GFX Pizarro Stats

"Piza-Express" und Rekordmann: Ciao, Claudio Pizarro!

17 Jahre deutsches Oberhaus hat Claudio Pizarro in den Knochen. Zwei Engagements beim FC Bayern, sogar drei bei Werder Bremen. Fast seine gesamte Karriere verbrachte der Peruaner in der Bundesliga. Sie formte ihn, er gab ihr und ihren Fans viel zurück. Nur kurz war er zwischendrin weg, spielte in der Saison 2007/2008 ohne durchschlagenden Erfolg beim FC Chelsea.

Erlebe die Bundesliga-Highlights auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

Nun, mit 38 Jahren, ist dann vermutlich endgültig alles vorbei. Sein Vertrag bei Werder, seinem Herzensklub, seiner zweiten Heimat, wo er 2015 nach seinem Abschied aus München abermals unterkam, lief am 30. Juni aus. Und wurde, nachdem der Altstar in der abgelaufenen Saison nur noch Teilzeitkraft war, nicht verlängert.

Der neunminütige Kurzeinsatz beim 3:4 gegen Köln am 5. Mai, sein 430. Spiel in der deutschen Eliteklasse, dürfte also der letzte Bundesliga-Auftritt Pizarros gewesen sein. "Wir haben viele verschiedene Aspekte in unsere Entscheidung einfließen lassen", erklärte Bremens Sportchef Frank Baumann. "Aufgrund der großen Konkurrenzsituation im Angriff und der jungen Talente, deren Entwicklung wir nicht blockieren möchten, haben wir uns dazu entschieden, den Vertrag mit Claudio nicht zu verlängern.“

Worte, die irgendwie viel zu nüchtern klingen für den Abschied einer Legende. Einem der besten ausländischen Spieler, die je in Deutschland Fußball gespielt haben. 191 Bundesliga-Tore hat Pizarro in seiner so langen und so ruhmreichen Laufbahn erzielt. Mehr als jeder andere ausländische Torjäger jemals. Klar, Bayerns Robert Lewandowski, der aktuell bei 151 Treffern steht, könnte irgendwann vorbeiziehen. Pizarros Vermächtnis wird dennoch ewig währen.

GFX Pizarro Stats

"Es war mir immer eine große Ehre, das Trikot des SV Werder Bremen zu tragen. Der Verein, die Stadt und die Fans werden immer einen besonderen Platz in meinem Herzen haben", sagte Pizarro, dem Werder ein Abschiedsspiel garantierte. "Ich hätte gerne noch weiter für Werder gespielt, aber ich akzeptiere die Entscheidung des Vereins", fügte der Peruaner an.

Ob er seine Fußballschuhe an den Nagel hängt oder doch noch einmal irgendwo weiter macht, ist noch offen. 2015, als er nach dem Vertragsende in München seine Optionen sondierte, hatte Pizarro gesagt: "Die USA oder in der Wüste zu spielen, ist auch eine Möglichkeit."

Im kühlen Norden, in Bremen, wird man "Piza" jedenfalls vermissen. Dort, wo der leichtlebige Gefühlsmensch aus Südamerika auf den ersten Blick einst vollkommen fehl am Platz schien. Dennoch ging Werder im Sommer 1999 das Risiko ein.

Pizarros Blitzstart mit lupenreinem Hattrick

Umgerechnet etwa 1,5 Millionen Euro überwiesen die Grün-Weißen damals an den peruanischen Top-Klub Alianza Lima. Im Gegenzug erhielten sie einen 20-jährigen, hoch talentierten und technisch versierten Mittelstürmer, erhofften sich Tore am Fließband. Die Skepsis war allerdings groß. Wie findet sich der blutjunge Angreifer knapp 11.000 Kilometer Luftlinie fernab der Heimat zurecht? Stemmt er die Last der Erwartungen? Oder zerbricht er daran und wird zum Flop?

Letzteres war überraschend schnell kein Thema mehr. Gleich in seinem zweiten Bundesliga-Einsatz gegen Kaiserslautern feierte Pizarro Tor-Premiere, eine Woche später, bei Werders 7:2-Erfolg in Wolfsburg, erzielte er gar einen lupenreinen Hattrick innerhalb von 37 Minuten. So wurde er in Windeseile zu Bremens neuem Superstar, war während seiner gesamten ersten Saison Stammspieler, schloss sie mit zehn Treffern ab und erreichte mit Werder das DFB-Pokalfinale gegen Bayern (0:3).

Claudio Pizarro Werder Bremen Bundesliga 17022001Imago

In der darauf folgenden Spielzeit 2000/2001 setzte der Peruaner noch einen drauf. Highlight auf Highlight servierte er den Anhängern, die aufgrund seiner Trefferquote den Spitznamen "Piza-Express" aus der Taufe hoben. Besonders schön netzte Pizarro am 17. Februar 2001 im Heimspiel gegen Schalke ein, als er einen langen Ball in vollem Lauf aus der Luft annahm und ihn mit dem zweiten Kontakt über S04-Keeper Oliver Reck lupfte, ohne dass die Kugel zuvor den Boden berührte. Wenig später wurde er dafür als Torschütze des Monats ausgezeichnet, rangierte am Saisonende mit 19 Buden auf Rang drei der Torjägerliste.

Kein Wunder, dass Branchenprimus FC Bayern nach zwei konstant guten Jahren in Bremen zuschlug. Für rund acht Millionen Euro wechselte Pizarro zum seinerzeit amtierenden Champions-League-Sieger, war in der Folge sechs Jahre lang ein Fixpunkt im Kader des deutschen Rekordmeisters. Bis auf seine vorerst letzte Saison 2006/07 stand stets eine zweistellige Zahl in seiner Tor-Bilanz, in den ersten Jahren bildete er gemeinsam mit Giovane Elber ein unwiderstehliches Südamerika-Sturmduo.

Pizarro, der bodenständige Dauer-Grinser

Überdies avancierte er auch in der bayrischen Landeshauptstadt zum Pubikumsliebling. Mit seiner fröhlichen Art, dem Dauerlächeln im Gesicht und seiner Bodenständigkeit. Menschliche Qualitäten, die ihn in seiner zweiten Zeit bei den Bayern, die 2012 begann und 2015 endete, zu einem wichtigen Bestandteil der Mannschaft machten. Er sorgte für gute Laune, murrte nie über seine Rolle als Edelreservist. Dazu war er als deutsch-sprechender spanischer Muttersprachler eine willkommene Hilfe für Pep Guardiola in dessen ersten Monaten, erleichterte dem neuen Coach den Einstieg. Und auch sportlich präsentierte er sich, wenn er gebraucht wurde, stets zuverlässig. 

In punkto Bundesliga-Spielen hat Pizarro schon seit September 2012 die alleinige Bestmarke aller Profis aus fremden Ländern inne. Den geschichtlich noch etwas bedeutsameren Rekord stellte er indes während seines zweiten Kapitels in Bremen auf.

Zur Saison 2008/09 war er nach einjährigem Gastspiel bei Chelsea unter großer Fan-Euphorie an die Weser zurückgekehrt, stand wieder unter den Fittichen seines Mentors Thomas Schaaf. In vier Spielzeiten kam Pizarro noch einmal auf beeindruckende 60 Liga-Tore für Werder, leistete dabei am 23. Oktober 2010 Historisches, als er den 4:1-Siegtreffer gegen Gladbach erzielte. Es war sein 134. Bundesliga-Tor. Und eines, das ihn im Ranking der besten ausländischen Goalgetter der Bundesliga-Geschichte vor Ex-Kollege Giovane Elber an die Spitze bugsierte. "Der Rekord bedeutet mir sehr viel. In Peru haben alle gejubelt", drückte Pizarro im Anschluss seinen Stolz aus.

Es wurden noch deutlich mehr Jubler, insgesamt 191 Treffer. 191! Lediglich vier Spieler - Gerd Müller, Klaus Fischer, Jupp Heynckes und Manni Burgsmüller - haben es in der inzwischen fast 45-jährigen Geschichte der Bundesliga bisher geschafft, häufiger das Netz zum Zappeln zu bringen. Die vergangene Saison war dabei nicht mehr die des vermeintlich immerjungen Strahlemannes. Nur ein Treffer stand letztlich zu Buche, vor allem gegen Ende war er nur noch Joker.

2015/16 war das noch anders. Da wäre Werder ohne den Altmeister wohl abgestiegen. 14 Tore gelangen Pizarro, er entschied Spiele wie das 4:1 in Leverkusen im März 2016 im Alleingang, sicherte Punkte en masse. Vor allem dank ihm hielt Bremen seinerzeit die Klasse, blieb in der Bundesliga.

In jener Liga, die den kaltschnäuzigen Angreifer, der sich vor beinahe 18 Jahren anschickte, den deutschen Fußball zu erobern, vermissen wird. Wenn er, der mit Bayern sechs deutsche Meisterschaften bejubeln durfte, als Spieler deutscher Klubs insgesamt 15 bedeutende Trophäen sammelte, nicht vielleicht doch noch einmal bei einem anderen Verein in der Bundesliga auftaucht. Werder wird es diesmal zwar sicher nicht, Bayern auch nicht. Aber man weiß ja nie. Vor allem bei Claudio Pizarro.

Werbung
0