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Philipp Lahm: Der Fußballroboter sagt Servus


HINTERGRUND

Am Ende musste sich Carlo Ancelotti geschlagen geben. Tag für Tag hatte der Trainer des FC Bayern München versucht, seinen Kapitän doch noch umzustimmen. Ihn irgendwie davon zu überzeugen, doch weiterzumachen. Wirklich alles habe der Italiener gegeben, bestätigte Philipp Lahm, doch die Versuche waren vergeblich. Lahm hatte sich alles längst reiflich überlegt, so wie er es immer tut. Am Samstag wird er seine herausragende Karriere beenden.

FC Bayern: Die besten Zitate über Philipp Lahm

Für Lahm sind in diesen Tagen viele Dinge speziell, all jene, die jahrelang selbstverständlich waren. Die Fahrt mit dem Auto zur Säbener Straße, das Begrüßen der Teamkollegen, das Umziehen in der Kabine und der Weg auf den Trainingsplatz. Auch der Gang in den kleinen, fensterlosen Presseraum, ins Mediencenter des deutschen Rekordmeisters, zählt dazu. Am Donnerstag bestieg er ein letztes Mal das Podium.

"Es geht dem Ende entgegen", befand Lahm gleich zu Beginn seiner letzten Pressekonferenz als Aktiver, und hob kurz darauf jene Leute hervor, die so manch anderer Spieler in diesem Moment wohl vergessen hätte. Die Mitarbeiter, die Betreuer und die Fans. Das Team hinter dem Team und seinen A-Jugendtrainer Kurt Niedermayer.

Philipp Lahm: Mein schlechtestes Spiel und mein Lieblingsgegner

Lahm blickte zurück, er reflektierte und scherzte. Er bestätigte, dass sich bereits Optionen aufgetan hätten, seine Laufbahn bei einem Amateurverein fortzuführen. Beim FT Gern, "bei mir vor der Haustür", zum Beispiel, oder bei einem Klub am Tegernsee. "Erstmal", sagte Lahm jedoch, "will ich Abstand gewinnen von 22 Jahren beim FC Bayern mit einer kurzen Auszeit in Stuttgart." Er wolle andere Dinge, andere Leute kennenlernen, Zeit mit der Familie verbringen. "Ich lebe schon so viele Jahre nach einem vorgegebenen Plan, da wird mir in Sachen Zeitmanagement künftig alles etwas leichter fallen."

Was in der Zukunft passieren wird, das wisse er nicht, erklärte Lahm und umschiffte damit die Antwort auf die konkrete Frage, ob er bald als Funktionär an gleicher Stelle sitzen werde. Auch ein mögliches Engagement als Hobbykicker wollte er weder bestätigen noch dementieren. "Ich war ein leidenschaftlicher Fußballer und liebe diesen Sport. Deshalb kann ich es nicht ausschließen, dass ich irgendwann doch nochmal meine Fußballschuhe anziehe."

Der Kapitän sagt Servus - Philipp Lahms unglaubliche Karriere

Aktuell aber empfinde er einzig große Vorfreude. Vorfreude auf sein 517. und letztes Pflichtspiel für den FC Bayern. "Die Wehmut, etwas nicht mehr zu haben, was einem viele Jahre lang großen Spaß gemacht hat, wird erst später kommen", vermutete Lahm. In einigen Wochen, Monaten oder Jahren. Dann nämlich wird der 33-Jährige vielleicht tatsächlich melancholisch auf seine Karriere zurückblicken, wahrscheinlich aber auch voller Stolz. 

Lahm? "Überragend, Weltklasse, intelligent"

Lahm ist einer der erfolgreichsten deutschen Spieler der Geschichte. Seine beeindruckende Bilanz: Acht Deutsche Meisterschaften, sechs DFB-Pokalsiege, ein Triumph in der Champions League, Weltmeister 2014. Fipsi hat fast alles erreicht.

Er ist jemand, der immer einen Plan hat. Auf dem Platz findet er Lösungen, wo andere keine sehen. Mit seinen kleinen Schritten und seiner engen Ballführung schlägt er feine Haken, die nächste Aktion stets im Hinterkopf. Lahm hat den Fußball bis ins letzte Detail verstanden, ist ein perfekter Pass- und Positionsspieler, ein Gamereader. 

Als Rechtsverteidiger war er eine Institution, über viele Jahre der Beste seines Fachs. Und auch als zentraler Mittelfeldspieler funktionierte er auf allerhöchstem Niveau zuverlässig wie ein Schweizer Uhrwerk. "Er hat in seiner Karriere 70 Prozent der Partien überragend gespielt und die restlichen 30 Prozent Weltklasse", lobte Mehmet Scholl kürzlich. Lahm sei der "intelligenteste Fußballer, den ich je trainieren durfte. Eine absolute Legende", meinte Pep Guardiola. Als Fußballroboter charakterisierte BVB-Trainer Thomas Tuchel den kleinen Münchner treffend. Lahm sei innerhalb von ein paar Wochen "mal eben vom besten Rechtsverteidiger der Welt zum besten Sechser der Welt mutiert."

So verlässlich, so geradlinig und präzise sein Spiel war, so klar waren seine Entscheidungen abseits des Platzes. Für austauschbar, langweilig oder glattgebügelt hielt manch einer seine Aussagen. Und tatsächlich wirken die Worte, die seinen Mund verlassen, immer kalkuliert. Auch dann, wenn er unbequem wird. 

Lahm ist jemand, der auch abseits des Platzes immer einen Plan hat. 2010 etwa kritisierte er in einem SZ-Interview überraschend offen die Philosophie und die Transferpolitik des FC Bayern. Nicht der Verein hatte das Interview wie in der Branche üblich autorisiert, sondern Roman Grill, jener Mann, der Lahm seit Jahren als Berater zur Seite steht. "Nicht klug" sei es gewesen, ein solches Interview zu geben, "bedauern" werde Lahm diese Entscheidung, meinte Uli Hoeneß damals. Lahm wurde eine Geldstrafe aufgedrückt, das hatte er bewusst in Kauf genommen. Und am Ende sollte sich seine Entscheidung doch auszahlen. Es war auch jenes Interview, das Lahms Status als Führungsspieler, als kluger, analytischer Kopf festigte. Bei den Bayern und in der deutschen Nationalmannschaft.

Lahm als Pionier des modernen Fußballs

Lahm ist ein Pionier des modernen deutschen Fußballs. Wie kein anderer steht er für den Wandel vom Lautsprecher zum stillen Anführer, für den Wandel vom wenig durchdachten Hauruck-Gepöle zum taktisch anspruchsvollen Spiel. Im DFB-Team prägte er nach seinem Debüt im Februar 2004 und dem peinlichen EM-Vorrunden-Aus jene erfolgreiche Ära, die Deutschland seit der Heim-WM 2006 bei allen großen Turnieren mindestens ins Halbfinale führte; die im Titelgewinn in Brasilien gipfelte. Beim FC Bayern war er maßgeblich daran beteiligt, dass man sich vom national besten Klub, der an schlechten Tagen aber auch 1:5 gegen den VfL Wolfsburg verlieren konnte, zu einem der besten drei Vereine der Welt entwickelte.

Den einen FCB-Moment wollte Lahm deshalb nicht herauspicken, zu viel hat er dafür mit den Münchnern erlebt. Einige Szenen werden ihm dennoch ganz besonders in Erinnerung bleiben: "Mein erstes Pflichtspiel in der Champions League gegen Lens im Olympiastadion zum Beispiel. Die erste Meisterschaft, der erste Pokalsieg und der Triplegewinn." Emotional sei zudem das verlorene Champions-League-Finale dahoam gewesen, denn "auch Niederlagen gehören dazu". 

Bevor Lahm nun am Samstag zum fünften Mal in Folge als Kapitän die Meisterschale gen Himmel strecken wird, läuft er mit seinen Teamkollegen noch ein allerletztes Mal in der Allianz Arena gegen den SC Freiburg (15.30 Uhr im LIVE-TICKER) auf. Danach wird gefeiert, erst im Stadion und anschließend auf dem Marienplatz. Und dann, ja dann ist es tatsächlich vorbei. Dann ist Lahm Privatier, Fußball-Renter. 

Ob er einen speziellen Wunsch für sein Vermächtnis habe, wurde Lahm noch gefragt, ehe er zum letzten Mal die weiße Eingangstür des kleinen, fensterlosen Presseraums an der Säbener Straße hinter sich zuzog. "Ich hoffe", antwortete er, "dass mich die Fans einfach als guten Fußballspieler in Erinnerung behalten werden, der das ein oder andere Jahr ordentlich Fußball gespielt hat auf sehr, sehr gutem Niveau – nicht mehr und nicht weniger. Denn genau das war ich eigentlich. Würde ich von mir behaupten. Wenn das nicht arrogant klingt."

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