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Peter Bosz von Bayer Leverkusen im Interview: "Ich habe mir die Sinnfrage gestellt"

11:45 MESZ 24.10.19
Peter Bosz Bayer Leverkusen
Peter Bosz verlor mit Bayer Leverkusen jüngst bei Atletico Madrid. Im zweiten Interview-Teil sprach der B04-Coach nun über seine spezielle Spielweise.

EXKLUSIV-INTERVIEW 

Im zweiten Teil des Interviews mit Goal und DAZN spricht Bayer Leverkusens Trainer Peter Bosz über die Gespräche mit Cruyff, dessen Einfluss auf seine Fußballphilosophie und das Für und Wider seiner Spielweise. Bosz äußert sich zudem zu seiner Zeit bei Ajax Amsterdam und beim BVB, spricht über die Arbeit mit seinem Sportpsychologen und welche Bedeutung Musik für ihn hat.

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Hier geht's zum ersten Teil des Interviews mit Peter Bosz. Dort spricht Bosz über seine prägenden Auslandsstationen als Spieler, die ersten Gedanken an eine Trainerkarriere im Alter von 16 Jahren und sein uraltes, bis heute existierendes Notizbuch.

Herr Bosz, ein anderer großer Trainer neben Rinus Michels oder Wim Jansen, der Sie beeinflusst hat, war Johan Cruyff. Was ist Ihre erste Erinnerung an ihn?

Peter Bosz: In Holland war und ist er der Größte. Jemanden wie ihn hatten wir Anfang der 1970er Jahre noch nie gesehen. Nach seiner Rückkehr nach Holland mussten mein Bruder und ich unbedingt seine Spiele sehen. Mein Bruder war verrückt nach Ajax, nach Cruyff und auch nach Marco van Basten. Wir haben uns also immer dann Karten gekauft, wenn ich selbst nicht spielen musste. Als Kind habe ich ihn vorher schon gesehen, aber mit 18 oder 19 Jahren hatte ich noch einen anderen Plan vom Fußball.

Sie haben auch zusammen mit Freunden aus Apeldoorn Artikel und Interviews von Cruyff aus Zeitungen ausgeschnitten und sie in einem Album gesammelt. Wann fing das an?

Bosz: Das war auch zu dieser Zeit. Er war damals nur noch ein Jahr Spieler, ehe er Trainer bei Ajax wurde. Das war auch speziell: Wie er mit seinem Torhüter gespielt, wie er Druck nach vorne entwickelt, wie er seinen Mittelfeldspieler eingesetzt hat - das war alles neu in Holland. Wir haben alles gesammelt, was er über Fußball gesagt hat und es in Rubriken unterteilt: Jugendfußball, Offensivfußball, Konditionstraining und so weiter.

Was haben Sie als Erstes vom Trainer Cruyff mitgenommen?

Bosz: In der Jugend ohne Rückendeckung zu spielen. Denn nur so lernen die Spieler, dass ein Fehler zu einem Tor führen kann.

Im Jahr 2016 waren Sie Trainer bei Maccabi Tel Aviv. Dort war Cruyffs Sohn Jordi Sportdirektor und Sie lernten Johan Cruyff kennen. Erzählen Sie!

Bosz: Ich habe ihm zuvor schon einmal in Barcelona die Hand geschüttelt, aber dass wir so richtig lange Zeit hatten, über Fußball zu reden, das war in Tel Aviv. Es war aufregend. Er käme bei jedem Training vorbei, hat Jordi gesagt, weil sein Vater nicht den ganzen Tag mit seiner Mutter im Hotel bleiben wollte. (lacht) Und dann war er wirklich jeden Tag dabei und wir haben danach bei Kaffee oder beim Essen über Fußball gesprochen. Ich habe mich gefreut wie ein Kind.

Sie sagten einmal, Sie seien vor dem ersten Training, das Cruyff damals beobachtete, sehr nervös gewesen. Welche Inhalte hatte diese Einheit schließlich?

Bosz: Ich wollte natürlich, dass das Training super wird, aber das war unnötig. Cruyff war so lieb und so normal. Er war nicht kritisch, er wollte nur seinen Sohn sehen und über Fußball reden. Ich hätte also gar nicht nervös sein müssen.

Was war letztlich das Wichtigste, das Sie aus den damaligen Gesprächen mit Cruyff mitgenommen haben?

Bosz: Dass mein Co-Trainer Hendrie Krüzen und ich auf dem richtigen Weg waren. Wir sind seit 20 Jahren zusammen und wollen unseren Fußball spielen. Da ist die Bestätigung von jemandem wie Cruyff natürlich besonders. In den Gesprächen habe ich mich darauf beschränkt, zuzuhören. Ich wollte wissen, was er zu sagen hat, ihn einfach reden lassen und später mit Hendrie analysieren. Am Ende waren es aber die einfachen Ansichten und Worte, die uns weitergeholfen haben. Aussprüche wie: Wenn man ein Tor machen will, muss man schießen. Klar muss man das, aber es geht darum, nicht noch einmal und noch einmal breit zu spielen. Schießen! Cruyff sagte auch: Den einfachen Fußball zu spielen, ist die größte Herausforderung.

Wie sehr hat es Sie getroffen, dass Cruyff ein paar Tage nach seinem Besuch in Tel Aviv gestorben ist?

Bosz: Ich habe davon im Radio erfahren und bin erschrocken. Er hat mit uns sehr offen über seine Krankheit geredet, aber ich wusste nicht, dass er so krank war. Er war stattdessen immer positiv, das war unglaublich.

Ihre Spielphilosophie ist sehr an Cruyff angelehnt. Was gefällt Ihnen an diesem offensiven Geist so sehr?

Bosz: Es gibt so viel Fußball im Fernsehen, deshalb möchte ich, dass die Leute bei einem Spiel von Bayer 04 sagen: Jetzt müssen wir gucken, das kann interessant werden! Wenn ich Fußball sehe, dann will ich überrascht werden, mich freuen und Spaß haben. Die Leute bezahlen sehr viel Geld, um ein Spiel im Stadion anzuschauen. Deshalb müssen sie auch begeistert werden - und das versuchen wir. Es bleibt immer das wichtigste, das Spiel zu gewinnen, aber das kann man auf verschiedene Weisen tun. Und unsere muss besonders attraktiv sein.

Wäre es einem Leverkusen-Fan, der mal wieder einen Titel feiern möchte, nicht egal, wie seine Mannschaft spielt - Hauptsache, sie gewinnt?

Bosz: Es ist doch auch möglich, Titel zu gewinnen und attraktiv zu spielen. Daran glaube ich fest, dafür gibt es genug Beispiele. Und diese Titel bleiben im Gedächtnis der Menschen.

Wie gehen Sie vor, wenn Sie eine Mannschaft übernehmen: Wie bringen Sie Ihren Plan konkret an die Spieler?

Bosz: Das Training ist natürlich sehr wichtig, aber auch Feedback mittels Videoanalysen. Gerade am Anfang geht es sehr viel um Theorie. Immer kurze Sequenzen, vielleicht zehn Minuten lang, weil sich Fußballspieler nicht so lange wie Studenten konzentrieren können. In diesen zehn Minuten erklären wir unsere Spielprinzipien. Früher habe ich immer erst die defensiven und dann die offensiven Prinzipien behandelt. Heute nehme ich die jeweils zwei wichtigsten von Defensive und Offensive, zudem das Umschalten. Und dann kommt immer noch ein bisschen mehr dazu. Nach sechs Wochen müssen alle Spieler wissen, wie wir spielen.

Sie fordern bei Ballverlust ein sofortiges Gegenpressing der gesamten Mannschaft. Wie schwierig ist es, den Spielern den Instinkt abzugewöhnen, sich nach einem Ballverlust erstmal fallen zu lassen und das Tor abzusichern?

Bosz: Das benötigt Zeit und Training. Manchmal dauert es länger, aber es ist immer möglich. In Leverkusen war es ziemlich einfach, die Spieler von dieser Spielweise zu überzeugen. Am Ende haben die Spieler Spaß, wenn sie Spaß an ihrer Spielweise haben. Vielleicht braucht man ein oder zwei Jahre und den einen oder anderen neuen Spieler, um das ganze Konstrukt umzubauen. Das sieht man ja auch bei anderen Klubs.

Sie sagen selbst, dass der Raum hinter der Abwehr offenliegt, wenn die Spieler den Plan nicht konsequent umsetzen. Ist es denn nicht auch utopisch, dass dies jedem Spieler in jeder Partie über 90 Minuten gelingt?

Bosz: Das stimmt. Fehler gehören dazu, sonst wäre das Spiel steril. Wir versuchen, diese Fehler beim Gegner zu forcieren. Wenn wir 60, 70 oder sogar 80 Prozent Ballbesitz haben, müssen wir nur 40, 30 oder 20 Prozent gegen den Ball arbeiten. Das ist einfacher, als 80 Prozent gegen den Ball zu arbeiten. Wenn wir seltener den Ball verlieren, müssen wir auch weniger laufen. Gehen die Laufdaten zurück, sind wir also nicht konditionell schwächer, sondern wir spielen besser. Wenn wir gut im Ballbesitz sind und der Gegner viel laufen muss, schwindet am Ende auch dessen Kraft, die Konter auszuspielen und hinter unsere Kette zu laufen.

Wenn Sie mit Ihren Teams einmal zwei, drei Spiele lang nicht gewinnen, heißt es immer, die offensive Spielweise sei schuld. Wie ermüdend ist das für Sie?

Bosz: Am Anfang war es das, aber jetzt nicht mehr. Kritik gehört dazu.

Sie haben einmal gesagt, medial wird häufig die Phrase "fehlende Mentalität" benutzt, wenn ein Spiel verloren geht. Wird Ihnen da zu wenig in die Tiefe gegangen?

Bosz: Wenn das Schlagwort 'Mentalität' gebraucht wird, muss mir derjenige auch erklären: Was ist Mentalität? Ist das fehlender Fokus, fehlender Wille? Mentalität ist ein Oberbegriff, der nicht in die Tiefe geht. Doch dann muss man Ahnung vom Fußball haben. Hat man das nicht, ist es einfach: Mentalität.

Ist Ihnen das zu wenig Analysefähigkeit auf Seiten der Medien?

Bosz: Es gibt einige, die zu wenig Qualität haben. Es ist auch nicht einfach, wenn man kein Training sieht und nicht weiß, wie der Plan vor dem Spiel aussah. Man muss auch sehen, wer oftmals die Analysten sind: Ehemalige Spieler, die aber noch nie Trainer waren. Oder erfolglose Trainer, die nun Experten sind. Oder welche, die nie Fußball gespielt haben. Meistens sind die aber noch besser als ehemalige Spieler oder Trainer. (lacht)

Sind das auch Faktoren, die das Misstrauen in Ihre Spielweise wohl niemals enden lassen werden?

Bosz: Das weiß ich nicht und es interessiert mich auch nicht mehr. Wir haben einen Plan und wollen diesen immer entwickeln. Was dieser oder jener sagt, ist für mich nicht mehr wichtig.

War Cruyff eigentlich in Ihren Wechsel von Tel Aviv nach Amsterdam involviert?

Bosz: Er war bei Ajax ja immer auch Berater und hatte dann wohl seine Zustimmung gegeben. Bei Ajax war es immer wichtig, dass Cruyff sein Okay gibt.

Bei Ajax standen Sie in Ihrer ersten und schließlich letzten Saison im Finale der Europa League. Das Endspiel gegen Manchester United ging damals verloren. Wie erinnern Sie sich daran?

Bosz: Das war ein Clash der Philosophien und ein Kampf Jung gegen Alt. Unser Durchschnittsalter war 21,7 Jahre. Wir hatten 16- und 17-jährige Spieler im Finale dabei. Der Altersdurchschnitt bei United war um die 28 Jahre. Man muss lernen, Endspiele zu gewinnen, deshalb war das ein großer Unterschied.

Bei Ajax hat Ihr Co-Trainer "innerhalb des relativen großen Trainerstabs von Anfang an eine Distanz uns gegenüber gespürt", wie er im SPOX-Interview sagte. Wie traurig waren Sie, dass es dort nicht weiterging?

Bosz: Ich wäre gerne dortgeblieben, aber das war leider nicht möglich. Wir haben die Probleme angesprochen, sie wurden aber nicht angegangen. Ajax hatte eine sehr gute Mannschaft mit jungen Spielern. So etwas passiert eben im Fußball.

Sie wechselten anschließend zu Borussia Dortmund, hatten aber auch eine Offerte von Bayer Leverkusen. Hätten Sie im Nachhinein betrachtet lieber das Leverkusener Angebot annehmen sollen?

Bosz: Es macht keinen Sinn, darüber nachzudenken. Ich hatte eine sehr gute Zeit in Dortmund. Man sammelt Erfahrungen und dadurch wird man ein besserer Trainer.

Nach Ihrer Zeit beim BVB haben Sie eine Pause von rund einem Jahr eingelegt. Inwiefern waren Sie auch psychisch ausgelaugt von der intensiven Zeit zuvor?

Bosz: Der Trainerberuf ist sehr anstrengend, man ist immer im Tunnel. Zwei Spiele die Woche, rein ins Hotel, wieder raus, immer weiter. Man kann keinen Abstand gewinnen. Man muss sich deshalb vielleicht mal eine Auszeit nehmen, Ruhe gönnen und in den Phasen ohne Job bei Kollegen schauen, was die so machen. Das hat mir gutgetan.

Haben Sie sich damals auch die Sinnfrage gestellt?

Bosz: Ja. Ich habe Kinder, Enkelkinder, eine Frau. Ich will etwas von meinem Leben haben. Nach sechs Monaten fing das Kribbeln aber wieder an und nach sieben oder acht Monaten wollte ich wieder arbeiten.

Sie arbeiten seit 2003 mit einem Sportpsychologen zusammen. Wie wichtig ist das für Sie?

Bosz: Es ist sehr befruchtend. Ich habe zu ihm eine sehr gute Verbindung. Bei anderen Klubs arbeitet der Psychologe mit den Spielern, das will ich nicht. Ich bin derjenige, der mit den Spielern arbeiten muss. Der Psychologe soll dagegen mein Coach sein und mir helfen, mit den Spielern umzugehen oder Probleme zu lösen. Das halte ich für wichtig, einmal pro Monat sehen wir uns.

Sie gelten als großer Musik-Fan. Welche Rolle spielte dies in Ihrer Auszeit?

Bosz: Mein Problem ist: Ich bin nicht musikalisch. Ich habe versucht, Gitarre zu spielen, aber das hat nicht funktioniert. Immerhin spiele ich ein wenig Schlagzeug, hatte zwei Jahre lang Unterricht bei einem Freund. Der hat auch eine DJ-Schule und hat mir das ein bisschen beigebracht. Das geht und das liebe ich. Es steht bei mir zu Hause in Holland.

Welche Art Musik hören Sie gerne - wohl eher nicht die der Spieler?

Bosz: Nein, aber dadurch bleibe ich auch ein bisschen jung. Ich mag RnB, aber das hängt bei mir auch immer von der Stimmung ab. Einmal im Jahr gehe ich mit meinen früheren Fußballkumpels zu einem Dance-Festival oder auch zum Pinkpop-Festival. Es ist mir wichtig, auch mal vom Fußball wegzukommen und diese Kontakte zu halten und zu pflegen.

Herr Bosz, wenn Sie es sich wünschen könnten: Wie sollen Ihre Spieler Sie in Erinnerung behalten?

Bosz: Als ehrlichen Trainer mit einer klaren Idee, der ihnen geholfen hat, bessere Fußballspieler zu werden. Als junger Trainer hatte ich keine Ahnung. Ich habe alles aus dem Bauch heraus gemacht, nur nach Gefühl. Erst später habe ich mich entwickelt, auch durch meinen Sportpsychologen. Ich habe versucht, von Spitzenkräften aus unterschiedlichen Bereichen zu lernen. Das hat mir geholfen. Der Fußball hat sich so rasant entwickelt. Ich bin 1980 Profi geworden, mein Trainer hatte noch einen Masseur und einen Zeugwart. Die drei haben den gesamten Laden geschmissen.

Mit den Erfahrungswerten und dem Wissen von heute: Welchen Tipp würden Sie einem jungen Trainer geben?

Bosz: Sei du selbst! Versuche, deinen eigenen Stil zu entwickeln und nicht, andere zu kopieren. Sei kein Guardiola oder Klopp. Spieler durchschauen sofort, wenn man nur eine Rolle spielt. Entwickle eine Philosophie und bleibe dabei. Man muss dazulernen, aber man muss auch auf seinem Weg bleiben - und Spaß haben. Ohne Spaß? Vergiss es!