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Peter Wenninger exklusiv: "Heute haben bereits 13-Jährige Berater"

Er ist beim FC Bayern eine echte Institution. Seit 2004 arbeitet Peter Wenninger als Jugendtrainer beim Rekordmeister. Er begann in der U10 und ist mittlerweile neben seinem Job als U15-Coach Sportlicher Leiter der U9 bis U15. 

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Egal ob Lahm, Müller oder Schweinsteiger - er hat sie alle aufwachsen und zu Weltstars reifen sehen und sie durch ihre Pubertät begleitet. Er weiß genau, was es heißt, für den Traum Fußballprofi zu kämpfen und welche Herausforderungen damit einher gehen.

Goal traf ihn an der Säbener Straße zum Interview und sprach mit ihm über das Formen der Bayern-Stars der Zukunft, Talent, Millionensummen im Jugendbereich, Scouting, Gefahr durch Berater und verrät, was man braucht, um es beim FCB ganz nach oben zu schaffen.

Wie landet man als Jugendtrainer beim FC Bayern?

Peter Wenninger: Ich habe damals Sportwissenschaften studiert und gerade meinen Doktor gemacht. Nebenbei habe ich selbst Fußball gespielt und einen kleineren Verein trainiert. Da kam meine Frau auf die Idee, dass ich mich bei Bayern München bewerbe. Ich habe nie geglaubt, dass das klappen würde, habe mich aber trotzdem beworben. Zwei Tage später wurde ich ganz offiziell eingeladen und hatte ein Vorstellungsgespräch. Dann hat es tatsächlich geklappt. Ein Vorteil war sicherlich, dass ich mit Heiko Vogel (heute Trainer der U23, damals Jugendtrainer bei den Bayern, Anm. d. Red.) studiert habe, der schon hier war und mich kannte.

Das klingt ja wie der ganz normale Arbeitnehmer-Vorgang.

Peter Wenninger: Das war es auch. Alles ganz normal mit Bewerbung, Vorstellungsgespräch und Bedenkzeit vonseiten des Arbeitgebers. Ich hatte das Glück, dass in der U10 ein Posten frei wurde. Dort war ich dann zwei Jahre, bevor es Stück für Stück nach oben ging. Heute trainiere ich die U15 und muss sagen, dass mich die Arbeit in diesem Bereich so erfüllt und ich hier so glücklich bin, dass ich gar nicht weiter nach oben schiele. Was Schöneres gibt es für mich nicht!

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Was ist denn das Besondere an der Arbeit mit Heranwachsenden?

Wenninger: Bevor ich bei Bayern war, habe ich neben dem Studium am Gymnasium unterrichtet. Der Unterschied hier und gleichzeitig das Schöne an meiner Arbeit ist: Alle wollen! Ob U10 oder U15; jeder kommt mit einem Enthusiasmus her und will etwas erreichen, weil es für sie das Größte ist, hier Fußball zu spielen. Und das ist unfassbar schön, dass man Jugendliche hat, die alle Lust haben, Fußball zu spielen.

Spielt denn in der Pubertät nicht auch der Wille, seine Grenzen auszutesten, eine Rolle?

Wenninger: Die Jungs bei uns sind so klar und fokussiert, das zu schaffen, was sie anstreben wollen, dass sie sehr diszipliniert auftreten. Natürlich gibt es auch mal jemanden, der über den von uns vorgegebenen Rahmen hinaus tritt und über die Stränge schlägt. Danach kommen sie aber ganz schnell wieder zurück zu dieser Klarheit, denn sie wissen auch, dass sie eine große Chance haben.

Wird bereits bei jungen Spielern, die zum FC Bayern wechseln, auf den Charakter geachtet?

Wenninger: Natürlich. Wir führen vorher viele Gespräche. Natürlich ist es wünschenswert, wenn die Jungs eine gute Erziehung genossen haben, aber natürlich geht das auch nicht immer. Meiner Erfahrung nach schaffen es aber oft die Jungs, die es nicht immer leicht hatten, einen Tick weiter. Oft haben die schwierigen Jungs das Besondere. Das weiter zu Entfaltung kommen zu lassen und dem Jungen gleichzeitig Grenzen aufzuzeigen, ist die Aufgabe eines Trainers.

Wie hat man sich den Wechsel eines Jugendspielers zu Bayern vorzustellen?

Wenninger: Angenommen einer unserer Scouts entdeckt bei einem Turnier einen interessanten Spieler. Den meldet er dann beim Verein. Dann treten wir mit den Eltern in Kontakt und machen einen Termin für ein Probetraining an der Säbener Straße aus. Die Familie kommt dann mit dem Jungen, den wir uns im Vergleich zu denen, die schon hier sind, anschauen. Mindestens zwei Probetrainings sind die Regel, denn beim ersten Mal sind die Jungs meistens sehr aufgeregt. Am Ende entscheiden wir für die neue Saison gemeinsam, also der Sportliche Leiter, der Trainer und der Scout, ob wir ihn verpflichten.

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Wie ist der Umgang mit den Scouts anderer Vereine? Schließlich herrscht ein umkämpfter Wettbewerb?

Wenninger: Natürlich ist es ein offener Wettbewerb, der aber fair ausgetragen wird. Wenn man zum Beispiel bei einem U15-DFB-Lehrgang vorbei schaut, sitzen dort Scouts von allen größeren Vereinen Deutschlands auf der Tribüne. Immer früher versuchen die Vereine, Spieler anzuwerben. Der Kampf um Talente ist in Deutschland sehr heftig, weil jeder versucht, die späteren Ausnahmespieler zu ergattern. Der Umgang ist dennoch sehr kollegial untereinander, denn letztendlich bekommt der den Zuschlag, der mit den besseren Argumenten beim Spieler punkten kann.

Ist auch das Argument Geld relevant?

Wenninger: Wünschenswert wäre, dass nur sportliche Faktoren zählen würden. Denn das Geld wird später verdient. Leider gibt es aber auch immer wieder Eltern oder Berater, die sofort das finanzielle Maximum herausholen wollen. Ich bin aber der Meinung: Frühes Geld kann großen Schaden anrichten und sehr gefährlich sein.

Inwiefern?

Wenninger: Ich sehe die Gefahr, dass die Jungs dadurch satt werden  können und glauben, dass es immer so weiter geht. Sie denken, dass es im Jetzt perfekt ist und verlieren die Ziele, für die es sich zu arbeiten lohnt, aus den Augen. Ganz zu schweigen davon, dass die Gefahr, früh abzuheben, dann groß ist. Denn die Spieler wechseln teilweise schon sehr jung und in diesem Alter ist es alles andere als normal, bereits viel Geld zu verdienen.

Die Altersgrenze bei Wechseln in der Jugend ist die U15.

Wenninger: Genau. Bei Spielern, die jünger sind, und interessant für Bayern sind, versucht man, den Kontakt mit dem Spieler zu halten und sich zu kümmern. Wechsel unter der U15 sind also nur möglich, wenn der Spieler aus der Münchner Umgebung kommt. Das ist auch ganz wichtig, dass es diese Grenze gibt. Denn ich bin der Meinung, dass ein zu früher Wechsel sehr schädlich sein kann. Und einen 13-Jährigen weg von der Familie zu holen, ist sowieso mehr als fragwürdig.

Wie verhält sich das Wechsel-Prozedere bei Spielern aus dem Ausland?

Wenninger: Ab der Vollendung des 16. Lebensjahrs ist ein Wechsel aus dem Ausland möglich.

Wie stehen Sie den teilweise horrenden Ausbildungsentschädigungen, die gerade für Talente aus dem Ausland gezahlt werden, gegenüber?

Wenninger: Wir haushalten hier sehr gut und versuchen, eine gesunde finanzielle Basis für die Jungs zu schaffen, die nicht überzogen ist, aber trotzdem unsere Wertschätzung zum Ausdruck bringt. Andere Vereine handhaben das zum Teil auch etwas anders. Da  fließen schon mal große Summen für die Ablöse. Entsprechend hoch sind dann auch die Gehälter.

Ist es auf lange Sicht dann überhaupt noch möglich, mit diesen Vereinen mitzuhalten?

Wenninger: Natürlich ist das ein Punkt, über den wir nachdenken. Man muss abwägen. Wenn es um ein absolutes Top-Talent wie Toni Kroos damals geht, kommen wir natürlich in die Gänge und versuchen, den Spieler zu uns zu holen. Generell schaffen es diejenigen, denen es nur um Geld geht, sowieso seltener. Bei denjenigen, denen das sportliche Paket am wichtigsten ist, sehe ich dir größeren Chancen, irgendwann den Sprung zum Profi zu schaffen.

Wenn der Wechsel vollzogen ist, verlassen die Jungs nicht selten ihre Familien. Wie kompensiert man diesen gerade im jungen Alter großen Schritt?

Wenninger: Man muss ganz klar sagen, dass die Familie nichts ersetzen kann. Wir haben aber einen pädagogischen Leiter, eine Hausmutter, einen Schulkoordinator, uns Trainer. 24 Stunden werden die Jungs also rundum versorgt. Ich kann also sagen, dass wir versuchen, die Entfernung zur Familie so gut wie möglich zu kompensieren. Die Betreuung unserer Spieler ist elementar. Dazu zählt auch die schulische Ausbildung, die für uns absolut Priorität hat. Deswegen ist unser Anspruch, die maximale schulische Ausbildung der Jungs zu erzielen.

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Wie erleben Sie den Einfluss der Eltern?

Wenninger: In früherem Alter spielen sie natürlich eine große Rolle für die Jungs. Später nimmt die Bedeutung dann ab, da dann zunehmend eigene Entscheidungen getroffen werden. Probleme sehe ich aber auch im unteren Bereich nicht. Sportlich wissen die Eltern, dass sie keine Qualifikation haben, um den Trainern reinzureden. Sollte das doch mal der Fall sein, spricht man freundlich mit den betreffenden Eltern und weist sie darauf hin, dass das bei Bayern München nicht Usus ist. Probleme sehe ich eher beim großen Aufkommen der Berater.

Wie meinen Sie das?

Wenninger: Die Berater schwirren früh um die Jungs herum und versuchen, sie für sich zu gewinnen. Dabei sind die Spieler für einige Berater lediglich ein Mittel zum Geldverdienen. Sie suggerieren zwar, dass die Spieler ihnen wichtig sind, aber im Grunde zielen einige nur auf den maximalen Ertrag für sich selbst ab.

Kann der Verein dem entgegen wirken?

Wenninger: Ja, indem man Beratern der Zugang zum Training untersagt. Im neuen Leistungszentrum wird dies noch verstärkt, da die Trainingsbereiche dort geschlossener sind. Dadurch versucht man, die Schar der Berater ein wenig wegzuhalten. Natürlich ist das sehr schwierig. Denn Telefonnummern und Adressen sind frei zugänglich und jeder kann die Jungs kontaktieren. Wie ich bereits sagte: Ich halte diese Entwicklung für gefährlich. Früher hatte man mit 16 einen Berater, heute haben bereits die 13-Jährigen einen. Es ist heutzutage sogar schick, einen Berater zu haben. "Wer keinen Berater hat, ist kein guter Fußballer", scheinen einige zu denken. Ich versuche daher immer, meinen Jungs zu sagen: "Ihr seid bei Bayern München. Was soll ein Berater euch jetzt erzählen? Für das Sportliche ist der Trainer zuständig, für den Rest die Familie."

Wir hart ist es, wenn Sie Spieler aussortieren müssen?

Wenninger: Angenehm sind Übernahmegespräche in solchen Fällen sicher nicht. Man muss aber sehen, dass diese Entscheidungen meistens für den Spieler getroffen werden. Denn nimmt man ihn weiter mit, wird er kaum spielen, was seiner sportlichen Entwicklung natürlich nicht zuträglich ist. Für die Kinder ist es meistens gar nicht so tragisch, da sie im Training und in vielen Gesprächen im Vorfeld ja miterlebt haben, was die Gründe sind. Schlimmer ist es oft für die Eltern, die dann das Gefühl haben, von Bayern aussortiert worden zu sein.

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Welche sportlichen Kriterien werden bei den Übernahmegesprächen berücksichtigt?

Wenninger: Da kann vieles eine Rolle spielen. Es kann vom Tempo nicht mehr reichen oder von der Handlungsschnelligkeit. Technik, Taktik und auch die Physis spielen eine Rolle. Außerdem wird darauf geachtet, ob er eine besondere Waffe hat wie etwa Aubameyang und sein Tempo oder Robben im Eins-gegen-Eins. Generell ist am Wichtigsten der Wille, seinen Weg zu gehen und dafür alles zu geben.

Stichwort Physis. Wie gehen Sie mit den großen körperlichen Unterschieden im Jugendbereich um?

Wenninger: Bestes Beispiel ist Philipp Lahm, der immer einer der Kleineren war und nun seit Jahren einer der besten Spieler der Welt ist. Das Entscheidende bei solchen Spielern ist, dass man ihnen das Gefühl gibt, dass man an sie glaubt. Man muss zwar ehrlich mit ihnen umgehen, ihnen aber dennoch immer wieder Spielzeit geben. Ganz wichtig ist zudem, dass man viel mit ihnen spricht. Das Tolle an diesen kleinen Kerlchen ist, dass sie enorme spielerische Vorteile haben, wenn sie körperlich irgendwann aufholen. Denn sie haben viele Lehren gezogen und haben gelernt, sich gegen Größere zu behaupten.

Ist es denn nicht gerade in der U15 schwer, körperlich klar weniger weit entwickelten Spielern Spielzeit zu geben, da es im Ligabetrieb vor allem um Ergebnisse geht?

Wenninger: Ganz klar war das früher deutlich einfacher. Denn seitdem in der U15 die Regionalliga eingeführt wurde, ist das Niveau deutlich gestiegen und vor allem körperlich treten einige Mannschaften sehr robust auf und sind sehr weit, was es schwer macht für Kleinere, da mitzuhalten.

Was unternimmt man dagegen?

Wenninger: Wir haben für uns entschieden, aus der Regionalliga Süd auszutreten und in Zukunft in der neu formierten Bayernliga zu spielen. Somit haben wir erstens nicht mehr so weite Fahrten wie zuvor und nehmen zweitens wie von Ihnen angesprochen den Druck von den Spielern. So ist es möglich, mehr auf die fußballerische Entwicklung zu achten und nicht mehr so zentriert auf Ergebnisse wie zuvor.

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Ist denn aber nicht gerade das Messen mit den Besten förderlich für die Entwicklung der Spieler?

Wenninger: Wir haben in Bayern das Glück, sehr viele starke Leistungszentren zu haben. Es ist natürlich richtig, dass wir nach dem Austritt aus der Regionalliga Süd nicht mehr gegen Teams wie Hoffenheim oder Stuttgart zu spielen. Diese Partien kann man aber sehr gut durch Blitzturniere kompensieren, ohne diese Reise-Belastung wie zuvor. Man kann so auch punktueller trainieren.

Was hat sich im Jugendtraining verändert in den letzten Jahren?

Wenninger: Die Expertise wurde sukzessive erhöht. Inzwischen gibt es einen Athletikexperten, Physiotherapeuten, Ärzte, Torwarttrainer, Videoanalysten. Das war früher ganz anders. Da gab es einen Trainer und punktuell Torwarttraining. Inzwischen gibt es für jeden Bereich einen Spezialisten, der versucht, das Beste aus den Jungs rauszuholen. Dieser Vorgang hat sich von der Profiebene nach unten durchgesetzt.

Wie sehr wird das Training bei Bayern vom jeweiligen Cheftrainer der Profis beeinflusst?

Wenninger: Natürlich kann man sich etwas abschauen. Wir haben von Pep Guardiola profitiert und auch von van Gaal beispielsweise. Wir werden auch von Ancelotti profitieren. Generell ist ganz klar, dass man sich, was Trainingsformen angeht, immer wieder von den weltbesten Trainern inspirieren lässt.

Ab welchem Alter beginnt taktische Schulung?

Wenninger: Allgemein ist die Entwicklung in Deutschland so, dass man sehr mannschaftstaktisch gedacht hat, was immer weiter nach unten projiziert wurde. Mittlerweile hat der DFB gemerkt, dass dabei ein wenig die Technik und das Eins-gegen-Eins vernachlässigt wurde. Deshalb geht man jetzt wieder zurück, die Individualität zu schulen. Denn gerade unter Pep Guardiola hat man gesehen, dass es feste Positionen nicht gibt. Eine Idee, wie wir als Bayern München spielen wollen, existiert aber selbstverständlich schon: Unsere Mannschaften wollen immer den Ball haben. Wir legen also die Grundlagen und je höher man kommt, desto mannschaftstaktischer wird es. Intensives Taktik-Training beginnt ab der U15, wo es genaue Regeln gibt, wie man sich auf dem Feld als Team zu verhalten hat.

Wo Sie gerade Regeln ansprechen. Würden Sie in der Jugend gerne etwas am Regelwerk ändern?

Wenninger: Ich hätte in der U12 gerne größere Tore.

Warum das denn?

Wenninger: In der U12 spielt man mit Neun gegen Neun von Sechzehner zu Sechzehner. Die Tore sind aber genau so klein wie auf dem Kleinfeld. Wir spielen sehr dominant meistens, der Gegner steht hinten drin. Wenn er dann einen großen Torwart hat, ist es sehr schwer, da ein Durchkommen zu finden. Schnittstellenbälle kann man so gar nicht spielen. Wäre das Tor größer, würde sich die Gefahr bei Fernschüssen erhöhen, der Gegner wäre also gezwungen, sich etwas weiter nach vorne zu bewegen. Somit würde sich der Raum hinter der Abwehr vergrößern und die Schnittstellen wären leichter zu bespielen.

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