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Der tiefe Fall Robinhos: Wie aus dem Wunderkind ein verurteilter Vergewaltiger wurde


HINTERGRUND

Am 10. Oktober 2020 kehrte er zurück, der verlorene Sohn. Zurück zu "seinem" FC Santos, dem Verein, bei dem er in jungen Jahren zum begnadeten und begehrten Fußballer avancierte. Es sollte seine dritte Rückkehr werden, hatte er doch bereits 2010 und 2014 jeweils auf Leihbasis an seiner alten Wirkungsstätte gekickt.

Für umgerechnet 230 Euro pro Monat hatte Robinho seine Dienste angeboten , nachdem er von seinem vorherigen Arbeitgeber Basaksehir als "vorbildlicher Sportler" verabschiedet worden war. Ein symbolisches Gehalt auf Mindestlohnbasis. Es sollte die vermutlich letzte Station des hochveranlagten Edeltechnikers sein, der unter anderem für Real Madrid, Manchester City und die AC Mailand spielte, aber in den vergangenen Jahren eher als Wandervogel aufgefallen war.

Robinho Santos 2Divulgação Bild: Divulgacao

Nun, im Alter von 36 Jahren, im Spätherbst der Karriere, sollte es dort enden, wo es anfing. Das war zumindest der Plan. Doch dann brach sich eine Welle der Empörung Bahn, viele Fans lehnten sich gegen die Verpflichtung auf, bereiteten ihrem früheren Liebling einen unliebsamen Empfang. Man wolle keinen Vergewaltiger im Team haben, war der Tenor.

Robinho wegen Vergewaltigung 2017 verurteilt

Der Hintergrund für den Protest: Robinho war im Jahr 2017 von einem Mailänder Gericht wegen Vergewaltigung zu einer Gefängnisstrafe von neun Jahren verurteilt worden .

Während seiner Zeit bei Milan, genauer gesagt am Abend des 22. Januar 2013, soll Robinho mit mehreren Freunden eine 23-jährige Albanerin in der Diskothek Cafe Sio zunächst zum Trinken verleitet und später in einem Hinterzimmer vergewaltigt haben. Robinho, so der Vorwurf der Staatsanwaltschaft, habe die Frau als erster sexuell missbraucht, der Rest der Gruppe nach ihm.

Sexuelle Belästigung in Leeds: Robinho wurde bereits 2009 angeklagt

Robinho beteuerte immer wieder seine Unschuld, der Sex sei einvernehmlich erfolgt. Bei dem Prozess gegen ihn war er 2017 nicht anwesend, damals stand er bei Atletico Mineiro in Brasilien unter Vertrag. 2019, mittlerweile bei Basaksehir, blieb er einem Europa-League-Spiel in Rom fern. Seine Anwälte hatten befürchtet, dass er in Italien sofort festgenommen werden würde.

Robinho _ AC Milan
Bild: Getty Images

Es war nicht das erste Mal, das Robinho mit derart schwerwiegenden Vorwürfen konfrontiert wurde. 2009, als er bei Manchester City sein Geld verdiente, soll Robinho im VIP-Bereich eines Nachtclubs in Leeds eine Studentin vergewaltigt haben. Damals wurde er freigesprochen.

Robinho schimpft über "feministische Bewegungen"

Auf eine ähnliche Entwicklung hatte Robinho offensichtlich bis zuletzt auch im Mailänder Fall gehofft. Auf seine Kritiker angesprochen, ging er in einem Interview mit dem Internetportal UEL Esporte in die Offensive: "Leider gibt es diese feministischen Bewegungen da draußen. Viele von denen sind, auf gut Portugiesisch gesagt, ja nicht einmal Frauen."

Auch der FC Santos brachte zunächst wenig Verständnis für den Widerstand in den sozialen Medien auf. "Leider leben wir in einer Zeit (...) der Internet-Gerichtshöfe, der voreiligen, aber auch endgültigen Urteile“, hieß es in einem Statement des Klubs.

Brasilianischer TV-Sender veröffentlicht belastendes Material

Doch Robinhos Vergangenheit sollte ihn schneller einholen als erwartet. Dem brasilianischen TV-Sender Globo Esporte wurden Ermittlungsakten aus Italien zugespielt, Niederschriften abgehörter Telefongespräche ebenfalls.

Nach besagtem Abend im Cafe Sio äußerte sich Robinho gegenüber Freunden verächtlich über die junge Frau, die der Männergruppe zum Opfer gefallen war: "Ich kann nur lachen. Mir ist das alles egal. Die Frau war so betrunken, dass sie gar nicht weiß, was passiert ist", sagte er. Die Peiniger versicherten sich zudem, dass sie aufgrund der fehlenden Überwachungskameras in dem Hinterzimmer nichts zu befürchten hätten.

Mailänder Gericht bestätigt Urteil gegen Robinho

Sponsoren und Ausrüster drohten mit dem Absprung, ein Geschäftspartner beendete die Zusammenarbeit mit dem FC Santos prompt. Nur rund eine Woche nach Bekanntgabe des Robinho-Transfers wurde der Vertrag im "beiderseitigen Einvernehmen" vorläufig ausgesetzt. Robinho erklärte daraufhin, dass er dem Klub keinen Ärger machen wolle. "Wenn ich eine Belastung bin, gehe ich besser."

ONLY GERMANY Robinho Basaksehirimago images / Seskim Photo Bild:  imago images / Seskim Photo

Kurz vor Weihnachten vergangenen Jahres, also vor wenigen Wochen, kam es noch schlimmer für Robinho. Ein Mailänder Berufungsgericht bestätigte die Verurteilung wegen der Beteiligung an einer Gruppenvergewaltigung.

Neun Jahre Gefängnis für ihn und einen seiner Freunde, die restlichen Täter seien hingegen nicht auffindbar gewesen. Nur das höchste italienische Gericht, der römische Kassationshof kann das Urteil als letzte Instanz noch revidieren. Sollte die Cassazione ihn aber ebenfalls schuldig sprechen, was aufgrund der Beweislast als wahrscheinlich gilt, könnte Italien die Auslieferung Robinhos beantragen.

Familienministerin: "Ich will ihn im Gefängnis sehen"

Damares Alves, Brasiliens Ministerin für Menschenrechte, Familie und Frauen, würde dem Auslieferungsgesuch wohl sofort nachkommen. "Ich will ihn im Gefängnis sehen", sagte sie und schob nach: "Es kann nicht sein, dass wir ihn sanfter anfassen, weil er ein Fußballer ist." Ob Brasilien Robinho tatsächlich ausliefern würde, gilt Medienberichten zufolge jedoch als fraglich. Das Land liefere grundsätzlich keine Staatsbürger aus.

Santos-Legende Pele höchst persönlich hatte in Robinho einst seinen würdigen Nachfolger ausgemacht, sich selbst in ihm gesehen, wie er vor vielen Jahren zu Protokoll gab. Er habe fast geweint, als er den 15-jährigen Robinho beim Spielen gesehen habe: "Ich hatte eine Gänsehaut."

Robinho standen alle Türen offen, er war das Wunderkind, nach dem ein ganzes Land lechzte. Er sollte der Thronfolger des vielleicht Größten der Geschichte werden. Heute ist er ein verurteilter Vergewaltiger, der statt Freude und Jubel ausschließlich Abscheu bei den Menschen hervorruft.

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