Die Geschichte von Robin Roefs liest sich wie ein Märchen. Der 22-Jährige ist erst seit anderthalb Jahren Stammkeeper, aber er gilt bereits als einer der besten Torhüter der Premier League. Ein Platz in der WM-Startelf wäre nun die ultimative Belohnung für den Niederländer.
Als sich Robin Roefs (22) auf den Weg zur Kabine im City Ground – der Heimat von Nottingham Forest – macht, hören die Mitarbeiter und Mitspieler von Sunderland auf, leise miteinander zu reden. Stattdessen jubeln sie lautstark und applaudieren ihrem neuen Torwart, der schnell zu einem Leistungsträger im Team geworden ist, das in dieser Saison in der Premier League überrascht.
Roefs hatte gerade sein Team mit überragenden Paraden vor einem Gegentor bewahrt - und das nicht zum ersten Mal in dieser Saison. In England fiel der Niederländer schnell durch sein Selbstvertrauen, seine Ruhe, sein Qualitäten mit Ball und natürlich vor allem seine Paraden auf.
In Sunderlands Ligaspiel gegen Manchester City bewies er noch einmal, warum er schon der Liebling der Fans der Black Cats ist. Das Spiel entwickelte sich zu einem Torhüter-Duell zwischen Roefs und Gianluigi Donnarumma - zwei der besten Torhüter in England – wenn nicht sogar der Welt – in dieser Saison.
Beide Keeper waren nicht zu bezwingen, sodass das Duell zwar mit vielen Paraden, aber ohne Tore endete. Nach dem Abpfiff erklärte Troy Deeney Roefs in seiner Expertenrunde bei der BBC zum "besten Transfer der Saison". Jamie Carragher nahm den Niederländer in seine Mannschaft der elf besten Premier-League-Spieler der Hinrunde auf.
"Ich bin sehr beeindruckt von ihm. Er hat einen brillanten Start in seine Premier-League-Karriere bei Sunderland hingelegt, das über eine der besten Defensiven der Liga verfügt. Und er hat großen Anteil daran“, sagte Carragher bei Sky Sports.
Oder, wie es ein Sunderland-Fan auf X etwas drastischer formulierte: "Ich würde meinen Hund von einer Brücke werfen, wenn ich weiß, dass Roefs unten steht, um ihn aufzufangen." Tatsache ist: Roefs hinterlässt einen ganz starken Eindruck, was sich auch in seinen Statistiken widerspiegelt.
Der 1,93 Meter große Torwart hat bislang die beste Paradenquote in der Premier League in dieser Saison: 79 Prozent. Außerdem hat er die meisten Bälle gefangen (30), 67 Paraden gezeigt – durchschnittlich 3,5 pro Spiel – und siebenmal zu Null gespielt.
Er verhinderte insgesamt 3,71 Expected Goals und hielt auch den einzigen Elfmeter, der gegen ihn geschossen wurde. Wenn man bedenkt, dass es erst Roefs' zweite komplette Saison als Stammtorwart ist, ist das alles ziemlich verblüffend.
In der Saison 2023/24 galt Roefs bei NEC Nijmegen als Talent, spielte aber immer noch die zweite Geige hinter dem Stammtorwart und erfahrenen niederländischen Ex-Nationalspieler Jasper Cillessen. Roefs hat viel vom Routinier gelernt, wie er später Voetbal International erzählte: "Ich konnte mich jeden Tag mit Jasper duellieren. Er weiß genau, was auf dem höchsten Niveau erforderlich ist. Jasper war natürlich ein Vorbild für mich. Wenn meine Karriere so verläuft wie seine, nehme ich das gerne an“, sagte er. Roefs beobachtete genau, was der 36-jährige Niederländer machte - und prägte es sich ein.
"Jasper ließ es manchmal leicht aussehen, während es für andere Torhüter ziemlich schwer sein kann“, weiß Roefs. "Jasper war mir sowohl auf als auch neben dem Platz eine große Hilfe. Ich konnte ihn immer alles fragen und er war sehr offen. Während ich Ersatz hinter Jasper war, hatte ich trotzdem das Gefühl, dass ich meinem Ziel näher komme.“
Als Cillessen eine Saison später zu Las Palmas wechselte, nutzte Roefs seine Chance. In seiner Debütsaison hinterließ der damals 21-Jährige einen starken Eindruck, doch der selbstkritische Torwart sah das anders. "Bin ich mit dieser Saison zufrieden? Kurz gesagt: nein."
"Ich hatte zu viele Szenen, in denen ich nicht gut ausgesehen habe. Das hätte mir nicht passieren sollen. Höchstens eine Szene pro Saison, aber nicht drei.“ Als Voetbal International Ende Februar mit Roefs sprach, wusste der noch nicht, dass er kurz vor dem endgültigen Durchbruch in seiner Karriere stand.
"Wenn sich etwas Schönes ergibt, bin ich bereit, darüber nachzudenken. Aber ich gehe nicht davon aus, dass das diesen Sommer passieren wird“, sagte er über einen möglichen Wechsel. Doch genau dieser Transfer klappte dann doch. Sunderland meldete sich in Nijmegen, und Sportdirektor Wilco van Schaik war über die Engländer am Verhandlungstisch erstaunt.
"Das war der schnellste Transfer, den ich je gesehen habe“, verriet er im Podcast "De Grote Bestuurskamer". "Sowas gab es vorher nicht. Irgendwann kam der Technischer Direktor von uns mit einem Blatt herein. Er sagte: 'Schau dir das an, Junge. 9,5 Millionen Euro von Sunderland.‘ Ich antwortete sofort: 'Nimm das an! Wo muss ich unterschreiben?‘“
"Er wollte die Verhandlungen fortsetzen, aber ich hatte kein Interesse daran. 'Bist du völlig verrückt?‘, fragte ich ihn. Letztendlich fanden die Verhandlungen dennoch statt. Innerhalb von zwanzig Minuten lagen 10,5 Millionen Euro auf dem Tisch, plus drei Boni in Höhe von jeweils einer Million Euro. Am Ende dauerten die Verhandlungen nicht länger als 20 Minuten."
Roefs verdankt seinen Transfer auch der Teilnahme an der U21-EM mit Jong Oranje. Bei diesem Turnier stach Roefs heraus. Er beeindruckte gegen Portugal, als er Oranje in Unterzahl im Spiel hielt. Und auch im verlorenen Halbfinale gegen England hinterließ er einen bleibenden Eindruck.
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"Gehe ich zu weit, wenn ich Sie Edwin van der Sar nenne?”, fragte ein Reporter von Ziggo Sport Roefs während der U21-EM. "Das ist sehr euphorisch, finde ich”, antwortete der.
Es war schließlich keine Überraschung, dass die Sunderland-Scouts ein Auge auf ihn warfen. Dabei spielte das Schicksal aber auch eine große Rolle in der Geschichte: Roefs war ursprünglich nicht als erster Torwart für die EM vorgesehen, aber aufgrund einer Verletzung von AZ Alkmaars Rome-Jayden Owusu-Oduro stand er schließlich doch im Tor.
Für Sunderland hat sich der Transfer als Volltreffer erwiesen. Roefs hatte sich bereits in der Vorsaison einen Platz in der Startelf erkämpft, und Trainer Regis Le Bris hat nicht die Absicht, ihm den wieder wegzunehmen.
Die große Belohnung für Roefs kam Ende August: Der niederländische Nationaltrainer Ronald Koeman rief den Torwart an, um ihm von der Nominierung für die WM-Qualifikationsspiele gegen Polen und Litauen zu erzählen.
Bislang hat der Torwart hat zwar noch keine Minute für Oranje gespielt, aber ein Stammplatz bei der WM im nächsten Sommer ist keineswegs undenkbar. Allerdings sieht Roefs die Dinge anders. "Bart Verbruggen macht seine Sache wirklich gut”, sagte er im November Voetbalzone.
"Es gibt also keinen Grund, etwas zu ändern. Außerdem ist Mark Flekken auch ein sehr guter Torwart. Ich muss einfach weitermachen und bereit sein, wenn sich eine Gelegenheit ergibt."
Vor vier Jahren schaute er als dritter NEC-Torwart die Weltmeisterschaft in Katar noch mit seinen Freunden im Fernsehen. "Damals hatte noch niemand von mir gehört. Und jetzt bin ich hier. So schnell kann es im Fußball gehen“, sagte er.
Roefs hofft, im Sommer mit der Nationalmannschaft nach Nordamerika fliegen zu dürfen. "In meinem Alter wäre es schon toll, einfach nur dabei zu sein. Natürlich träumt man davon, zu spielen, aber das muss nicht sofort passieren. Alles Schritt für Schritt“, meinte er. Das wäre allerdings eine Premiere in seiner bislang steil verlaufenen Karriere.
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