HINTERGRUND
Jay-Jay Okocha legt sich an der Mittellinie den Ball vor, hebt den Kopf und spielt dann einen gefühlvollen Ball hinter die Abwehr des FC Metz. Dort sprintet ein junger Brasilianer dem Ball hinterher, umkurvt mit einer engen Ballführung den herausstürmenden Torhüter, zieht in Richtung Tor und versenkt die Kugel über den auf der Linie stehenden Verteidiger im Netz.
Es war ein vorentscheidendes 2:0 für Paris Saint-Germain im Saisonendspurt der Spielzeit 2001/02 und der Torschütze war kein Geringerer als der spätere Weltfußballer Ronaldinho.
"Der beste Mitspieler, den ich je hatte, war Ronaldinho", sagte der frühere nigerianische Nationalspieler Okocha im Vorjahr gegenüber Goal und SPOX. "Denn wenn man mit jemandem spielt, der ähnlich tickt, muss man gar nicht viel kommunizieren, um sich zu verstehen. Man muss sich nur anschauen und weiß, was zu tun ist."
Insgesamt 17-mal standen Okocha und Ronaldinho gemeinsam für PSG auf dem Platz. Ronaldinho war damals 22 Jahre alt und schaute sich von Edeltechniker Okocha zu Beginn seiner Karriere einiges ab – und Okocha nahm sich des aufstrebenden Stars an.
Nach Abschied von PSG: Ronaldinho wurde zweimal Weltfußballer
"Er war wie ein Kind für mich. Ich realisierte schnell, dass er unglaublich talentiert war und nur jemanden brauchte, der ihn auf den richtigen Weg bringt", erklärte er einst. Wohl zum Teil auch dank Okocha ging es mit Ronaldinhos Karriere im Anschluss steil bergauf.
Nach einer zweiten starken Saison bei PSG schlug der FC Barcelona zu und sicherte sich die Dienste des Offensivkünstlers für satte 32,25 Millionen Euro. Bei den Katalanen hatte er seine erfolgreichste Zeit. In den Jahren 2004 und 2005 wurde er zum Weltfußballer gekürt, 2006 gewann er mit Barca die Champions League. Außerdem durfte er bis zu seinem Abschied 2008 den Gewinn zweier Meisterschaften feiern.
JobbermanBild: Jobberman
Für viele Kinder war Ronaldinho aufgrund seiner überragenden Technik ein Vorbild – dabei war nach Aussage eines ehemaligen Mitspielers sein Lehrmeister der bessere Spieler am Ball.
"Wir saßen einmal am Feld, als sie Fußball-Tennis spielten. Sie hielten den Ball mit der Schulter, mit der Brust und dem Gesäß hoch. Das war sehr beeindruckend", erinnerte sich mit Bernard Mendy ein Ex-PSG-Kollege der beiden bei der L'Equipe zurück. "Rein technisch war Okocha aber besser als Ronnie", fügte er an.
Insgesamt vier Jahre durften die Fans in der französischen Hauptstadt Okochas Ballkünste nach seinem Zwölf-Millionen-Euro-Wechsel von Fenerbahce bestaunen. Der 75-fache Nationalspieler suchte ein Jahr vor Ronaldinho eine neue Herausforderung und wechselte in die Premier League zu den Bolton Wanderers.
"Es war magisch, man fühlte sich wie im Zirkus": Duo Okocha-Ronaldinho beeindruckte
Auch Jahre später schwärmten Mitspieler noch vom Duo Okocha-Ronaldinho, das dem lange tristen Hauptstadtklub in Zeiten vor Neymar und Kylian Mbappe zu Hochglanz verhalf.
"Es war teilweise der Wahnsinn! Ich habe ein Bild von zwei Künstlern vor mir: Afrika auf der einen und Joga Bonito auf der anderen Seite. Es war magisch, man fühlte sich wie im Zirkus", erinnerte sich der ehemalige PSG-Verteidiger Didier Domi.
Es dürfte also niemanden wundern, dass Okocha und Ronaldinho von France Football in die Mannschaft des Jahrzehnts (2000-2010) von Paris Saint-Germain gewählt wurden. "Auch wenn er nur zwei Spielzeiten nach der Jahrtausendwende in Paris spielte, gehört er aufgrund seiner Dribblings und seinem arabesken Stil natürlich in die Auswahl", wird Okochas Wahl dort begründet. Dieselben Worte können problemlos auch auf Ronaldinho – seinen Ziehsohn – angewendet werden.


