Peter Zeidler im Goal-Interview: "Tuchel sieht Regeln nie als gegeben an"

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Er war Rangnicks Co, trainierte Keita und war Tuchels Zimmergenosse. Im Goal-Interview spricht Zeidler über Mbappe, Sochaux und seinen besonderen Weg.


EXKLUSIV

Peter Zeidler ist in vielerlei Hinsicht ein besonderer Trainer. Er ist nicht nur der einzige deutsche Trainer im französischen Profifußball, sondern blickt auch auf einen Werdegang der etwas anderen Art zurück. Obwohl er nie als Profi aktiv war, wurde er Jugendtrainer beim VfB Stuttgart und arbeitete sich immer weiter nach oben. 

Nach zehn Jahren VfB zog es ihn über Tübingen, Böbingen, Aalen, Nürnberg II und die Stuttgarter Kickers zur TSG 1899 Hoffenheim, wo er als Co-Trainer von Ralf Rangnick Teil der märchenhaften Herbstmeisterschaft war. Nach Stationen beim FC Tours, bei RB Salzburg und dem FC Sion heuerte er im Sommer 2017 beim französischen Traditionsverein FC Sochaux an. 

Im exklusiven Interview mit Goal spricht er über sein besonderes Verhältnis zu Demba Ba, die Genialität von Thomas Tuchel, die Entwicklung des französischen Fußballs und nennt den Akteur, der ihn in all den Jahren am meisten beeindruckte.

Sie waren jahrelang parallel Lehrer und Trainer. Wie haben Sie diese beiden Tätigkeiten vereinbaren können?

Peter Zeidler: Ich habe im Lehrerberuf halbtags gearbeitet. Deshalb hatte ich Zeit, beides unter einen Hut zu bringen. Erst 2008 habe ich mich dann entschieden, mich ganz dem Trainerdasein zu widmen, als ich zu Hoffenheim gewechselt bin. Im Laufe der Zeit wurde meine Arbeit einfach zu zeitintensiv. Im Nachhinein war das die wichtigste Entscheidung meiner Laufbahn. 

Entscheidend für diesen Schritt war Ralf Rangnick, der sie zur TSG mitnahm. Wie haben Sie ihn kennengelernt?

Zeidler: Ich habe Ralf in Seminaren der Trainingslehre kennengelernt, als wir gemeinsam in Stuttgart studiert haben. Damals gab etwa die Handball-Legende Rolf Brack Seminare. Wir hatten uns beide spezialisiert und haben uns damals intensiv ausgetauscht. Über ihn und über Thomas Albeck, den kürzlich verstorbenen Akademie-Chef von RB Leipzig, kam der Kontakt zum VfB Stuttgart zustande. Ich habe dort in der U8 angefangen, war später Trainer der U15 und Co-Trainer in der U19 von Ralf. Insgesamt war ich zehn Jahre Jugendtrainer beim VfB. Damals waren das noch ganz andere Dimensionen: Zu Beginn habe ich 250 Mark Aufwandsentschädigung bekommen. 2008 wollte Ralf mich unbedingt dabei haben und hat mich immer wieder angerufen. Er hat mich dann 2012 auch nach Salzburg geholt. Ich habe aber danach eine neue Herausforderung beim FC Sion gesucht. Dennoch habe ich Ralf unheimlich viel zu verdanken.

Ähnelt Ihre Ansicht von Fußball der von Rangnick?

Zeidler: Natürlich. Ralf und ich hatten schon damals eine ähnliche Auffassung von Fußball und ich konnte einen kleinen Teil dazu beitragen, bei Hoffenheim den Fußball mitzuentwickeln, mit dem wir dann so erfolgreich waren. Mit Carlos Eduardo, Demba Ba oder Chinedu Obasi konnten wir für Furore sorgen, weil unser Ansatz mit blitzartigen Balleroberungen und intensivem Gegenpressing fast revolutionär war.

Peter Zeidler Ralf Rangnick

Ebenfalls als revolutionär gilt Thomas Tuchel. Mit ihm haben Sie sich während der Trainerausbildung ein Zimmer geteilt. Wie haben Sie ihn erlebt?

Zeidler: Thomas ist für mich der vielleicht beste deutsche Trainer, der geniale Züge hat. Er ist ein Querdenker, der weiter denkt als andere. Ich halte mich auch für einen fähigen Trainer, aber Thomas hat Ideen, auf die ich nie kommen würde. Nur ganz wenige haben die Genialität, Dinge zu sehen, die anderen verborgen bleiben. An Thomas hat mir immer das Revolutionäre gefallen, dass er ungeschriebene Regeln im Fußball nie als gegeben ansah. Ich meine nicht nur die Taktik, sondern auch die Pädagogik und seine Mannschaftsführung. Er denkt über die Grenzen des Fußballs hinaus. Das beginnt bei der Ernährung und endet bei der Frage, wie seine Spieler sich als Menschen entwickeln. Es gibt viele gute Trainer, aber nur wenige wie Thomas oder Pep Guardiola, die permanent offen für Neues sind.

Hätte es Sie gereizt, mit ihm zusammenzuarbeiten?

Zeidler: Auf jeden Fall! Und dazu kam es auch fast: Als ich in Hoffenheim und Thomas A-Jugend-Trainer in Mainz war, habe ich ihn Ralf empfohlen und mich dafür eingesetzt, dass er kommt. Er wurde dann auch eingeladen und Hoffenheim wollte ihn unbedingt als Trainer für die zweite Mannschaft holen. Thomas selbst wollte den Wechsel zu Hoffenheim ebenfalls. Da hat sich dann aber Christian Heidel quergestellt und sein Veto eingelegt. Ich nehme an, dass er ihm in Aussicht gestellt hat, eines Tages Trainer der Profis zu werden. Ein halbes Jahr später wurde er dann zum Cheftrainer befördert. Den Rest seines Weges kennen wir.

Ihr eigener Weg führte Sie zum FC Sochaux. Warum fiel Ihre Wahl auf Frankreich?

Zeidler: Meine Liebe zu Frankreich entstand 1982 bei der WM in Spanien. Mit Platini, Giresse, Tigana oder Fernandez spielte die Equipe tollen Fußball und wurde zwei Jahre später dann Europameister. Damals entstand meine Begeisterung für dieses Land. Ich habe außerdem schon immer ein Faible für die französische Sprache und habe diese ja dann auch unterrichtet. 

Was gefällt Ihnen am Leben in Frankreich?

Zeidler: Mir gefällt die Vielfalt des Landes an sich. Berge, Meer, Natur – hier gibt es alles. Ich liebe die Sprache an sich und natürlich auch die Kultur, Literatur, Kino. Ohne in Klischees zu verfallen: Die französische Mentalität gefällt mir sehr, das Leichte, das Leben-und-Leben-lassen. Erst vor ein paar Tagen war ich wieder in Paris – und natürlich ist diese Stadt wunderbar. Letztlich ist es immer wieder die Verbindung aus Land, Sprache und Fußball.

ONLY GERMANY // Peter Zeidler Thomas Tuchel
Peter Zeidler (mittlere Reihe, 4. v. l.) mit Thomas Tuchel (mittlere Reihe, 3. v. l.)

Wie kam die Verbindung zu Sochaux zustande?

Zeidler: In der Schweiz habe ich beim FC Sion eine tolle Erfolgsgeschichte erlebt. Ich habe den Verein im August auf dem letzten Platz übernommen und auf Platz drei sowie ins Pokalfinale geführt. Obwohl ich trotzdem überraschend entlassen wurde, was auch mit einem etwas speziellen Präsidenten zusammenhängt, wurde ich durch meine Erfolge bekannter. Der frühere Manager des FC Sochaux ist Schweizer. So kam der Kontakt zustande. Natürlich half auch meine Arbeit bei RB Salzburg. Der Klub ist durch das Scouting junger Talente aus der Ligue 1 in Frankreich - ob es ein Upamecano, ein Keita oder auch ein Mane ist - inzwischen vielen ein Begriff. 

Wie haben Sie den Klub kennengelernt?

Zeidler: Sochaux war lange so etwas wie der HSV Frankreichs, der Klub mit den meisten Jahren in der ersten Liga, bis er vor vier Jahren dann abgestiegen ist. Tradition ist hier also sehr wichtig und wird von allen gelebt. Wir haben etwa 10.000 bis 12.000 treue Zuschauer. Diese wahnsinnige Begeisterung und die Liebe der Fans zu ihrem Klub beeindrucken mich. Hoffenheim und Salzburg sind andere Klubs, wo die Begeisterung noch wächst. Hier dagegen sind ganze Familien seit Generationen glühende Sochaux-Fans. Natürlich ist das hier eine andere Dimension als in Dortmund oder Gelsenkirchen, in unserer Region ist der FC aber ganz klar der Verein.

Lange war der FC eng mit dem Autohersteller Peugeot verknüpft.

Zeidler: Durch die Tatsache, dass Sochaux seit den dreißiger Jahren der Werksklub von Peugeot war, herrschte seit jeher eine enge Verbindung  zwischen dem Unternehmen und dem Klub. Vor zwei Jahren hat dann ein chinesischer Investor den Verein gekauft, nachdem die Autokrise Frankreich erfasst hatte und der Klub in große finanzielle Probleme geraten war. Doch aktuell treibt viele Fans die Frage um: Verkauft er den Klub wieder? Und wenn ja: wann und an wen? Der Enkel von Peugeot ist gerade auf der Suche nach Geldgebern. Viele Fans hoffen, an die Partnerschaft von einst anknüpfen zu können und die Geschicke wieder in die Hände von Leuten zu legen, die den Klub von Grund auf kennen.

Gibt es auch vonseiten der Fans Proteste gegen das Investoren-Modell?

Zeidler: Es gibt vor jedem Spiel Demonstrationen gegen den chinesischen Investor. Wichtig ist, dass sie die junge Mannschaft aber weiter voll unterstützen. Und das tun sie, das ist super.

Wie läuft es sportlich? Kürzlich gab es im Pokal ein überraschendes 6:0 gegen den Erstligisten Amiens.

Zeidler: Wie sind aktuell Zehnter, haben acht Punkte Rückstand auf Platz drei, aber ein Spiel weniger. Das 6:0 im Pokal war natürlich ein echtes Highlight. Sieben Spieler aus der Startelf waren 21 oder jünger, fünf von ihnen sind Eigengewächse. France Football schreibt nun über meine junge Mannschaft, die L'Equipe hat mich nach Paris eingeladen. Das gab es hier noch nie, dass so viele junge Spieler aus dem eigenen Nachwuchs Stammspieler sind.

Auch deshalb haben Sie den Weg nach Frankreich gefunden. Wie erleben Sie den französischen Fußball im Jahr 2018?

Zeidler: Dem französischen Fußball stehen große Zeiten bevor. Mit Kylian Mbappe und Ousmane Dembele hat die Equipe Tricolore eine überragende Kombination aus Schnelligkeit, Technik und mentaler Stärke. Wenn die beiden ihren Weg weitergehen, sind sie die beiden zukünftigen ganz großen Weltklassespieler. Dass sie beide aus Frankreich kommen, ist kein Zufall. Das Niveau der fußballerischen Ausbildung ist in Frankreich sehr hoch. Mbappe und Dembele sind dabei nur die Spitze des Eisbergs. Das größte Reservoir besteht natürlich in und um Paris. Drei Viertel der Jungs aus unserem Nachwuchs-Zentrum wurden in Paris rekrutiert. Und das ist bei nahezu allen französischen Vereinen so.

Ist es die schiere Anzahl an jungen Menschen, die so viele Talente aus Paris produziert?

Zeidler: Eine große Rolle spielt dabei natürlich, dass die Jungs jeden Tag Fußball spielen. In kleineren Vereinen oder auf den Plätzen, die der Staat gebaut hat, um den Kindern in sozialen Brennpunkten etwas zu bieten. Natürlich sind Vorbilder wie Paul Pogba oder Kylian Mbappe, die es nicht nur zum Profi, sondern zu den größten Stars der Branche bringen, immens wichtig für die Jungs. Als Mbappe, der aus Bondy kommt, bei PSG vorgestellt wurde, hatte das eine große Wirkung auf die Pariser Jungs. Plötzlich war da einer von ihnen auf der ganz großen Bühne. Mbappe hat die Geschmeidigkeit, seine Technik, seine Kreativität und die Fähigkeit, schnell Entscheidungen zu treffen, sicherlich in Paris gelernt. In ganz Frankreich gibt es viele, die riesiges Talent haben. Bei vielen reicht es aber nicht, weil sie außerhalb des Platzes falsche Entscheidungen treffen, ein Umfeld haben, das sie nicht fördert, sondern bremst.

Mbappe dagegen scheint auch durch großen Druck nicht zu bremsen zu sein.

Zeidler: Mbappe überrascht alle. Und das eben nicht nur auf dem Platz, sondern auch außerhalb. Er zeigt eine wahnsinnige Coolness und Natürlichkeit. Auf dem Platz spielt er mit einer Konstanz, die es in seinem Alter eigentlich gar nicht geben kann. Und in jedem Interview ist er überzeugend und man merkt, dass er das Spiel Fußball mit jeder Faser liebt. Natürlich hatte er immer das Glück, ein gutes Umfeld zu haben. Ich kenne seinen Onkel gut, der gemeinsam mit seinen Eltern immer darauf geachtet hat, dass Mbappe seine Bodenständigkeit nicht verliert. Kingsley Coman ist ein ähnlicher Typ, auch er gehört mittlerweile zur internationalen Klasse.

ONLY GERMANY // Peter Zeidler Naby Keita

Sie haben eine ganze Reihe von großartigen Talenten gecoacht. Wer hat Sie am meisten beeindruckt?

Zeidler: Das ist Carlos Eduardo. Was die Koordination und die Technik angeht, war er mit der Beste, den ich jemals gesehen habe. Sein Fall zeigt aber auch, wie wichtig für viele Spieler das Umfeld ist. Er ist dann 2010 zu Rubin Kasan gewechselt und von der Bildfläche verschwunden. Mittlerweile spielt dieser begnadete Fußballer wieder in seiner brasilianischen Heimat. In puncto Balleroberung und Dynamik war Luiz Gustavo ganz vorne, er war eine echte Maschine! Was die Mentalität angeht, war es Demba Ba. Zu ihm hatte ich immer ein besonderes Verhältnis. Erst letztens hat er mich in Sochaux besucht. Erwähnen muss ich natürlich auch Naby Keita …

… der im kommenden Sommer zu Liverpool wechselt. Was macht ihn so besonders?

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Zeidler: Ein großartiger Spieler! Er kam als unerfahrener Junge zu uns nach Salzburg und hatte schon noch einige taktische Defizite. Wenn man ihn heute spielen sieht, kann man das kaum glauben. Mich freut, dass er sich so entwickelt hat und dass er zu Liverpool wechselt. Er ist ein Spieler, der mit dem Ball am Fuß kaum aus dem Gleichgewicht zu bringen ist. Er hat ein Gespür, wann er abspielen muss und wann Platz ist. Wenn er mit dem Ball am Fuß beschleunigt, sieht das beeindruckend leicht aus. Es gab in Salzburg Phasen, in denen er seine Gegenspieler aussteigen ließ, als wären sie Slalomstangen. Bei Leipzig hat er große Schritte gemacht, wenn es um den letzten Pass geht oder auch darum, selbst Tore zu erzielen. Dabei ist er ein ganz zurückhaltender Typ, ein ganz Lieber, der fast schüchtern daherkommt. Auf dem Platz explodiert er dann. Ich hoffe, dass er bei Liverpool im mentalen Gleichgewicht bleibt und dass auch sein neues Umfeld behutsam mit ihm umgeht.

Ist die Rückkehr nach Deutschland ein Thema für Sie?

Zeidler: Ich arbeite sehr gerne in Frankreich, aber als Deutscher reizt ein Job in der Heimat mich immer. Es gibt immer wieder Anfragen, aber aktuell bin ich bei Sochaux sehr glücklich. Aber mal schauen, was die Zukunft bringt.

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