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Radja Nainggolan: Belgiens Ninja für das Gleichgewicht

Belgien und Geheimfavorit, man kann es kaum noch lesen. In mindestens jedem zweiten Artikel über die Roten Teufel fällt der Begriff mittlerweile. Einerseits ist Belgien längst kein Geheimfavorit mehr, sondern gewiss ein durchaus aussichtsreicher Kandidat auf dem EM-Titel. Und zum anderen gab es derlei Schlagzeilen schon vor der WM 2014 zuhauf.

Damals reichte es für die Elf von Trainer Marc Wilmots zur Teilnahme am Viertelfinale. Gegen den späteren Vizeweltmeister Argentinien spielte die junge belgische Elf verkrampft und gehemmt. So, als hätte sie Angst vor der eigenen Courage. Am Ende stand eine 0:1-Niederlage. Die Hoffnung ist groß, dass das zwei Jahre später in einem wichtigen Spiel nicht mehr passiert. Das hat zwei Gründen: Zum einem sind die hochveranlagten Youngster reifer geworden und haben in der Zwischenzeit viel internationale Erfahrung gesammelt. Zum anderen ist diesmal Radja Nainggolan dabei.

Der Mittelfeldstar der Roma zählte auch 2014 zum vorläufigen Wilmots-Kader, wurde dann für das finale Aufgebot aber ausgesiebt. Diesmal, nach einer bärenstarken Saison in der Serie A TIM, ist der Mittelfeldkrieger mit dem blonden Irokesenschnitt und den 50 Tattoos dabei. Und das gewiss nicht als Tourist, sondern als Chef und Abräumer in der Zentrale.

"Wir müssen die Balance finden"

Dabei fällt dem 28-Jährigen eine Schlüsselrolle zu. Er soll, vermutlich mit Partner Axel Witsel, für das Gleichgewicht zwischen Abwehr und Angriff bei den Belgiern sorgen. Mit Eden Hazard, Kevin De Bruyne, Dries Mertens und Romelu Lukaku verfügt die Mannschaft über eine der furchterregendsten Offensiven des Turniers.

Weil es aber nicht nur über Spektakel geht, sondern auch die Rückwärtsbewegung stimmen muss, ist Nainggolan in den vergangenen Monaten so wichtig geworden. In neun von zehn EM-Qualifikationsspielen stand er in der Startelf und erzielte dabei zwei Tore.

Als er sich im Mai eine Wadenverletzung zuzog und zwei Wochen lang zwangspausieren musste, waren das keine guten Nachrichten für Wilmots. Der Nationaltrainer erklärte damals: "Es ist wichtig, dass wir unser defensives Umschaltspiel im Auge behalten. Spieler wie er arbeiten so bereits in ihren Vereinen, es liegt in ihrer DNA. Offensive Spieler machen das nicht automatisch. Wir müssen eine Balance finden."

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Nainggolan hat mittlerweile 18 Länderspiele absolviert Seit elf Jahren spielt er mittlerweile in Italien. Erst bei Piacenza, dann in Cagliari und nun bei der Roma. Taktisch ist er dadurch bestens geschult. Er ist auf dem Rasen ein lautstarker Taktgeber in der Zentrale. Einer, den man auf der Insel als "Box-to-Box-Player" beschreiben würde. Im zentralen Mittelfeld ist er zuhause, kann aber auch den Spielmacher geben oder den ersten Abräumer vor der Viererkette. Der neue Roma-Trainer Luciano Spalletti setzte ihn meist offensiver ein, als es Rudi Garcia zuvor getan hatte.

Er ist ein giftiger, nimmermüder Zweikämpfer mit ordentlicher Spieleröffnung und vorzüglichem Passspiel, der zudem an seiner Torgefahr gearbeitet hat. Sechs Treffer markierte er in der vergangenen Saison für die Roma in der Liga, ein persönlicher Bestwert. Er neigt zur Übermotivation und Kurzschlusshandlungen, hatte dies aber zuletzt besser im Griff. Sein Spitzname "Ninja" kommt jedenfalls nicht von ungefähr. Abseits des Rasens genießt der Vater einer vierjährigen Tochter das Leben und setzt sich unter anderem für die Rechte Homosexueller ein.

Verhandlungen könnten sich bis zum Ende der Transferperiode ziehen

Sein sportliches Gesamtpaket hat Begehrlichkeiten geweckt. Ganz besonders bei einem: seinem Gegner vom Montagabend. Italiens Nationaltrainer Antonio Conte will Nainggolan zum EM-Auftakt stoppen und ihn anschließend mit zum FC Chelsea nehmen. Die Verhandlungen laufen seit Wochen, ihr Ausgang ist ungewiss. Nainggolan bekannte sich zuletzt zwar mehrfach zur Roma, bei der er noch bis 2020 unter Vertrag steht, ließ sich aber stets noch eine Hintertür offen.

Nizaar Kinsella ist Chelsea-Korrespondent bei Goal. Er sagt: "Das könnte einer dieser Transfers werden, die sich über den gesamten Sommer hinziehen und bei dem er am Ende kurz vor dem Schließen des Fensters unterschreibt. Er ist Chelseas Transferziel Nummer eins und wir wissen, dass Conte Chelsea gebeten hat, seiner Verpflichtung Priorität einzuräumen."

Chelsea hofft, ihn für etwa 30 Millionen Euro verpflichten zu können. Angesichts des bevorstehenden Wechsels von Roma-Star Miralem Pjanic zu Juventus Turin dürften die Giallorossi ihre Forderung für Nainggolan allerdings nochmals nach oben schrauben. Sein Abgang wäre den Tifosi zudem nur schwer zu vermitteln. Dem 28-Jährigen selbst winkt eine Verdreifachung seines Gehalts, das aktuell rund 1,8 Millionen Euro betragen soll.

All das soll für Nainggolan aktuell aber keine Bedeutung haben. Ihm geht es nur darum, mit Belgien bei der EM Erfolg zu haben. Doch auch in Reihen der Nationalelf lässt ihn das Thema Vereinswechsel nicht los. "Thibaut Courtois und Eden Hazard (Spieler des FC Chelsea, Anm. d. Red.) haben mich schon gedrängt, zu Chelsea zu wechseln. Aber einen möglicher Transfer habe ich nicht im Kopf. Ich konzentriere mich allein auf die kommenden Wochen und dann sehen wir, was passiert", verriet Nainggolan.

Er ergänzte: "Ich habe mich mit Antonio Conte getroffen. Ich weiß, dass er mich schon damals zu Juventus holen wollte. Er hat mir erklärt, für welche Art Spieler er mich hält, welche Rolle ich unter ihm einnehmen könnte und dass er mich noch immer will."

Am Abend in Lyon (21 Uhr im LIVE-TICKER) kann Conte sich noch einmal aus nächster Nähe von den Qualitäten seines Wunschspielers überzeugen. Und Nainggolan mit einer starken Leistung gegen den Vize-Europameister dafür sorgen, dass das Etikett des "Geheimfavoriten" den Belgiern nicht mehr anhaftet.

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