Reza Ghoochannejhad: Der Gegenentwurf zum Fußballer-Klischee

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Er ist musikalisch begabt, wollte eigentlich lieber studieren als Fußball spielen. Heute zerlegt der Iraner bei Heerenveen die Eredivisie.

Im Frühsommer 2009 war Fußballspielen längst nicht mehr die Lieblingsbeschäftigung von Reza Ghoochannejhad . 21 Jahre alt war er seinerzeit. Und grübelte. Tagelang, nächtelang, in seiner Wohnung in der Kleinstadt Emmen, irgendwo im Osten der Niederlande, nahe der Grenze zu Deutschland gelegen. Bis er schließlich einen Entschluss fasste: Die Fußballschuhe gehören an den Nagel. Schluss, Aus, die Karriere ist vorbei.

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"Ich hatte mich in diesem Moment dazu entschieden, mit dem Fußball aufzuhören", sollte der Mann mit dem schier unaussprechlichen Namen, der seit seiner Kindheit vereinfacht "Gucci" gerufen wird, später einmal sagen. "Weil ich dachte, dass ich zu etwas anderem berufen sei", begründete er.

Reza Ghoochannejhad: Stürmer mit Talent an der Violine

Tatsächlich ist der Iraner einer, der nicht in das klischeehafte Bild vom Fußball-Profi passt, der sich nur mit seinem Sport beschäftigt und ansonsten nicht über den eigenen Tellerrand hinausblickt. Ghoochannejhad macht genau das. Alleine schon deswegen, weil er nicht nur kicken kann, sondern mit vielen anderen Talenten gesegnet ist.

Zum Beispiel für musikalische Dinge. Ghoochannejhad ist ein guter Violine-Spieler, hegt eine große Leidenschaft für das Instrument. Ebenfalls untypisch für einen Fußballer. "Das ist etwas, was ich in der Zukunft unbedingt vertiefen möchte", sagt der 29-Jährige. Etwas länger als ein Jahr hatte er Violine-Unterricht, wenn es die Zeit zulässt, spielt er immer mal wieder ein paar Takte.

Zudem ist der Stürmer sprachlich begabt, kann mit sieben verschiedenen Sprachen etwas anfangen. "Englisch, Niederländisch, Farsi, auch Französisch", beginnt er aufzuzählen. "Deutsch verstehe ich, habe auch Italienisch und Portugiesisch gelernt." Ghoochannejhad war stets wichtig, dass er ein vielseitiger Mensch ist, nicht nur auf den grünen Rasen reduziert. "Die Menschen, die mich gut kennen, wissen, dass ich kein gewöhnlicher Fußball-Spieler bin. Ich will mehr sein als das - das ist mein Ziel im Leben."

Dennoch nahm das runde Leder schon immer einen großen Teil in Ghoochannejhads Leben ein. Mit acht Jahren kam er mit seiner Familie aus dem Iran in die Niederlande, wuchs fortan in der friesischen Stadt Leeuwarden im Nordwesten des Landes auf. Rasch wurden die Profi-Klubs auf den talentierten Jungen aufmerksam, zunächst beim SC Cambuur, später beim SC Heerenveen genoss Ghoochannejhad eine solide Ausbildung.

Mit Drenthe und Elia in der Junioren-Elftal

Er durchlief sämtliche Jugendnationalmannschaften der Niederlande, spielte von der U15 bis zur U19 unter anderem an der Seite von Spielern wie Royston Drenthe oder Eljero Elia, eine Profi-Karriere war stets die Ambition. Doch schnurgerade nach oben verlief der Weg von Ghoochannejhad beim Übergang zu den Senioren nicht weiter.

Sich in Heerenveens erster Mannschaft zu etablieren, gelang ihm nicht. Er wurde verliehen, konnte aber nicht überzeugen. Auch beim FC Emmen, in der zweiten niederländischen Liga, gelang in der Rückrunde der Saison 2008/2009 nicht die erhoffte Weiterentwicklung. Die Abende, an denen Ghoochannejhad grübelnd im Bett lag, häuften sich daher. Sollte er weiter auf die Karte Fußball setzen? Eine Frage, die ihn quälte. Vor allem, weil es Alternativen gab.

Ghoochannejhad hatte begonnen, Jura zu studieren, wollte sich nun eigentlich voll und ganz darauf konzentrieren. Es erschien ihm sinnvoller, sich in diesem Bereich einen Namen zu machen, später einen seriösen Job zu haben, als noch länger der großen Fußballer-Laufbahn hinterherzujagen, die so utopisch weit weg war.

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Doch es kam anders. Auf bemerkenswerte Art und Weise. Marc Overmars, früherer Weltklasse-Flügelspieler in Diensten von Ajax Amsterdam, Arsenal oder Barcelona und seinerzeit als Technischer Direktor beim niederländischen Zweitligisten Go Ahead Eagles angestellt, verhinderte ein verfrühtes Karriereende Ghoochannejahds. "Ich begann zu studieren. Doch nach einer Weile überzeugte mich Overmars, zurückzukommen, weiterhin Fußball zu spielen und den Sport mit dem Studium zu verbinden", erzählt der Angreifer.

Overmars' Plan ging auf. "Ich verdanke ihm sehr viel. Er war bereit, mir genügend Zeit zu geben, um das Training und das Jura-Studium unter einen Hut zu bringen", betont Ghoochannejhad, dessen Laufbahn nun Fahrt aufnahm. Er überzeugte bei den Go Ahead Eagles, später bei Cambuur und in Belgien bei St.Truiden, wechselte zum Rennommier-Klub Standard Lüttich. Und, noch wichtiger: Er debütierte im September 2012 für Irans A-Nationalelf.

Ghoochannejhad sagte Carlos Queiroz sofort zu

Der portugiesische Coach Carlos Queiroz setzte auf ihn, vertraute Ghoochannejhad auf dem Weg zur WM 2014 in Brasilien. Dem fiel es nicht schwer, sich, nachdem er auf Junioren-Level stets für Oranje aufgelaufen war, für sein Geburtsland zu entscheiden. "Der Trainer sagte zu mir: 'Wenn du stolz genug bist, dieses Trikot zu tragen, ruf mich zurück'", erinnert sich Ghoochannejhad, der jedoch antwortete: "Ich muss Sie nicht zurückrufen. Ich gebe Ihnen jetzt direkt meine Zusage!"

Ein Satz, den er nicht bereuen sollte. Im entscheidenden WM-Quali-Spiel gegen Südkorea erzielte Ghoochannejhad 2013 das umjubelte 1:0-Siegtor, war im Iran plötzlich ein Star. Etwas, was er, als er im Frühsommer 2009 über ein Karriereende grübelte, nicht einmal im Traum für möglich gehalten hatte.

Einen solchen erfüllte er sich Anfang 2014 mit dem Wechsel nach England, wenngleich seine Zeit bei Zweitligist Charlton Athletic meist erfolglos verlief. Dafür nahm er mit der Nationalelf an der WM in Brasilien teil, erlebte spektakuläre Gruppenspiele gegen Lionel Messis Argentinier, gegen Bosnien und Nigeria. Und auch 2018 ist der mittlerweile 43-malige Nationalspieler Endrunden-Teilnehmer . Bislang noch ohne Einsatz, aber das kann sich im abschließenden Gruppenspiel gegen Portugal am Montagabend (20 Uhr im LIVE-TICKER ) ändern.

Ghoochannejhad hat im Fußball also doch noch viel erlebt. Seine beste Zeit auf Vereinsebene hat er aber nicht hinter sich, sondern erfährt er aktuell. Vergangenen Sommer wechselte er von Charlton nach Heerenveen. Zurück zu den Wurzeln, zu seinem Jugendklub. Dorthin, wo er sich einst nicht durchsetzen konnte und die Lust am Spiel verlor. Ironie des Schicksals.

Schon jetzt denkt er über die Zeit nach dem Fußball nach. "Ich werde definitiv wieder studieren", sagt er. Vielleicht nicht mehr Jura, sondern ein anderes Fach, eventuell im Bereich Wirtschaft. "Ich habe so viele Ideen, ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll", frohlockt er, der immer noch grübelt. Allerdings positiv. Weil er heute weiß, dass der Fußball zu seinem Wesen gehört. Jedoch nicht ausschließlich der Fußball ...

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