Bayern-Leihgabe in Swansea: Der seltsame Fall des Renato Sanches

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Goal / Getty
Vom Europameister über den FC Bayern München zum Reservisten bei Swansea: Renato Sanches ist tief gefallen. Wie konnte es so weit kommen?

HINTERGRUND

Paul Clement senkte den Kopf und rieb sich mit der rechten Hand ungläubig die Stirn. Das, schien der Trainer von Swansea City zu denken, kann doch nun wirklich nicht wahr sein. Schuld war Renato Sanches. Die Leihgabe vom FC Bayern München hatte gerade im Premier-League-Spiel beim FC Chelsea das Logo eines Energy-Drink-Herstellers auf einer Werbebande für einen Mitspieler gehalten und den Ball zielsicher ins Seitenaus gepasst.

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Kann mal passieren, könnte man nun anmerken. Ist ja auch schon anderen passiert - Thiago Alcantara etwa, der in der Allianz Arena einen animierten Weihnachtsmann anvisiert hatte. Nur dient diese Szene so gut als Sinnbild für den seltsamen Fall des Golden Boys von 2016.

Als bester U21-Spieler und frisch gebackener Europameister war Sanches nach dem Turnier in Frankreich zum deutschen Rekordmeister gewechselt. Die damalige Ablösesumme erscheint inzwischen geradezu absurd. Einen Sockelbetrag von 35 Millionen Euro haben die Bayern nach Lissabon überwiesen. Inklusive möglicher Bonuszahlungen kann das Gesamtvolumen sogar auf bis zu 80 Millionen Euro ansteigen. Zumindest theoretisch. Etwa dann, wenn Sanches in die FIFA World XI gewählt wird. Oder, wenn er den Ballon d'Or gewinnt. 

Davon ist der inzwischen 20-Jährige selbstredend weit entfernt. In seiner Debütsaison bei den Münchnern stand Sanches in der Bundesliga nur sechsmal in der Anfangsformation - und blieb dabei massiv hinter den zugegeben hohen Erwartungen zurück. Mit jedem Spiel reifte bei den Bayern-Bossen der Entschluss, ihren Neuzugang leihweise bei einem kleineren Verein unterzubringen, um seine Entwicklung wieder in die richtige Bahn zu lenken. Bei einem Verein wie Swansea City. 

"Sanches war noch zerstörter, als ich dachte"

Sanches dagegen, einen Sommer zuvor noch bei sämtlichen Top-Klubs in Europa auf dem Zettel, hatte andere Pläne. "Renato war davon nicht so begeistert. Er dachte, er würde zu Manchester United, Chelsea oder Paris Saint-Germain wechseln. Bayern sagte ihm aber: 'Dahin gehst Du nicht. Da wäre es dieselbe Situation und du kämst nicht zum Einsatz'", verriet Clement neulich der Times .

Er selbst wollte Sanches unbedingt haben, kannte ihn aus seiner Zeit bei den Bayern als Co-Trainer von Carlo Ancelotti. Und als Sanches endlich einwilligte, sah alles nach einer Win-Win-Situation aus. Die Bayern kassierten eine saftige Leihgebühr von kolportierten 8,5 Millionen Euro, die Swans bekamen einen Spieler, der eigentlich weit außerhalb ihrer Reichweite lag, und Sanches schien bei einem Verein angekommen, bei dem er fernab vom großen Leistungsdruck befreit aufspielen und reifen kann. So zumindest sah der Plan der Parteien aus. Doch es kam ganz anders. 

"Als er hier ankam, war er noch zerstörter, als ich dachte. Es war wirklich traurig", sagte Clement: "Er war ein Junge, der das Gewicht der gesamten Welt auf seinen Schultern trug. Im Training, wenn es keinen Druck gab, war er der beste Spieler. Dann, in den Spielen, sah ich die Entscheidungen, die er traf. Er schoss aus 40 Metern und aus spitzem Winkel - und er machte diese Fehler immer wieder."

"Ein Teufelskreis aus falschen Entscheidungen"

In den englischen Medien wurde Sanches mehrfach auseinandergenommen. "Ich mache keine Späße: Was er zeigt, ist jämmerlich. Du erwartest einfach mehr von so einem Jungen", meinte etwa der frühere walisische Nationalspieler Robbie Savage in einer Expertenrunde bei BT Sports nach dem torlosen Remis gegen Bournemouth Ende November. Der frühere Tottenham-Trainer Tim Sherwood ergänzte seinerzeit in Richtung Clement: "Wenn dieser Spieler aus der eigenen Jugendakademie wäre, würde er nie wieder spielen. Er spielt genauso wie in seinem ersten Spiel, er hat sich nicht verbessert. Warum geben sie ihm noch weitere Chancen?"

Clement indes nahm den 20-Jährigen in Schutz. "Von jämmerlich könnte man sprechen, wenn er alles falsch gemacht hätte. Dann wäre er eher vom Platz genommen worden. Er hat aber auch sehr gute Sachen gemacht", sagte er.

Galerie: Sanches und Co. - die teuersten Teenager

Sanches, gab Clement allerdings an anderer Stelle zu, sei in "einen Teufelskreis aus falschen Entscheidungen" geraten. Je schlechter es lief, desto mehr wollte Sanches die besonderen Dinge machen, den entscheidenden Pass spielen, das Traumtor schießen, noch einen Gegenspieler aussteigen lassen. "Die anderen Spieler sagten irgendwann: 'Er spielt so und ich muss draußen bleiben?' Also wurde es immer schwieriger, ihn aufzustellen." 

Unter Carvalhal kurzzeitig im Aufwind - und prompt ausgebremst

Die traurige Realität: Auch bei Swansea, einem Verein weit unterhalb des Niveaus der Bayern, gehörte Sanches bislang in den meisten Fällen zu den schlechtesten Spielern auf dem Platz. Wenn er denn überhaupt auf dem Platz stand.

In den letzten drei Spielen unter Clement, der am 20. Dezember entlassen wurde, schaffte es Sanches gar nicht mehr in den Kader. "Er ist ein guter Spieler und kann seinen Beitrag leisten, aber dafür muss er sein Potenzial ausschöpfen. Wir werden weiter mit ihm arbeiten und ihm zeigen, dass wir an ihn glauben", versprach Clement fünf Tage vor seiner Entlassung. Er erklärte damals allerdings auch, dass Sanches nach seinen inkonstanten Leistungen nicht erwarten könne, im Kader zu stehen und forderte: "Er muss mir Dinge zeigen, um meine Meinung zu ändern."

Sanches GFX GER new

Unter dem neuen Coach Carlos Carvalhal sollte dann alles besser werden. Und tatsächlich stand Sanches rund um den Jahreswechsel in den Spielen gegen Watford (2:1) und Tottenham (0:2) über die volle Spielzeit auf dem Rasen. "Im ersten Spiel hat er nicht so gut begonnen, aber er hat in der zweiten Halbzeit auf höherem Niveau gespielt. Und jetzt, nach drei Tagen - nach nur drei Tagen, ist er auf ein neues Level gesprungen", lobte Carvalhal nach der Partie gegen die Spurs geradezu euphorisch. 

"Ich bin mir sicher", erklärte der Trainer weiter, "dass er in Zukunft auf noch höherem Niveau spielen wird, weil Swansea wirklich einen sehr guten Spieler verpflichtet hat. Aber er ist noch ein Junge, der weiter lernen muss. Er ist kein fertiger Spieler, den man aufstellt und dem man sagt: 'Spiel einfach und mach dein Ding'." Seit jenem Duell fällt Sanches mit einer Oberschenkelverletzung aus. Erst in rund einem Monat soll er wieder einsatzfähig sein. Erst dann wird sich endgültig zeigen, wohin seine Entwicklung führt.

"So kannst du dein Spiel wiederfinden"

Der frühere Nationalspieler Fernando Meira glaubt jedenfalls zu wissen, was gut für seinen Landsmann wäre. "Ich denke, dass der Junge wieder zurück nach Portugal muss, um wieder der Alte zu werden. So macht es keinen Sinn und es wird noch schlimmer für ihn. In England geht Renato kaputt", meinte der Ex-Stuttgarter vor zweieinhalb Monaten zu Sport1 . Er sei sich "ganz sicher, dass Swansea nicht gut für ihn ist". Sanches sei mental "noch nicht bereit", um in der Bundesliga oder in der Premier League zu spielen. Zwar habe er großes Potenzial und viel Qualität, er brauche aber "noch etwas Zeit, damit seine Persönlichkeit reifen und er zeigen kann, was in ihm steckt". 

Retrospektiv scheint es, als sei Sanches zu früh zu sehr gehypt worden. Es scheint, als sei er womöglich nie so gut gewesen, wie er von Fans und Medien gemacht wurde. Ein Beispiel: Bei der EM spielte er keineswegs überragend, sondern schlicht grundsolide. Seine Zweikampfquote etwa betrug nur 37 Prozent und war damit schlechter als bei Benfica (43), Bayern (47) und Swansea (45). Zudem gelang Sanches bislang weder in der Bundesliga noch in der Premier League eine Torbeteiligung.

Stattdessen fiel er gerade bei Bayern und Swansea wiederholt mit Unkonzentriertheiten auf, mit unerklärlichen Fehlpässen und ungeschickten Fouls. Will Sanches seinen seltsamen Fall stoppen und dem Teufelskreis aus falschen Entscheidungen entrinnen, muss er die Einfachheit suchen. Thiago erklärte einst im Goal -Interview: "Wenn du nicht gut drauf bist, ist es wichtig, einfache Dinge zu machen, einfache Pässe zu spielen. Mit der Einfachheit findest du zurück zur Sicherheit, und dann kannst du dich langsam steigern. Erst spielst du jeden Ball kurz, dann über fünf, 15, 30 Meter und so weiter. Du fängst an, Eins-gegen-eins-Situationen zu suchen. So kannst du dein Spiel wiederfinden."

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