HINTERGRUND
Zinedine Zidane wusste auch nicht mehr, was er sagen sollte. "Es ist schwer, unser Spiel zu verstehen", kommentierte der Trainer von Real Madrid am Sonntag den – in negativer Hinsicht – geschichtsträchtigen Auftritt seiner Mannschaft beim 1:4 in Valencia.
Nie zuvor hatte Real Madrid unter ihm in der Primera Division vier Gegentore kassiert, wettbewerbsübergreifend bloß einmal in 155 Pflichtspielen. Und nie zuvor hatten die Königlichen in einer Partie drei Elfmeter gegen sich bekommen. In 118 Jahren.
Reals Spieler trugen zur Niederlage Entscheidendes bei: Rechtsverteidiger-Notnagel Lucas Vazquez verschuldete einen Handelfmeter, Raphael Varane ein Eigentor, Marcelo einen umstrittenen Foulelfmeter, Sergio Ramos einen Handelfmeter. All das binnen 28 Spielminuten.
Vier Abwehrspieler, von denen jeder ein Gegentor verursachte. Das gibt es nicht alle Tage – und zeigt auf, dass Reals Probleme immer eklatanter werden.
Real Madrid: Benzema-Berater kritisiert Varane
Hatte sich die Abwehr letzte Saison mit nur 25 Gegentoren in 38 Spielen noch als das Prunkstück entpuppt, sorgt nun auch sie für Kopfzerbrechen. Selbst der sonst so starke Ramos blieb diesmal von Kritik nicht verschont. Varane wurde sogar von Karim Djaziri, dem Berater seines Kumpels Karim Benzema, öffentlich in die Mangel genommen. "Seit dem Spiel gegen Manchester City", erinnerte er an Varanes zwei schwere Patzer bei der 1:2-Pleite im Achtelfinal-Rückspiel der Champions League, "ist er ein Schatten seiner selbst."
Seit sieben Spielen schon blieb Real nicht mehr ohne Gegentor, der oft machtlose Thibaut Courtois musste dabei in der Liga neun- und in der Champions League siebenmal hinter sich greifen. Die Gegentor-Quote liegt nach elf Saisonspielen bei 1,45 pro Partie. So hoch war sie unter Zidane, der in diesem Spieljahr bisher ohnehin auf lediglich 54 Prozent gewonnene Begegnungen kommt, zuvor nie.
Getty/GoalEine für Real besorgniserregende Zahl. Vor allem, wenn man bedenkt, dass der Angriff einfach nicht imstande ist, etwaige Fehler der Hintermannschaft auszubügeln: Real strahlt zu wenig Torgefahr aus. 2019/20 konnte der Defensivverbund die seit dem Abgang von Cristiano Ronaldo massive Schwachstelle noch gut kaschieren.
Real Madrids Sturm-Problem: Talente treten auf der Stelle
Doch nun, da auch die Abwehr schwächelt, fällt nur noch mehr auf, wie Vinicius Junior (20) und Marco Asensio (24) auf den Flügeln recht verloren wirken. Beides Spieler, die zu ihren Anfängen bei Real glänzten und schon als neue Superstars galten, seitdem aber auf der Stelle treten. Dennoch dürfen sie sich zum Stammpersonal zählen. Auch der Stern von Rodrygo (19), der im Herbst 2019 noch mit Treffern am Fließband auf sich aufmerksam gemacht hatte und am Sonntag nach 65 Minuten für Asensio ins Spiel kam, erlosch schnell wieder. Nur Benzema trifft regelmäßig. Umso sehnlicher wünschen sich die Anhänger Torjäger wie Kylian Mbappe und Erling Haaland herbei.
Die Sportzeitung Marca schrieb nach dem Versagen im Estadio Mestalla, das Real auf Platz vier zurückgeworfen hat, von einem "Madrid in Trümmern": "Der Respekt gegenüber Zidane ist noch absolut da, aber einige Spieler haben einige Entscheidungen nicht verstanden", hieß es in dem Blatt mit Blick auf die Rotation.
Gemeint waren damit insbesondere Ferland Mendy und Toni Kroos, die sich auf der Bank wiederfanden. Obwohl Mendy jetzt nicht einmal zur französischen Nationalmannschaft reist und Kroos bei der deutschen nur an zwei von drei anstehenden Partien teilnimmt. Obwohl sich mit Casemiro und Eden Hazard wegen positiven Corona-Tests wichtige Stützen abgemeldet hatten.
Real Madrid: Druck auf Zidane wächst
Statt Mendy und Kroos wirkten Marcelo und Isco mit. Zwei Akteure, die in der ersten Zidane-Amtszeit fundamentale Rollen spielten, inzwischen aber nur noch wie unbrauchbare Auslaufmodelle über den Platz trotten. Ohne den zu offensiv denkenden Marcelo verlor Real in der zweiten Zidane-Amtszeit nie (20 Siege, neun Remis), mit ihm neunmal (16 Siege, drei Remis). "Zidane spielte mit dem Feuer und verbrannte sich", urteilte die Marca nach dem Debakel, während die AS seine Rotation sogar harsch als "selbstmörderisch" bezeichnete.
Eine Grundsatzdiskussion über Zidanes Eignung für den Job bei dem wohl anspruchsvollsten Klub des Weltfußballs kommt aber selbst nach diesem Schlamassel nicht wirklich auf. Vereinsintern genießt er allen voran bei Präsident Florentino Perez einen zu hohen Kredit, um gefeuert zu werden. Wenn sich die Wege trennen, dann wohl nur ausgehend von dem Franzosen. Wie Ende Mai 2018 nach dem dritten Champions-League-Triumph am Stück. Ein Erfolg, von dem Real 2020 meilenweit entfernt ist.
"Zizou" hat zuletzt nach unerwarteten Pleiten immer wieder davon gesprochen, er sei "der Schuldige", er müsse "Lösungen suchen und Lösungen finden", um dem zu ideenlosen Spiel des Teams entgegenzuwirken. Er täte gut daran, sie während der Länderspielpause aufzuspüren. Danach wartet nämlich wieder mal eine überlebenswichtige Woche: Erst in der Liga gegen den als Tabellenzweiten gut aufgelegten FC Villarreal, dann in der Königsklasse gegen das als Gruppenletzter arg unter Druck stehende Inter.


