Robert Lewandowski verlässt den FC Bayern: Hasan Salihamidzic und Oliver Kahn starten ihre eigene Ära

Man braucht nicht um den heißen Brei herumreden: Der Weggang von Robert Lewandowski ist für den FC Bayern (375 Spiele, 344 Tore, 72 Torvorlagen) und für die Bundesliga (384 Spiele, 312 Tore, 75 Torvorlagen) ein herber Verlust. Einer der größten, vielleicht sogar der größte Star der Geschichte verlässt die Liga.

Es wäre verwunderlich, wenn der FC Bayern den Weggang nicht spüren würde - dafür fallen einfach zu viele Tore weg. Lewandowski war so gut wie nie verletzt, nie müde und war immer einsatzfähig. Diese Konstante wird Julian Nagelsmann fehlen. Und dennoch passt der Verkauf zur Philosophie des Klubs.

Der FC Bayern hat in den vergangenen Jahrzehnten viele Top-Stürmer in seinen Reihen gehabt und fast immer den richtigen Zeitpunkt für einen Umbruch gefunden - ohne Rücksicht auf Emotionalitäten. Ob Giovane Elber, Roy Makaay, Luca Toni, Miroslav Klose - sie waren bei Fans, Vorgesetzten und Kollegen beliebt, anerkannt und ihr Abschied fiel schwer, aber er war nötig und es gelang jedes Mal, den Übergang zu schaffen.

Auch wenn es in der aktuellen Situation vielleicht sportlich schwer zu erklären ist, weil es keinen direkten Nachfolger gibt, ergibt der Verkauf von Lewandowski Sinn. 45 Millionen Euro (und vielleicht sogar 50) für einen Spieler zu bekommen, der in einem Monat 34 wird, im Jahr geschätzte 25 Millionen Euro verdient und in einem Jahr ablösefrei gegangen wäre, ist alternativlos. Da hat beim FC Bayern wie schon bei allen Lewy-Vorgängern die Rationalität über die Emotionalität gesiegt.

Kein Lewy-Nachfolger? Pep Guardiola hat es vorgemacht

Sicherlich ist der Unterschied diesmal, dass Lewandowski keinen direkten Nachfolger auf seiner Position hat. Julian Nagelsmann nennt es eine "große Herausforderung", Lewandowski ersetzen zu müssen, aber die Münchner Bosse haben auch konsequent gehandelt, indem sie nicht einfach einen baugleichen Stürmertypen geholt haben, sondern darauf warten, bis wirklich das Gesamtpaket passt.

Wohl auch mit der Gewissheit, dass mit der übrigen Offensivpower die Saisonziele erreichbar sind und man nun eine ganze Saison Zeit hat, einen fähigen Mittelstürmer zu holen. Pep Guardiola hat es bei Manchester City vorgemacht, wie es geht. Nach Sergio Agüero erstmal niemanden, dann Erling Haaland verpflichtet. Warum also auch nicht beim FC Bayern? Zumal man mit Nagelsmann einen Trainer hat, der ähnlich tickt wie Guardiola und gerne neue Wege geht.

Kahn und Salihamidzic: Beginn einer eigenen Ära

Diese neuen Wege wären vor Jahren nicht möglich gewesen. In Zeiten, in denen beim FC Bayern "Fußball keine Mathematik" war und es zum guten Ton gehörte, dass der FC Bayern traditionelle Systeme spielt. Jetzt ist es eine neue Zeit, eine neue Führung. Ein neuer Mut, alte Muster aufzubrechen und entsprechende Schritte zu gehen, auch wenn man am Ende gegen den Strom schwimmt.

Dieses konsequente Handeln ist wichtig für Oliver Kahn und Hasan Salihamidzic, um auch ihre eigenen Duftmarken zu setzen. Sie machen nicht mit dem weiter, was ihre Vorgänger Uli Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge einst aufgebaut haben, sondern kreieren nun "ihren" eigenen FC Bayern. Sie haben das Mannschaftsbild entscheidend verändert, den wichtigsten Stürmer der Klub-Geschichte seit Gerd Müller verkauft und somit auch die Statik (wenn auch vielleicht nur für eine Saison) verändert. Sie haben mit dem Umbruch, der sich noch in weiteren Einkäufen fortsetzen könnte, eine eigene - ihre eigene - Ära gestartet.

ONLY GERMANY Robert Lewandowski FC Bayern 2022imago images

Das birgt sicherlich auch Risiken, wenn sich beispielsweise das Fehlen von Lewandowski länger bemerkbar macht. Dann wird man Oliver Kahn an sein "Basta" erinnern, was aber eigentlich von Anfang an ein Preisschild war. Mit den nun kumulierten 50 Millionen Euro hat dieses Basta auch seinen Zweck erfüllt. Ist es ein Risiko? Ja ist es, aber ohne Risiko kann man auch keine Revolution starten. Ohne Risiko gibt es nicht den Hauptpreis.

Lewy-Wechsel: Alle gewinnen

Auch wenn die Ergebnisse sie noch bestätigen müssen, geht die neue Bayern-Führung als Sieger aus dem Transfersommer hervor. Sie haben den Aufsichtsrat, der noch Erinnerungen und Verbindungen zu alten Zeiten hat, davon überzeugt, nach schwierigen Jahren der Pandemie, Geld in die Hand zu nehmen und zu investieren, um das Mannschaftsbild des FC Bayern zu verändern. Und sie waren dann auch in der Umsetzung erfolgreich.

So gesehen gibt es nur Gewinner. Das gilt auch für Lewandowski, der sich nun auf einen Vierjahresvertrag beim FC Barcelona freuen darf statt auf zwei Jahre FC Bayern. Ob er dort genauso viel erreichen wird, darf bezweifelt werden, aber das wird dem Polen auch in diesem Stadium der Karriere nicht so wichtig sein.

Dass er am Ende seiner achtjährigen Erfolgsgeschichte ein paar gebrochene Herzen hinterlassen hat, wird ihm auch nicht so wichtig sein. Lewandowski hat den FC Bayern nie geliebt, er hat auch Borussia Dortmund nicht geliebt und wird auch den FC Barcelona nicht lieben. Für ihn sind diese Klubs das jeweils richtige Umfeld zur richtigen Zeit, um seine eigenen Ziele zu erfüllen. Er hat immer mit Top-Leistungen zurückgezahlt und nicht mit Liebe. Das ist legitim, auch weil er nie so getan hat, als ob es anders wäre. Er hat nicht das Trikot geküsst, nicht auf das Wappen gezeigt, nicht seine Kinder nach München oder Dortmund benannt. Er hat seine Wertschätzung mit Toren gezeigt. Er hat rational statt emotional gehandelt. Wie der FC Bayern nun. Und das ist in beiden Fällen in Ordnung.