Wie Riyad Mahrez vom übersehenen dünnen Jungen zum Superstar wurde

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Getty / Goal
PSG hatte andere Jungs auf dem Zettel, Mahrez hielten sie als Teenager alle für zu schmächtig. Die bemerkenswerte Geschichte eines Superdribblers.


HINTERGRUND

"Manchmal", erinnert sich Riyad Mahrez , "manchmal hast du bei Turnieren Rufe gehört wie: 'Bring ihn um'. Damit sind wir aufgewachsen", grinst der Superdribbler von Leicester City in einer Dokumentation über Straßenfußball in Paris. Der Algerier passt wohl wie kein Zweiter in den Film. Er weiß genau, wovon er spricht, liegen seine Wurzeln doch auf den Asphaltplätzen der Banlieues von Frankreichs Hauptstadt. Mittlerweile ist er ihnen längst entwachsen, ist derzeit in Top-Form und wird wieder von den Granden der Fußballwelt umworben. Dass er es so weit bringt, schien aber lange fast ausgeschlossen.

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In Sarcelles wuchs Mahrez auf. Eine Vorstadt, wenige Kilometer vor den Toren von Paris. Wer hierher kommt, weiß, was Perspektivlosigkeit bedeutet. Viele haben chronisch keinen Job, suchen ihr Heil in Kriminalität und Drogenhandel. Oder müssen sich, wenn sie denn Arbeit haben, mit Mini-Löhnen zufrieden geben. Oft hilft nur besonderes Talent, um zu entfliehen. Mahrez hat genau das - erkennen will es aber lange Zeit niemand.

"Riyad spielte jeden Tag Fußball", erinnert sich Hayel Mbemba, einer seiner Teamkollegen bei seinem ersten Klub AAS Sarcelles, dem er mit 13 beitrat, gegenüber der BBC . "Wenn das Vereinstraining vorbei war, suchte er sich in den Schulen oder sonst wo einen Platz, wo er weiter trainieren konnte. Das war Riyads Ding."

Sein Vater Ahmed, der selbst für kleinere Vereine in Algerien und Frankreich aktiv gewesen war, spielte bei Mahrez' Begeisterung für den Fußball eine tragende Rolle. Obwohl er sich von Mutter Saliha trennte, als Mahrez junior acht Jahre alt war, begleitete er seinen Sohn zu jedem Spiel, gab ihm alles, was möglich war, um seinem Traum nachzujagen. Als Ahmed dann nach einer Herzattacke mit nur 54 Jahren verstarb, war Riyad gerade 15. "Ich weiß nicht, ob ich dadurch ernsthafter wurde", sagte Mahrez einmal dem Guardian über den frühen Schicksalsschlag. "Aber nach dem Tod meines Vaters nahmen die Dinge für mich Fahrt auf. Vielleicht wollte ich es fortan noch mehr."

Mahrez trainierte noch härter als zuvor, um seinen verstorbenen Vater stolz zu machen. Im Dribbling, mit dem Ball am Fuß, war er schon immer ein Blickfang, machte schon als Teenager Dinge, die niemand für möglich hielt. Doch die Physis bereitete Probleme. Er sei zu dünn, zu schmächtig, hieß es von allen Seiten. Für den Profifußball auf höchstem Niveau nicht geschaffen. Auch beim großen Paris Saint-Germain sah man das offenbar so.

"Riyad war damals nicht der Beste bei uns"

"PSG beobachtete Riyad", erinnert sich ein Mitarbeiter seines Jugendklubs Sarcelles gegenüber  Goal. "Aber Riyad war damals nicht der Beste bei uns, viele Spieler standen über ihm." Selbst in den Nachwuchsteams von Sarcelles musste er manchmal auf die Bank, für Aufsehen über die Grenzen der Banlieues hinaus sorgten andere. Statt Mahrez holte PSG seinerzeit Kevin Rimane aus dessen Jugendmannschaft in Sarcelles. Karriere machte dennoch Mahrez, Rimane kommt seit Jahren nicht über die zweite Mannschaft der Pariser hinaus.

Mahrez war als Nachwuchsspieler für die großen Klubs nicht interessant, nicht durchsetzungstark genug. Er kickte weiter bei Sarcelles mit seinen Freunden - möglicherweise etwas, was Mahrez' Entwicklung im Nachhinein positiv beeinflusst hat. Denn er war schon immer ein Spieler, der einen gewissen Grad an Freiheit brauchte, um sein Potenzial auszuschöpfen. Die Akademie eines großen Klubs hätte ihm genau das möglicherweise wegnehmen können.

GFX Quote Pogba Mahrez

2009, mit 18, lässt Mahrez Sarcelles dann aber doch hinter sich, geht in die Bretagne, rund 350 Kilometer von Paris entfernt, um beim Amateurklub Quimper FC zumindest etwas höher zu spielen. "Er kam mit einer Tasche mit nur drei Dingen drin: eine Zahnbürste, Zahnpasta und Fußballschuhe", blickt Jo Dorval, damals im Vorstand des Klubs, zurück. Und Ronan Salaun, seinerzeit Trainer bei Quimper, war sich beim Probetraining schon nach 20 Minuten sicher: "Das ist ein ungeschliffener Diamant."

Über die zweite Mannschaft empfahl er sich, durfte nach den ersten sechs Monaten dann verstärkt im ersten Team ran. Vierte französische Liga. Damals eine große Sache für Mahrez, der inzwischen englischer Meister ist und die Premier League erobert hat.

Er lebte in einem kleinen Apartement im Zentrum der gut 60.000 Einwohner zählenden Stadt Quimper, gemeinsam mit Paul Pogbas Bruder Mathias. Der spielte zuletzt für Sparta Rotterdam, ist aktuell vereinslos - und probierte damals ebenso wie Mahrez, über Quimper nach oben zu kommen. "Als Mitbewohner kam ich mit Riyad nicht klar, er war viel zu unordentlich", erinnert sich Pogba an die gemeinsame Zeit. Sie ernährten sich von Steak und Pommes, gingen ständig aus. "Wir lebten ein Studentenleben", sagt Pogba. "Zwei Jungs, die nicht kochen konnten."

Auf dem Rasen lief es derweil immer besser, Mahrez entwickelte sich, schaffte den Sprung vom Jugend- in den Seniorenfußball. 2010, nach einem Jahr in Quimper, absolvierte er auch ein Probetraining bei PSG, entschied sich aber für einen Wechsel zum Zweitligisten Le Havre. Auch dort war Mahrez dann einer unter Vielen. Und wieder sollte ihm das Schicksal helfen.

Über Le Havre in die Premier League

Erst in seinem zweiten Jahr in Le Havre arbeitete er sich in die erste Mannschaft, debütierte mit 20 in der zweiten französischen Liga. Die raue Gangart der Ligue 2, wo Physis über Technik steht, bekam Mahrez zunächst gar nicht. Er brauchte Eingewöhnungszeit, mauserte sich erst nach und nach zum Stammspieler. Und dann, 2014, stand plötzlich Leicester City auf der Matte.

Kurios: Eigentlich scouteten die Foxes Ryan Mendes, der Mahrez bei Le Havre damals in den Schatten stellte. "Mendes war mit Sicherheit der bessere Spieler", sagt Le-Havre-Fan Florian Floqe bei  BBC . "Wir dachten, dass er es weiter bringen würde als Riyad." Mendes, der mittlerweile für Kayserispor spielt, blieb aber noch in Le Havre, ging erst 2015 zu Nottingham Forest. Und Leicester schnappte sich statt ihm dann doch Mahrez. Der entscheidende Wechsel seiner Karriere, wie heute alle wissen.

164 Spiele hat Mahrez mittlerweile für Leicester absolviert, 43 Tore erzielt, beim sensationellen Meistertitel 2016 war er einer der Schlüsselspieler, wurde zum Spieler des Jahres in der Premier League gekürt. Nach durchwachsener Vorsaison und schleppendem Start in die aktuelle Spielzeit ist er nun seit Monaten, seit Claude Puel Ende Oktober Cheftrainer wurde, wieder in Topform. An fünf der letzten sieben Ligatore Leicesters war Mahrez direkt beteiligt, steht nach 23 EPL-Einsätzen bei sieben Treffern und acht Assists.

Spekulationen um einen Wechsel zu einem Topklub, ob Arsenal, Liverpool oder Barcelona, gibt es daher wieder zur Genüge. Und übersehen wird Riyad Mahrez sowieso keiner mehr.

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