Ballannahme mit der Brust, acht Meter vor dem Tor, in höchster Bedrängnis. Griechenlands Sokratis, bei Borussia Dortmund einer der besten Innenverteidiger der Bundesliga, ist ganz eng dran. Die Kugel unter Kontrolle bekommen? In solch einer Situation extrem schwierig. Romelu Lukaku meistert das aber scheinbar problemlos.
Lukakus überragende Saison live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Von der Brust prallt die Kugel ab, genau so, dass er mit links aus der Drehung abziehen kann. Sokratis wohlgemerkt stets im Nacken. Wenige Sekunden später schlägt der Ball im kurzen Eck ein. 1:1, kurz vor Schluss gleicht Lukaku in Belgiens WM-Quali-Match gegen die Griechen für die Roten Teufel aus. Ein blitzsauberer Treffer, der einiges darüber aussagt, welch großartige Qualitäten dieser bullige Stürmer besitzt.
Man darf sogar ungeniert so weit gehen und sagen: Lukaku ist derzeit einer der besten Mittelstürmer der Welt - und gehört zweifelsohne zu den komplettesten seiner Zunft. Er ist physisch enorm stark, kann Bälle fest machen wie außer ihm vielleicht nur noch Robert Lewandowski oder Luis Suarez. Auch technisch ist der 23-Jährige enorm ausgereift, verfügt über ein gutes Kopfballspiel und einen meist präzisen Abschluss.
Und doch fällt sein Name keineswegs selbstverständlich, wenn es um die besten Angreifer der Welt geht. Da nennt der gemeine Beobachter eher Lewandowski, Suarez, Higuain, Diego Costa, Benzema oder Agüero. Namen, vor denen sich Lukaku längst nicht mehr verstecken muss. Vor allem, da der Mann vom FC Everton erst 23 ist.
Rückblende. Ende der 2000er Jahre ist Lukaku eines der am meisten gehypten Talente überhaupt. Mit 16 kommt er bei den Profis des RSC Anderlecht zum Einsatz, erzielt in seiner ersten Saison in Belgiens Eliteliga gleich 15 Tore, debütiert in der Nationalmannschaft. Als 15-Jähriger war er bereits Hauptfigur einer Dokumentation gewesen, die unter anderem einen Besuch Lukakus in Chelseas Stadion an der Stamford Bridge zeigt.
"Schaut Euch dieses Stadion an! Der Tag, an dem ich hier das erste Mal spiele, wird der erste Tag sein, an dem sie mich werden weinen sehen. Drüben, in der Heimat. Ansonsten nicht. Niemals!", sagte der begeisterte Teenager damals. Furchtlos war er schon immer, hochveranlagt sowieso. Auch körperlich. "Ich stemme keine Gewichte", sagte er einmal. Seine überragende Physis sei ein Geschenk Gottes - und ist einer der Hauptgründe dafür, warum er sich in der Premier League mittlerweile längst durchgesetzt hat.

Aus seinem Traum bei Chelsea wurde allerdings bis heute nichts. Bei den Blues kam er nicht wie gewünscht zum Zug, wurde erst an West Bromwich, dann an Everton verliehen. Und, obwohl er zwei Jahre lang auf sich aufmerksam machte, 2014 schließlich an die Toffees verkauft. Dort wurde Lukaku besser und besser, hat in den letzten fünf Spielzeiten jeweils zweistellig getroffen.
In dieser Saison zerlegt der Belgier nun alles. 21 Treffer in 28 Liga-Einsätzen, Platz eins in der Torjägerliste, alle 117 Minuten eine Bude. Vor Harry Kane steht er, vor Alexis Sanchez, vor Diego Costa. "Ich halte mich für einen der besten Stürmer der Liga", sagt Lukaku selbstbewusst. Und fügt an, dass er ab kommender Saison unbedingt Champions League spielen möchte.
Everton kann ihm das wahrscheinlich nicht bieten. Dass er die Blauen im Sommer trotz Vertrag bis 2019 verlässt, scheint daher beinahe sicher, zu Rekordbezügen verlängern will er jedenfalls offenbar nicht. Unter anderem eine Rückkehr zu Chelsea steht im Raum - dorthin, wo er sich vor einigen Jahren nicht behaupten konnte, wo Trainer Antonio Conte in ihm nun aber einen Wunschspieler sieht.
Weil Lukaku sich vor allem in den vergangenen beiden Jahren enorm weiterentwickelt hat. "Von 21 bis 23 hat er sich sehr stark verändert", weiß Roberto Martinez, der ihn bei Everton coachte und nun in Belgiens Landesauswahl unter seinen Fittichen hat. In der Ballbehauptung habe er sich verbessert, ebenso in der Art und Weise, wie er seinen brachialen Körper einsetzt und in punkto Beweglichkeit im Strafraum. "Und was er dabei nie verloren hat, ist die außergewöhnliche Qualität, Tore zu erzielen", ergänzt Martinez.
Eben jene Qualität, die er zuletzt gegen Griechenland wieder eindrucksvoll unter Beweis stellte. Und einen Treffer erzielte, den so nur ganz, ganz wenige andere erzielen. Ein Lewandowski vielleicht, ein Suarez. Und eben Lukaku, der mit 23 Jahren endgültig zu diesem erlauchten Kreis zählt.


