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Ein Zocker würde in Anspielung auf die berühmte Fußball-Simulation wohl FIFAesk sagen. Zu diesem zentimetergenauen Schlenzer von Ousmane Dembele in Frankreichs Test gegen Italien Anfang Juni, der nicht nur die Fans der Equipe Tricolore verzückte. Nicht geschossen, nein vielmehr reingelegt hatte der Barca-Star die Kugel zum 3:1-Endstand gegen die Squadra Azzurra - und Keeper Salvatore Sirigu konnte sich strecken, so viel er wollte.
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Es war ein Tor wie ein Bewerbungsschreiben. Adressat: Didier Deschamps. Betreff: WM-Startelf Frankreichs. Gemeinsam mit Kylian Mbappe ist Dembele einer der beiden Jungstars in der ohnehin noch immer jungen und fußballerisch so hochbegabten französischen Generation um Paul Pogba, Antoine Griezmann, Samuel Umtiti, Raphael Varane, Thomas Lemar oder Nabil Fekir, der viele Experten bei der WM in Russland den ganz großen Wurf, sprich den Titelgewinn zutrauen.
Sicher hat Dembele seinen Stammplatz dabei trotz des Traumtores gegen Italien nicht. Entscheidet sich Deschamps für Olivier Giroud als Stoßstürmer, sind zwei weitere Plätze in der Offensivreihe wohl an Mbappe und Griezmann, um den dritten streitet sich Dembele mit Lemar. Ihm könnte also lediglich die Rolle des Jokers bleiben - und um hartnäckig Ansprüche zu stellen, zwingend zu spielen, war die erste Saison des 21-Jährigen beim FC Barcelona einfach zu durchwachsen.
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Nach dem umstrittenen und letztlich erzwungenen Wechsel von Borussia Dortmund ins Camp Nou, geriet der Start Dembeles in Barcelona ohnehin unter fragwürdige Vorzeichen. Die schwindelerregende Ablösesumme in Höhe von 115 Millionen Euro und die Last, einen gestanden Weltstar wie Neymar vergessen machen zu sollen, taten ihr Übriges dazu, dass Dembele dem Druck ganz besonderer Beobachtung ausgesetzt war.
Dembeles Start bei Barca ging in die Hose
Und dann kam eben auch noch Pech hinzu. Eine Oberschenkelverletzung, die sich Dembele im September zuzog, sorgte dafür, dass der Franzose die Hinrunde fast komplett verpasste. Weitere Fitnessprobleme und die Ankunft Philippe Coutinhos in der Winter-Transferperiode waren dann dafür verantwortlich, dass er am Ende nur auf magere 17 Liga-Einsätze für das Team von Trainer Ernesto Valverde kam, das sich in LaLiga souverän den Titel sicherte.
Aber: Immerhin war Dembele während seiner seltenen Auftritte an neun Treffern beteiligt und wird nun darauf hoffen, dass er die kritischen Stimmen, die ihm vorwerfen, dass er sich nicht weiterentwickelt habe, in Russland verstummen lassen kann. Bei der WM ist er - ähnlich wie in Barcelona - Teil eines Teams, das in der Offensive Qualität im Überfluss hat. Daraus hervorstechen zu können, will er unbedingt beweisen.

Einen wie Dembele im Kader zu haben, ermöglicht es Deschamps, in der Offensive durchzuwechseln oder umzustellen, ohne einen Qualitätsverlust befürchten zu müssen. Der Ex-Juve-Star setzt am liebsten Griezmann hinter Stürmer Olivier Giroud ein und lässt Mbappe und Lemar über die Seiten kommen. Wenn dieser Ansatz allerdings nicht erfolgreich sein sollte, könnte für Dembele die große Stunde schlagen, sodass Mbappe eine zentralere Rolle einnehmen kann - so wie er es im Test gegen Russland schon überzeugend getan hat.
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Obwohl er in Barcelona nur unregelmäßig zum Einsatz kam und schon erste Gerüchte über einen bevorstehenden Abschied von den Katalanen aufkamen, zeigte Dembele in seiner Premierensaison im Camp Nou dennoch zuweilen seine Fähigkeiten und seine Effektivität.
Er beendete 40 seiner 68 Dribblings erfolgreich, gab 28 entscheidende Pässe in 17 Liga-Spielen. Nur seinem Barca-Teamkollege Philippe Coutinho gelangen unter den Spielern, die in Spaniens erster Liga 20 oder weniger Duelle absolvierten, noch mehr.
GettySeine Variabilität in der Offensive und seine Ausgeruhtheit aufgrund seiner langen Pause könnten Frankreich entscheidend weiterhelfen. Bei der EM 2016 musste sich das Team noch auf die Umstellungen während der Partien und Geistesblitze verlassen, um bis ins Finale zu kommen.
Dembele: Der X-Faktor für Deschamps und Frankreich?
Das Deschamps-Team bekommt es bei der WM in der Gruppenphase mit Dänemark, Peru und Australien zu tun. Allesamt machbare Aufgaben - allerdings werden vor allem Peru und Australien wohl nur darauf aus sein, das Spiel der Franzosen zu zerstören und hinten sicher zu stehen. Um dann Lücken zu reißen und unerwartete Räume zu erschließen, könnte Dembele mit seiner Schnelligkeit und Kreativität im Eins-gegen-Eins zum wichtigen Faktor werden.
Bei der EM vor zwei Jahren etwa - ohne Dembele - wurde deutlich, dass sich Frankreich gegen Mannschaften vom Kaliber Perus oder Australiens durchaus schwer tun kann. Damals benötigten Les Bleus etwa zwei Geniestreiche von Dimitri Payet und Antoine Griezmann, um Rumänien und Albanien zu schlagen.
Dembele könnte gefragt sein, wenn Frankreich keinen guten Start in das Turnier in Russland erwischt. Und dann wird der 21-Jährige nach Kräften bemüht sein, der ganzen Welt zu zeigen, warum Barcelona für ihn vor einem Jahr solch einen riesigen Betrag auf den Verhandlungstisch gelegt hat. Und vielleicht wieder so FIFAesk zaubern wie im Test gegen Italien.
