HINTERGRUND
Als wäre nichts weiter dabei springt Kamil Grabara ab, steht in der Luft und wehrt den wuchtigen Abschluss von Everton-Angreifer Fraser Hornby zur Ecke ab. Eine überragende Parade, ein Reflex von einem künftigen Großen! Wenig später schließt Duke McKenna aus kurzer Distanz ab, wieder pariert Grabara, wieder ist es eine tolle Parade. Am Ende gewinnt der FC Liverpool mit 3:1. Und U18-Trainer und Vereinslegende Steven Gerrard weiß ganz genau, was für ein Juwel zwischen den Pfosten steht.
Goldjungs? Das Polens größte Torhütertalente
"Bei ihm sieht es so leicht aus", sagte Gerrard nach dem 4:1-Sieg in der Youth League gegen Maribor. Grabara, da sind sie sich alle einig, hat das Zeug dazu, die Nummer Eins zwischen den Pfosten des FC Liverpool zu werden. Schließlich ist er eines der größten Talente Europas. Dass er auch in der polnischen Nationalmannschaft in Zukunft mit der Nummer eins aufläuft, ist dagegen mehr als unsicher. Und das, obwohl einige der Arrivierten zwischen den Pfosten wie Wojciech Szczesny (27), Lukasz Fabianski (32) oder Artur Boruc (37) schon zu den alten Eisen gehören. Der Grund: Neben Grabara hat Polen eine ganze Armada an unfassbar talentierten Torhütern. Ein echtes Luxus-Problem!
Chelsea, Liverpool, Ajax, Leverkusen
Alleine elf Keeper, die jünger als 21 Jahre sind, spielen bei einem der europäischen Klubs, die bekannt für gute Jugendarbeit sind. Neben Grabara sind das etwa Marcin Bulka (18, FC Chelsea), Pawel Sokol (17, Manchester City), Mateusz Gorski (17, Ajax Amsterdam), Bartlomiej Zynel (19, RB Salzburg), Bartlomiej Dragowski (20, AC Florenz) oder Tomasz Kucz (18, Leverkusen). Und das ist nur die Spitze des Eisbergs. Schließlich spielen auch in der Heimat einige Talente mit großen Fähigkeiten zwischen den Pfosten. Radoslaw Majecki (18, Stal Mielec), Adam Wilk (20, Cracovia Krakau), Mateusz Kochalski (17, Legia Warschau) oder Bartosz Przybysz (Lech Posen) wären hier zu nennen.
Was machen die 50 größten Talente von 2007 heute?
Und die Vielzahl an Juwelen hat es durchaus in sich. So bezahlten die Reds 330.000 Euro für Grabara, Sokol wurde auch vom FC Barcelona umworben und Bulka trainiert bereits an der Seite von Thibaut Courtois. War die aktuelle Generation um Fabianski, Szczesny, Boruc oder auch Przemyslaw Tyton schon eine besondere, stellt die kommende sie locker in den Schatten.
Kooperation mit dem DFB
Ein gewichtiger Grund für die goldene Torhüter-Generation führt nach Deutschland. 2012 unterzeichneten der DFB und der polnische Fußballverband ein Memorandum of Understanding. Dieser Kooperationsvertrag beinhaltet, wie der DFB mitteilte, den Austausch von Mannschaften, Trainern und Administratoren beider Nationalverbände. Weiter heißt es: Auch auf Landesverbandsebene arbeiten Polen und Deutschland zusammen. "Seit 2005 pflegt der Niedersächsische Fußball-Verband (NFV) eine Kooperation mit dem zweitgrößten polnischen Fußball-Regionalverband, dem in Poznan ansässigen Großpolnischen Fußballverband (WZPN). Im Rahmen dieser Vereinbarung werden polnische Trainer für den Breitenfußball ausgebildet. In insgesamt 80 Unterrichtseinheiten erwerben die Übungsleiter die UEFA-B-Lizenz. "
Die Folgen liegen auf der Hand. Moderne Ausbildungs-Inhalte finden ihren Weg in die polnischen Klubs. In die großen wie Legia, aber auch in kleinere und aufgeschlossene wie Bialystok oder Kielce. Talente gab es in Polen immer, an taktischen Fortschritten und Weiterentwicklungen mangelte es aber lange. So hinkte man auf nationaler Ebene oft hinterher, trotz guter Einzelspieler. Gerade auf der Torhüter-Position ist eine gute und moderne Ausbildung elementar. Und da ist eine Orientierung und permanentes Lernen an und vom deutschen Nachbarn von unschätzbarem Vorteil. Wohl kein Land der Welt ist weiter, was den Bereich Torhüter angeht. Manuel Neuer und Marc-Andre ter Stegen gelten als Premium-Produkte der neuartigen Schule.
ImagoKamil Grabara vom FC Liverpool gilt als eines der größten polnischen Talente überhaupt
Diamanten-Schleifen im Ausland
Augenmerk auf schnelles Umschalten, die Technik der Nachwuchs-Schlussmänner, Stellungsspiel oder auch die Förderung vom Treffen schneller Entscheidungen. Polen ist fortschrittlich vorangegangen in puncto Fortbildung – und erntet jetzt die Früchte. Denn die Reihe an Talenten ist nicht nur sehr talentiert, sondern eben auch sehr gut ausgebildet. Ein Umstand, der jetzt in den Nachwuchs-Akademien weiter verfeinert wird und die Chance erhöht, dass die Jungen den nächsten Schritt machen.
Die 100 wertvollsten Fußballer der Welt
So lernt Sokol bei den Citizens unter dem als herausragend geltenden Xabi Mancisidor, Grabara vom Niederländer John Achterberg und Gorski von Ajax-Coach Carlo D'Ami. Hinzu kommt selbstredend das Training mit den Profis. Mit Courtois, Bernd Leno oder Ederson. Die ungeschliffenen Diamanten werden in den Schmieden ihrer Klubs täglich bearbeitet, einige glänzen schon. So wie Grabara, den Gerrard als "herausragendes Talent" bezeichnete.
Er ist die Speerspitze einer Reihe von jungen Fußballern, die bei den Bialo-Czerwoni Hoffnung machen. Gemeinsam mit weiteren Talenten wie Napolis Piotr Zielinski oder Sampdorias Karol Linetty soll es in Zukunft voran gehen. Nach dem EM-Viertelfinale 2016 hat man sich ohne große Schwierigkeiten für die WM-Endrunde in Russland qualifiziert.
Weit vor England oder Portugal
"Es braucht nach der Generation um Robert Lewandowski in Zukunft Generationen, die nicht von einem Star leben, sondern in der Breite gut ausgebildet sind", forderte Franciszek Smuda bereits 2011, kurz vor der Heim-EM. Und zumindest auf der Torhüter-Position gibt es im Jahr 2018, gut sechs Jahre später, kaum ein Land, das breiter aufgestellt ist. Im Gegenteil: Länder wie England, Argentinien, die Niederlande oder auch Portugal, Kolumbien und Schweden haben aktuell Probleme auf der Position zwischen den Pfosten. So ist es alles andere als verwunderlich, dass in den U18- und U23-Teams der englischen Erstligisten zusammen fast 40 Nicht-Engländer spielen. Dass davon zehn Prozent Polen sind, ebenfalls.
Und so kann es sein, dass in einigen Jahren nicht Kamil Grabara, dieses große Talent, zwischen den Pfosten beim FC Liverpool steht, sondern einer der anderen aus Polens Goldener Torhüter-Generation – denn während sich Grabara, Sokol und die anderen einen Namen machen, werden in Polens Torhüter-Fabrik weitere Talente produziert. Bereit, Polens Status als Torhüter-Exportland der Extraklasse zu festigen.
