesem Augenblick ausgezahlt.
"Ich war damals noch so jung. Es war nicht einfach, all das, was ich kannte, hinter mir zu lassen", beschreibt Mane seinen Weg, der ihn für lange Zeit von seinen Freunden und seiner Familie trennte.

"Ich habe meine Familie sehr vermisst, meine Mutter und meine Schwester. Aber ich wollte unbedingt Fußballer werden und wusste, dass die harten Tage mir dabei helfen würden, mein Ziel zu erreichen", so Mane.
"Schwierigkeiten waren wichtig"
"Sehr, sehr viele Jungs, mit denen ich groß geworden bin, waren talentierte Spieler, aber sie haben nie die Chance bekommen, Profi zu werden. Ich wusste, dass die Schwierigkeiten wichtig für mich waren, wenn ich erfolgreich sein wollte. Jetzt bin ich hier, bedaure nichts und lebe einfach meinen Traum", ergänzt er.
Mane lebt nun in einem Apartment in Liverpools Innenstadt und braucht kein Navi mehr, um vom Trainingszentrum in Melwood nach Hause zu finden. Die Eingewöhnung in der neuen Stadt, dem neuen Klub ist ihm allem Anschein nach hervorragend geglückt.

Seine ersten Auftritte für das Team von der Anfield Road waren effektiv und vielversprechend. Er ist Teil eines dynamischen Angriffs mit Philippe Coutinho und Roberto Firmino. Mane und seine brasilianischen Kollegen haben die Gegner in dieser Saison bislang in schöner Regelmäßigkeit bloßgestellt.
"Für Fußballer ist es eine gute Sache, wenn sie nicht zu viel nachdenken. Besonders, wenn man zu einem großen Klub wie Liverpool kommt, denn sonst kommt man im Kopf durcheinander", erklärt er.
"Viel Potenzial"
"Ich wusste, dass ich zu einem Team komme, das mich unbedingt will. Zu einem Trainer, der mich gut kennt. Und ich wusste, dass ich hart arbeiten und der Mannschaft helfen werde", so der Senegalese.
"Nur darauf konzentriere ich mich. Nicht auf die Dinge, die hätten passieren können, egal, ob gut oder schlecht. Ich war im Kopf offen für Neues und auf alles vorbereitet. Ich bin jetzt glücklich, dass ich Teil eines Teams bin, das viel Potenzial hat. Alle helfen sich gegenseitig. Das macht es für einen Spieler leichter, wenn man richtig gute Kollegen hat - und wenn alle an einem Strang ziehen", sagt Mane.
Mane denkt an die Zeit zurück, als er als 15-Jähriger von zuhause wegging. Inzwischen ist aus dem Straßenfußballer ein echter Star geworden.

"Wenn man ein kleiner Junge ist, denkt man manchmal, dass man schon alles über Fußball weiß", meint er. "Man will es immer auf seine Art und Weise machen. Aber ich habe so viele verschiedene Spielstile kennengelernt, verschiedene taktische Ausrichtungen. Seit meinen Tagen in der Jugend-Akademie bin ich dank der Hilfe von tollen Trainern und Teamkollegen ein viel kompletterer Spieler geworden", stellt er fest.
"Ich höre gerne zu, schaue mir gerne Dinge an, lerne gerne. Ich bin noch jung, arbeite noch an mir selbst und will immer besser werden. Jeder neue Tag ist eine Möglichkeit, hart zu arbeiten und dem Erfolg näher zu kommen", meint Mane.
Für Mane ist es erst der Anfang. Diese Einstellung wird in Liverpool gut ankommen - und bei jedem Team, das der Mannschaft von der Anfield Road gegenüber steht, für Schweißperlen auf der Stirn sorgen.
