Nur zwei Treffer hat Polen in der EM-Vorrunde erzielt. Und dass Robert Lewandowski dann nicht einmal unter den Schützen ist, hätte vor dem Turnier wohl kaum jemand gedacht. Doch Torgefahr war in Frankreich bisher nicht das Ding des Bundesliga-Torschützenkönigs. Überraschenderweise, ja. Sein Wert für das Team ist aber dennoch enorm.
Den Zahlen zufolge, die bei der Bewertung eines Stürmers immer als erstes ins Auge fallen, ist die Kritik, die sich Lewandowski medial vereinzelt anhören muss, zunächst einmal gerechtfertigt. Vier Schüsse hat der Bayern-Star bei der EM bisher erst abgegeben. Im Spiel gegen Deutschland etwa war er einer eigenen torgefährlichen Aktion am nächsten, als Jerome Boateng ihn mit einer Monstergrätsche noch entscheidend am Abschluss hinderte.
Durchschlagskraft im Angriffsdrittel war von Lewandowski aber nicht zu sehen. Nicht gegen Deutschland, kaum gegen Nordirland oder die Ukraine. Seine Auftritte deshalb negativ zu bewerten, wäre aber nicht fair. Das zeigt sich bei einem tieferen Blick ins Detail.
Alle Augen auf Lewy
Lewandowski hat im 4-4-2-System der Polen eine andere Rolle als etwa in München. Er ist nicht der Stoßstürmer, der im Strafraum lauert. Diesen Part erfüllt eher Offensiv-Partner Arkadiusz Milik, der - weil sich alles auf Superstar Lewandowski konzentriert - ohnehin automatisch mehr Freiheiten bekommt. "Manchmal habe ich zwei, drei Spieler an mir dran, die ziehe ich mit und dann hat ein Mitspieler freie Bahn und kann ein Tor schießen", erklärte Lewandowski nach dem 1:0 im letzten Gruppenspiel gegen die Ukraine.
Zahlen, die die Aufgabenverteilung in Polens Sturm belegen: Milik hatte bis dato 14 Ballaktionen im gegnerischen Sechszehner, Lewandowski lediglich fünf. Stets ein Gefahrenherd zu sein, ist so nur schwer möglich.

Lewandowski muss im polnischen Spiel mehrere Aufgaben gleichzeitig bewältigen, eine Art Spielmacher geben, der sich zurückfallen lässt, die Bälle festmacht und auf die schnellen Außenspieler verteilt. Ein Zehner im klassischen Sinne fehlt den Polen nämlich. Nicht optimal für Lewandowski, der deshalb nur selten dort auftaucht, wo er eigentlich am stärksten ist - im Strafraum.
Hinzu kommt, dass der 27-Jährige enorm viel Defensivarbeit leistet, sich aufreibt, schon früh gegnerische Angriffe stört und keinen Zweikampf scheut. Deren 44 absolvierte Lewandowski bisher, nach Mittelfeld-Organisator Grzegorz Krychowiak (46) die meisten bei den Polen. Dass die Mannschaft von Trainer Adam Nawalka in den drei Vorrunden-Partien kein einziges Gegentor kassierte, ist damit unter anderem auch ein Verdienst Lewandowskis.
Trainer als Prophet?
Der Coach weiß ohnehin um den enormen Wert seines zweifelsfrei besten Spielers. Trotz Torflaute. "In allen Bereichen des Spiels", habe Lewandowski etwa gegen die Ukraine gefightet, betonte Nawalka. "Er hat den größten Einfluss darauf, wie wir spielen."
Lewandowski ist und bleibt also die absolute Schlüsselfigur der Polen - auch im Achtelfinale am Samstag (15 Uhr im LIVE-TICKER) gegen die Schweiz. "Ich bin der Kapitän der polnischen Nationalmannschaft und für mich ist das Wichtigste, was wir mit der ganzen Mannschaft machen und nicht ich individuell", unterstrich er nach erfolgreicher Qualifikation für die K.o.-Phase.
Und sein Trainer ist überzeugt, dass es nur "eine Frage der Zeit" sei, bis Lewandowski wieder das tut, was er am besten kann. "Ich denke, er wird im nächsten Spiel treffen", kündigte Nawalka an.
