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Portugals EM-Triumph: Aus tragisch wird magisch

Es lief die achte Spielminute im EM-Finale zwischen Gastgeber Frankreich und Portugal. Eigentlich war es eine unscheinbare Szene, direkt an der Mittellinie. Doch es sollte die Szene werden, die das Grundgerüst für die Geschichte dieses denkwürdigen Endspiels von Paris bilden sollte. Zunächst - und das werden auf sicher nicht nur die portugiesischen Anhänger so empfunden haben - auf äußerst tragische Art und Weise.

Dimitri Payet, der große Star der Vorrunde, war es, der unglücklich in einen Zweikampf mit Portugals Superstar Cristiano Ronaldo ging. Böse rutschte er dem 31-Jährigen ins Knie, der blieb mit schmerzverzerrtem Gesicht liegen. Nach kurzer Behandlung rappelte sich Ronaldo jedoch auf, kehrte auf den Rasen zurück, biss mit dem unbändigen Willen, sein Team nicht im Stich zu lassen, auf die Zähne.

Nach 25 Minuten musste aber auch Ronaldo einsehen, dass es für ihn nicht mehr weiter geht. Zu stark waren die Schmerzen, offenbar zu schwerwiegend die Verletzung. Unter Tränen saß CR7 zunächst auf dem Rasen, selbst Paul Pogba hatte Mitleid und kam, um zu trösten. Dann war es Gewissheit: Portugal muss das Unternehmen EM-Titel ohne seinen wichtigsten Spieler fortführen.

Das taten die Iberer zunächst so, wie sie auch in den sonstigen Spielen des Turniers aufgetreten waren. Defensiv gut organisiert, kompakt stehend. Nach vorne aber ohne die rechte Durchschlagskraft. Frankreich, angetrieben von einem überragenden Moussa Sissoko als Mittelfeldmotor, war über weite Strecken das deutlich aktivere Team.

Großchancen gingen vorerst jedenfalls nur auf das Konto der Equipe Tricolore. Antoine Griezmann scheiterte per Kopf zunächst am glänzend reagierenden Rui Patricio (10.), später fehlte dem Torschützenkönig des Turniers das nötige Zielwasser (66.). Auch als neutraler Zuschauer war man bei jenen Aktionen geneigt, den Blick auf die Bank zu richten.

Was macht Ronaldo? Wäre das bitter für ihn, der seit dem verlorenen EM-Finale gegen Griechenland 2004 im eigenen Land auf diese erneute Chance hingefiebert hatte, mit seiner Landesauswahl eine bedeutende Trophäe zu gewinnen. Ohne Einfluss nehmen zu können, saß er fingernägelkauend draußen, das Knie breit bandagiert, inzwischen in Turnschuhen.

Unfreiwillig spielte er irgendwie weiterhin die Hauptrolle, obwohl er gar nicht direkt beteiligt war. Und, obwohl die, die auf dem Platz standen, ein durchaus ansehnliches Endspiel lieferten. Die Franzosen waren dabei bereits ganz nah am großen Coup. Zunächst hielt Patricio, einer von Portugals drei schillernden Figuren an diesem Abend, erneut herausragend, diesmal gegen einen Abschluss von Olivier Giroud. In der Nachspielzeit traf dann Andre-Pierre Gignac nur den Pfosten.

Les Bleus am Boden

Bei allem Trubel um Ronaldo darf man auch die tiefe Trauer bei der Grande Nation nicht vergessen. Die Elf von Didier Deschamps hatte in der regulären Spielzeit deutlich mehr und weitaus klarere Torgelegenheiten. Umso bitterer, dass die so heiß herbeigesehnte Sause vor heimischem Publikum am Ende ausblieb. "Die Enttäuschung ist enorm. Wir haben eine große Chance ausgelassen", rang Deschamps um Fassung. "Es gibt keine Worte, um dieses Gefühl zu beschreiben. Man braucht Zeit, dies zu verdauen."

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Bitter enttäuscht sanken Pogba, Griezmann und Co., die in der Verlängerung schließlich kaum noch Gefahr ausstrahlten, nach Abpfiff zu Boden. Sie waren zu Unrecht zu Nebendarstellern verdammt, die Augen richteten sich spätestens ab der 109. Minute eigentlich nur noch auf Ronaldo. Dass ausgerechnet Eder das goldene Tor für die Portugiesen erzielte, passt in das schicksalhafte Bild dieses Abends im Stade de France.

Energisch setzte sich der Joker, der ohne Ronaldos Verletzung womöglich gar nicht zum Einsatz gekommen wäre, durch, schloss aus rund 25 Metern trocken ab. Der Ball schlug genau im Eck ein, die Ekstase auf portugiesischer Seite kannte keine Grenzen mehr. Und Ronaldo? Der hatte im Moment des Torjubels erneut Tränen in den Augen - diesmal jedoch vor Glück.

Die längsten zehn Minuten ...

Es begannen die vermutlich längsten gut zehn Minuten im Leben des CR7. Wie von der Tarantel gestochen sprang, ja eher humpelte er die Seitenlinie auf und ab. Und man konnte beinahe den Eindruck gewinnen, dass nicht Fernando Santos, sondern Cristiano Ronaldo diese portugiesische Mannschaft trainieren würde.

Bei jeder kleinen Unterbrechung nahm er sich seine Mitspieler zur Brust, pushte sie. Er war Mitglied der Elf, die innerhalb der Spielfeldbegrenzungen ihr letztes Hemd gab. Er tat selbiges, nur eben auf andere Art und Weise. Und je mehr die Uhr der 120-Minuten-Marke entgegen tickte, wurde aus der Tragik, mit der dieser Abend begonnen hatte, eine Magie.

Eine, die letztlich vielleicht sogar den Unterschied ausmachte. Das, was die Portugiesen ohne ihren Superstar leisteten, darf dadurch aber keineswegs geschmälert werden. Denn die Renato Sanches', die Nanis, die Raphael Guerreiros, die Patricios setzten die Entschlossenheit um, die ihr Kapitän ihnen vorlebte.

"Cristiano hat mir gesagt, dass ich das Siegtor erzielen werde", verriet Eder im Freudentaumel. "Er hat mir Kraft und positive Energie gegeben." In einem nervenaufreibenden Finish brachte Portugal den Triumph letztlich über die Zeit. Als Schiedsrichter Mark Clattenburg dann zur Pfeife griff, waren alle Augen auf Ronaldo gerichtet.

Zwischen ungläubig, stolz, erleichtert und überglücklich schwankte das, was dessen Gesichtszüge in diesem Moment widerspiegelten. Und das blieb irgendwie so. Bis er, dessen Abend früh schon gelaufen schien, als Erster den Pokal in den Nachthimmel reckte. Magisch.

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