HINTERGRUND
Man kennt den Spruch: "Manchmal muss man einen Schritt zurückgehen, um zwei nach vorne zu machen." Der Volksmund weiß das. Und vielleicht weiß das auch bald Paulinho. Wobei die Weisheit bei ihm nicht ganz zutrifft. Im Falle des Mittelfeldspielers müsste es eher heißen: "Manchmal muss man als Premier-League-Flop in der sportlichen Bedeutungslosigkeit verschwinden, um später zu einer der besten Mannschaften der Welt zu wechseln."
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Es mutet in der Tat kurios an: Vor zwei Jahren war Paulinho in England krachend gescheitert. Bei Tottenham hatte er als 20-Millionen-Euro-Neuzugang zunächst einen passablen Start hingelegt, um in seinem zweiten Jahr auf der Insel dann komplett abzutauchen. Es folgte der Wechsel nach China zu Guangzhou Evergrande. Finanziell natürlich ein exzellenter Transfer. Doch dass Paulinho damit sportlich nochmal auf einen grünen Zweig kommt, das schien wahrlich ausgeschlossen.
Auch Carlo Ancelotti wollte Paulinho
Ein klassischer Fall von: "Denkste!" Nachdem Anfang des Jahres der FC Bayern bei ihm angeklopft hatte, Trainer Carlo Ancelotti telefonierte persönlich mit dem 28-Jährigen, wird es nun zwischen Paulinho und dem FC Barcelona konkret. Sehr konkret!
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Was Goal in der vergangenen Woche vermeldet hatte, bestätigte Paulinho am Wochenende: Ihm liegt eine Offerte Barcas vor und die Klubbosse stehen in Kontakt zu seinem Berater. "Es gab auch ein Angebot und Gespräche", sagte der vielseitige Mittelfeldspieler gegenüber Globo Esporte. Die katalanische Sport legte am Montag nach und behauptete, das Angebot aus Barcelona belaufe sich auf satte 40 Millionen Euro Ablöse. Ein Haufen Geld für einen Spieler, dessen erster Anlauf in Europa so gar nicht erfolgreich war. Was ist also in den zwei Jahren in China passiert?
Paulinho, einer dieser "Box-to-Box"-Spieler, die in der Zentrale jeden Zentimeter des Rasens beackern, braucht mehr als andere Spieler seinen Rhythmus. Er muss regelmäßig spielen und die vereinzelten (Kurz-)Einsätze bei den Spurs waren zu wenig für ihn, um sich an das Spiel in der Premier League zu gewöhnen. Er brauchte Einsatzminuten, egal wo. Und er bekam sie bei Guangzhou, wo mit Luiz Felipe Scolari ein Landsmann das Sagen hat, der ihm viel Vertrauen schenkt und viel Verantwortung überträgt.
Langsam und fernab des großen Scheinwerferlichts fand Paulinho zurück zu alter Stärke. Er war schnell kein Mitläufer mehr, sondern der Leader seiner Mannschaft. Der, der voranging und über den das Spiel des chinesischen Top-Klubs angekurbelt wurde. Brasiliens Ex-Nationalcoach Carlos Dunga hatte den WM-Teilnehmer von 2014 da allerdings längst aus den Augen verloren. Nach der verpatzten Copa America Centenario musste Dunga seinen Hut nehmen und Tite übernahm. Eine der ersten Maßnahmen des neuen Trainers: Er holte Paulinho zurück.
Paulinhos Sternstunde gegen Uruguay
Der 28 Jahre alte Rechtsfuß rechtfertigte das Vertrauen. Er erzielte im November im Duell mit dem Erzrivalen Argentinien sein erstes Länderspieltor seit rund vier Jahren und erlebte seine persönliche Sternstunde Mitte März, als er beim 4:1-Auswärtssieg in der WM-Qualifikation gegen Uruguay einen Dreierpack schnürte.
Er spielt endlich wieder wie jener Paulinho, der die Selecao 2013 gemeinsam mit Neymar zum Gewinn des Confederation Cups führte. Er gehörte damals zu den herausragenden Spielern des Turniers und wurde mit dem Bronzenen Ball ausgezeichnet. Er machte sich als Spieler mit überragender Physis und einer tollen Ballbehandlung einen Namen. Paulinho ist nimmermüde, geht weite Wege und strahlt außerdem Torgefahr aus. Das macht ihn zu einem ziemlich kompletten Mittelfeldspieler und das führt unmittelbar zum Interesse aus Barcelona.
MoWa PressDie Blaugrana möchten unbedingt im Mittelfeld nachlegen. Europameister Andre Gomes kam im Vorjahr für viel Geld aus Valencia und sollte dort auf Dauer einen Platz einnehmen, doch der Portugiese enttäuschte die hohen Erwartungen. Er ist bereits wieder ein Verkaufskandidat. Drei Spieler hat Barcelona dafür im Visier, einer soll kommen: Marco Verratti von PSG, Saul Niguez von Atletico Madrid oder eben Paulinho. Der Brasilianer wäre trotz der gemutmaßten 40-Millionen-Ablöse der günstigste aus diesem Trio.
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Der Poker ist in vollem Gange. Automatisch wird Paulinho sein Ja-Wort Barca nicht geben. Er fühlt sich wohl in China, hat seinen Vertrag dort Anfang des Jahres noch bis 2020 verlängert. In drei Spielzeiten mit Guangzhou gewann er zwei Meistertitel und die asiatische Champions League. Er weiß, dass er dort neuen Schwung in seine Laufbahn brachte.
Paulinho spricht von "schwerer Entscheidung"
Kein Wunder, dass er also sagt: "Derzeit befinde ich mich in einem sehr glücklichen Moment meines Lebens und meiner Karriere. Zum jetzigen Zeitpunkt fällt es schwer, eine Entscheidung zu treffen."
In einigen Wochen wird klar sein, wie diese Entscheidung aussieht. Klar ist aber: Auch falls Paulinho am Ende nicht nach Barcelona wechselt, der Schritt zurück nach China hat sich für ihn in jeder Hinsicht gelohnt.


