MIXED-ZONE-INTERVIEW
Mit Baseballcap und ernster Miene schlenderte Mats Hummels am späten Dienstagabend durch die Interviewzone des Estadio Santiago Bernabeu. Nach dem 2:2 des FC Bayern München bei Real Madrid und dem damit verbundenen Ausscheiden aus der Champions League sprach der Weltmeister über vergebene Chancen und Unvermögen.
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Außerdem verriet Hummels, was ihm Toni Kroos nach der Partie sagte, warum Real verdient im Finale steht und warum man in München jetzt nicht über grundsätzliche Dinge nachdenken muss.
Mats, wie bewerten Sie das Spiel?
Mats Hummels: Wir hätten es verdient gehabt. Toni hat mir nach dem Spiel gesagt: 'Das Ding haben wir nicht gewonnen. Ihr habt Euch selber zuzuschreiben, dass Ihr nicht im Finale seid.' Damit hat er leider recht. Wir haben den Gegner in beiden Spielen jeweils einmal eingeladen. Wir haben das Spiel heute ja gefühlt im Sechzehner von Real verbracht. Dafür haben wir erstens ein paar Chancen zu wenig kreiert und zweitens die Möglichkeiten, die wir hatten, nicht konsequent genug genutzt.
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Ist das Pech oder Unvermögen?
Hummels: Es ist eine Mischung aus allem. Natürlich ist es auch Unvermögen. Wenn man in den beiden Spielen jeweils das 1:2 sieht, dann ist das Unvermögen, weil man Fehler macht. Wenn man wie heute 21:9 Torschüsse in Madrid hat, dann hat man nicht so viel falsch, sondern sehr viel richtig gemacht. Wir haben es einfach verpasst, die nötigen Tore zu schießen. Oft haben Zentimeter gefehlt, ob beim Abschluss oder beim letzten Pass. Auch in der Nachspielzeit wurde es noch ein paar Mal brandgefährlich. Natürlich kann man jetzt sagen: Real war abgezockter. Das wäre aber falsch, sehr falsch sogar. Sonst hätten wir nämlich nicht so viele Gelegenheiten gehabt, das Ding zu gewinnen.
Sie selbst waren in der Nachspielzeit an einer gefährlichen Szene beteiligt.
Hummels: Vielleicht muss ich schießen. Wenn der Pass ankommt, macht Lewy zu 99 Prozent das 3:2. Wir haben auch gerade drüber geredet. Wenn die Aktion zum Tor führt, sagt man, es war alles richtig. So war es vielleicht die falsche Entscheidung. Ich muss mir die Szene auch nochmal anschauen. Vielleicht hätte ich einfach draufhauen und mich aufs Glück verlassen sollen.
Tut das Ausscheiden noch mehr weh als im vergangenen Jahr?
Hummels: Ja, auf jeden Fall, weil wir letztes Jahr nicht so stark waren wie dieses Mal. 2017 haben wir ein gutes Ergebnis abgeliefert, aber es war nicht so, dass wir so gut waren wie heute. Ich glaube, dass es dieses Jahr eine noch größere Enttäuschung ist, weil wir eine der besten Mannschaften der Welt das ganze Spiel über so nah am Rande des Ausscheidens hatten, was eher selten vorkommt. Andererseits ging es Juve ja ähnlich. Aber irgendwie kriegt sich Real dieses Jahr immer wieder durch die Spiele durch.
In fünf Jahren ist der FC Bayern nun viermal im Halb- und einmal im Viertelfinale gescheitert. Es war immer eng, ist das ein Trend?
Hummels: Ich kann nur über die letzten beiden Jahre sprechen. Da war es dramatisch. Es sind Kleinigkeiten, die darüber entscheiden, ob man weiterkommt oder nicht. Ich habe neulich über die 2013er Saison mit Dortmund nachgedacht, als wir erst Malaga mit zwei Toren in der Nachspielzeit rausgeworfen und dann in Madrid gezittert haben ohne Ende. In den letzten zehn Minuten hing die Champions-League-Saison am seidenen Faden. Manchmal hat man das Glück in diesen Momenten auf seiner Seite und manchmal nicht.

Wie lange dauert es nach so einem Spiel, bis man wieder Lust auf Fußball hat?
Hummels: Samstag haben wir alle wieder Lust, aber das Ding tut trotzdem noch ein bisschen weh.
War es trotz des bitteren Ausgangs ein Spiel, auf das man nach der Karriere einmal positiv zurückblicken kann?
Hummels: Auf jeden Fall sind diese Partien Dinge, an die man sich nach der Karriere erinnert. Aber ganz ehrlich: Ich glaube, es wird in zehn Jahren noch wehtun, wenn man sich an das Spiel zurückerinnert.
Im vergangenen Oktober sah es so aus, als könne es eine schwierige Saison für den FC Bayern werden. Nun sind Sie nur hauchzart im Halbfinale gescheitert, gleichzeitig ist das Double noch möglich. Ist die Saison eine gute?
Hummels: Wenn wir das Double holen auf jeden Fall. Wir spielen eine super Saison ohne den besten Torwart der Welt, haben einen Haufen Verletzte, auch heute war das der Fall. Trotzdem haben wir bei einer Mannschaft, bei der nur Carvajal und Isco gefehlt haben, so eine Leistung abgeliefert. Das ist eine Sache, auf die man stolz sein kann und muss, aber es bringt uns nichts.
Hätten Sie den Meistertitel fürs Champions-League-Finale eingetauscht?
Hummels: Das ist eine sehr theoretische Frage. Wenn wir das Champions-League-Finale sicher gewinnen würden, dann würde ich ziemlich vieles gegen den Henkelpott eintauschen.
Muss der FC Bayern jetzt über grundsätzliche Dinge nachdenken?
Hummels: Auf keinen Fall. Es waren ja Millimeter, die gefehlt haben. Wenn Real in drei Jahren vielleicht dreimal die Champions League gewinnt, aber nur einmal den spanischen Pokal holt, sieht man, wie viele Kleinigkeiten an den Pokalwettbewerben dranhängen. Real war gegen Juve fast raus, sie waren jetzt gegen uns fast raus, und trotzdem sind sie verdient im Finale, weil sie dieses Jahr mit Anbeginn der Gruppenphase und auch in jeder Runde danach wirkliche Kracher hatten. Wenn man da immer weiterkommt, muss man das einfach anerkennen.
Drücken Sie im Finale Jürgen Klopp oder Real die Daumen?
Hummels: Ich warte erstmal, bis Kloppo ins Finale kommt.




