Ricardo Quaresma: Ist der Mustang endlich gezähmt?

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Sein Potenzial ist riesig, seine Inkonstanz ebenfalls. Rechtzeitig zur EM scheint Ricardo Quaresma in blendender Verfassung zu sein. Für die Fans und die Seleccao sind das gute Nachrichten.

Dass Cristiano Ronaldo einen Doppelpack schnürt und am Ende trotzdem ein anderer Spieler die Schlagzeilen dominiert, kommt nicht alle Tage vor. Eigentlich so gut wie gar nicht. Doch in der vergangenen Woche war es soweit: Portugal absolvierte eine überragende Generalprobe für die Europameisterschaft und das ganze Land schwärmte im Anschluss an das 7:0 gegen bemitleidenswerte Esten von Ricardo Quaresma und dessen Gala.

Flügelflitzer Quaresma steuerte selbst zwei Tore und drei Assists zum Kantersieg bei. Es waren allerdings nicht die nackten Zahlen gegen einen zweitklassigen Gegner, die Euphorie schürten, sondern die Art und Weise, mit der der Rechtsfuß das Angriffsspiel diktierte.

Sein erstes Glanzlicht setzte Quaresma mit einer famosen Außenristflanke von der linken Seite, die Ronaldo per Kopf zum 1:0 vollstreckte (36.). Wenig später demonstrierte er seine Klasse mit einem genialen Heber zum 2:0 (39). Binnen drei Minuten hatte er gezeigt, wie er aktuell vor Selbstvertrauen nur so trieft und vor Spielfreude strotzt. Das setzte sich im Laufe des Spiels weiter fort und dürfte ihm einen Stammplatz für das erste Gruppenspiel gegen Island (21 Uhr im LIVE-TICKER) beschert haben. Zumal er schon im Test zuvor gegen Norwegen (3:0) per Distanzschuss das Führungstor erzielt hatte.

Der Karriereverlauf gleicht einer Achterbahnfahrt

Die Karriere des extrovertierten Edeltechnikers mit dem riesigen Potenzial verlief wie eine Achterbahnfahrt. Bei vermeintlich kleineren Klubs wie Sporting, dem FC Porto und Besiktas Istanbul ging es für Quaresma eigentlich nur bergauf. In Diensten von Barcelona, Chelsea und Inter Mailand erlebte er dagegen schwere Zeiten. Nicht nur wegen seiner Unberechenbarkeit auf dem Rasen, sondern auch wegen seines Verhaltens außerhalb, verpasste man ihm einst den Spitznamen "unzähmbarer Mustang".

Gut für Portugals Seleccao, dass der 32-Jährige nun doch ein wenig gezähmt daherkommt und eine außergewöhnliche Saison in Istanbul hinter sich hat. Gemeinsam mit Torschützenkönig Mario Gomez (fünf von Quaresmas sechs Torvorlagen waren für den Deutschen) führte er Besiktas zur Meisterschaft.

Für die Portugiesen ist ein zweiter gefährlicher Angreifer wichtig. Sie brauchen vorne neben Superstar Ronaldo dringend weitere Ausnahmespieler, um den Traum von einem Triumph bei einem großen Turnier zu realisieren. Bei den vergangenen Endrunden war Portugal zu abhängig von CR7. 2012 spielte er klasse, hatte aber wenig Unterstützung und so war im Halbfinale gegen den späteren Sieger Spanien im Elfmeterschießen Endstation.

Schlimmer war es 2014 in Brasilien, als Ronaldo nicht in Form war, von den Gegnern abgemeldet wurde und niemand in die Bresche springen konnte. Schon nach der WM-Vorrunde musste der damalige Geheimfavorit seine Koffer packen. In Situationen wie diesen, so hoffen sie nun, soll Quaresma die Kohlen aus dem Feuer holen.

Quaresma überholt Nani

Der einstige Hallodri, der unter anderem während seines ersten Engagements bei Besiktas zwischenzeitlich aus disziplinarischen Gründen suspendiert war und dessen Vertrag schließlich dort aufgelöst wurde, kommt im Alter von 32 Jahren deutlich gereifter daher. Sicher, er spielt immer noch gerne für die Galerie. Ohne Rabonas und Trivelas ist er nicht derselbe. Mit 100 versuchten Dribblings war er in dieser Kategorie bester Besiktas-Spieler der abgelaufenen Spielzeit. Die Quote von 35 Prozent davon gewonnener Duelle indes ist ausbaufähig. Dennoch hat eine gewisse Ernsthaftigkeit in sein Spiel Einzug gehalten. Er gibt sich mannschaftsdienlicher und 49 Prozent gewonnener Zweikämpfe bedeuten für einen Flügelstürmer einen guten Arbeitsnachweis.

Und nun hat er auf der Zielgeraden der Vorbereitung scheinbar Nani im Rennen um den Platz an der Seite Cristiano Ronaldos überholt. Dass alle drei Künstler von Trainer Fernando Santos aufgeboten werden, ist unwahrscheinlich. Sollte Quaresma also seine Muskelprobleme vom Wochenende - er musste mit dem Training aussetzen - überwunden haben, bekommt er die Chance, auch beim Turnier zu glänzen.

Es könnte sich nach 16 Jahren für Quaresma ein Kreis schließen. 2000 gewann er mit Portugals Junioren die U16-Europameisterschaft. Im Finale gegen Tschechien avancierte er zum Matchwinner, glich einen frühen Rückstand aus und erzielte später in der Verlängerung das Golden Goal zum Titelgewinn.

Käme es nun in Frankreich ähnlich, den Portugiesen wäre wohl egal, wer am Ende für die Schlagzeilen sorgt.

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