REPORTAGE
Da saß ich also in den heiligen Hallen des Sportparks in Heimstetten und blickte in die Gesichter einiger Granden des deutschen Fußballs. Okay, das ist vielleicht doch ein wenig übertrieben. Es waren ja keine Beckenbauers oder Schweinsteigers dabei, aber dank Spielern wie Benjamin Lauth, Ralph Gunesch, Michael Hofmann oder Helge Payer saß dann doch die Erfahrung von 505 Erstliga-Partien mit im Raum. Sogar einige Länderspiele haben diese Herren auf dem Konto.
Erlebe Europas Top-Ligen live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!
Anlass des Treffens von mehr oder weniger begabten Fußballern war die erste Opta Match Experience in Deutschland. Eine Veranstaltung, bei der eine Live-Analyse von Daten während eines Fußballspiels für Medienvertreter und Interessierte direkt am Spielfeldrand demonstriert wurde.
Mit der detaillierten Datenerfassung unterstützt Opta Vereine, Medien und Fans dabei, das Geschehen auf dem Rasen besser verstehen und einordnen zu können. Wie ist der Ballbesitz verteilt? Wer hat die meisten Torschüsse? Wie viele Flanken wurden geschlagen? All das sind Fragen, die durch diese Datenerfassung beantwortet werden. Jeder kennt solche oder ähnliche Statistiken, doch wer weiß, wie sie erfasst werden? Dieser Frage wollen wir uns widmen. Aber der Reihe nach.
Nach einer kurzen, aber prägnanten Kabinenansprache des Trainers ging es hinaus zum Aufwärmen. Und dann stand auch endlich der Hauptteil des Nachmittags auf dem Programm: OptaRot trat gegen OptaBlau an. Ich trug das rote Trikot. Bis auf eine normale Ausrüstung hatten wir keinen Tracker oder sonstige Gegenstände am Körper, die man vermuten könnte, wenn es um Datenanalyse geht.

Mit etwas Verspätung pfiff der Schiedsrichter die Begegnung schließlich um kurz nach 16 Uhr an. OptaRot startete dominant; 62,2 Prozent Ballbesitz weist die Statistiken in der ersten Viertelstunde auf, einige Torabschlüsse inklusive. So ging es weiter. Bis zur 26. Minute. Bis wir eiskalt erwischt wurden. Benny Lauth tankte sich mit einer feinen Einzelleistung durch, Tim Frohwein musste nur noch einschieben.
Unserem Spiel tat das keinen Abbruch – vorerst. Bis zur Halbzeit fielen keine Tore mehr, OptaBlau konnte sich dafür beim ehemaligen 1860-Keeper Hofmann bedanken, der alleine im ersten Durchgang fünf Paraden aufzuweisen hatte.
In der 34. Minute beorderte mich der Trainer dann das erste Mal auf die Bank. 27 Ballaktionen standen zu diesem Zeitpunkt für mich als Offensivspieler auf dem Konto. Zum Vergleich: Benny Lauth kam in den ersten 45 Minuten auf 34 Aktionen am Ball. Doch der Kader war groß und dank der Rückwechseloption sollte es nicht das Ende meiner persönlichen Einsatzzeit sein.
Daten beim Fußball werden manuell von Analysten erfasst
Für mich war das also die erste Möglichkeit, den Analysten bei ihrer Arbeit über die Schulter zu schauen. Und es war durchaus interessant, was ich dabei zu sehen bekam. Alle, wirklich alle, Daten werden per Hand erfasst. Drei Analysten sind für ein Spiel zuständig, zwei davon für je ein Team, der dritte als eine Art Kontrolleur.
Die ersten beiden Analysten registrieren alle Aktionen ihrer Mannschaften im System. Die rechte Hand klebt quasi an der Maus; mit ihr wird jeder Pass auf dem Bildschirm mit einem Pfeil nachgezeichnet. Werden Zweikämpfe geführt, trägt jeder Analyst für sein Team Spieler und Ausgang ein. So wird es mit jeder möglichen Aktion während der Begegnung gehandhabt. Mit der linken Hand werden derweil über die Tastatur Rückennummer und Art der Aktion in Windeseile in die Datenbank eingetragen. Für die Analysten bedeutet das: 90 Minuten höchste Konzentration.
Der Kontrolleur kommt derweil nur in Grenzfällen zum Einsatz. Gibt es selbst dann kein eindeutiges Ergebnis, wird die Szene im Nachhinein anhand der TV-Bilder überprüft. Auch deshalb waren selbst bei diesem Show-Match einige Kameras vorhanden.
Den Beginn der zweiten Halbzeit beobachtete ich noch von der Seitenlinie. Ralph Gunesch, der für den Kultverein St. Pauli in der Bundesliga spielte, sorgte kurz nach Wiederanpfiff mit einer hübschen Einzelleistung für den Ausgleich, und nach 58 Minuten wurde auch ich wieder aufs Feld geschickt.
Opta Match Experience endet mit sieben Toren
Gefühlt hatten wir über die gesamte Partie die bessere Spielanlage, nur wurden wir leider zwischen der 60. und 75. Minute gleich dreimal böse ausgekontert. Und so stand es plötzlich 1:4 in einem Spiel, das wir mindestens gleichwertig gestaltet hatten.
Nach dem 1:4 durch Benny Lauth konnten wir zunächst noch einmal verkürzen - und ich war nicht ganz unbeteiligt. Im Eishockey hätte ich für meine Aktion sogar einen Assist bekommen, denn die Flanke, die im Sechzehner noch einmal quer gelegt wurde, kam von mir - immerhin ein kleiner persönlicher Erfolg. Die letzten zehn Minuten waren dann geprägt von Chancen auf beiden Seiten, letztlich ging die Partie mit 5:2 an OptaBlau.
Dass es durchaus auch anders hätte ausgehen können, belegt allein der Blick auf die Statistiken. 56,1 Prozent Ballbesitz, 52,6 Prozent gewonnene Zweikämpfe, über 100 Pässe mehr oder 24 zu 17 Torschüsse sind nur ein paar Daten, die für OptaRot sprechen.
Solche Team-Statistiken lassen sich für Fußballfans mittlerweile gut einordnen, doch wirklich interessant wird es bei den individuellen Daten der Spieler. Vor allem dann, wenn es deine persönlichen sind.
Meine 65 Minuten Spielzeit absolvierte ich als Offensivspieler. Müsste ich meine Rolle mit einem bekannten Spieler aus der Bundesliga vergleichen, würde ich Thomas Müller vom FC Bayern München wählen. Wie ich in Heimstetten ist Müller kein klarer Flügelspieler, aber auch kein Mittelstürmer, sondern jemand, der versucht, sich in der Offensive flexibel zu bewegen.
Mein Gefühl sagt mir, dass meine Leistung ganz ordentlich war. Wird dieser Eindruck mit einem Blick in die Statistiken bestätigt oder widerlegt? Am Ende standen für mich drei Torschüsse zu Buche, zwei davon gingen aufs Tor. Hinzu kamen drei Torschussvorlagen sowie 50 Ballaktionen. Von meinen 34 Pässen kamen 76,5 Prozent an und auch zwei Tacklings hatte ich zu verzeichnen.
Persönliche Daten im Vergleich mit Thomas Müller
Für einen Vergleich nehme ich Müllers Daten aus dem DFB-Pokalfinale gegen Eintracht Frankfurt (1:3). Hierzu sei angemerkt, dass der Weltmeister knapp fünf Minuten länger auf dem Platz stand, die Statistiken sollten sich dennoch ganz gut abgleichen lassen.
Müller gab in Berlin ebenfalls drei Torschüsse ab, einer davon landete auf dem Kasten. Des Weiteren gab er eine Torschussvorlage, er verzeichnete 31 Ballaktionen, 23 Pässe (Passquote: 73,9 Prozent) und ein Tackling.
Dieses Duell geht also an mich und eigentlich sollte ich am 17. Juni bei der WM in Russland gegen Mexiko auf dem Platz stehen. Spaß beiseite - ich finde es aber tatsächlich interessant zu sehen, wie sich die Daten durchaus ähneln. Natürlich war das Pokalfinale bei weitem nicht das beste Spiel der Bayern in dieser Spielzeit, doch selbst bei einer Mannschaft, die in puncto Ballbesitz dominiert (77 Prozent gegen Frankfurt), hat ein Offensivspieler nicht unbedingt mehr oder in dem Fall sogar weniger Aktionen.
Christian Riedel / fotografie-riedel.netMan darf diesen Vergleich natürlich nicht als exemplarisch sehen. Spielniveau, Intensität und alle anderen Faktoren beim Fußball waren selbstredend Welten voneinander entfernt. Auch hatte Müller keinen guten Abend und ich kann wahrscheinlich froh sein, dass die Laufleistung in unserem Fall nicht gemessen wurde ...
Und doch war es eben spannend zu sehen, wie die eigenen Daten im Kontrast zu denen der Profis wirken. Diese Frage beschäftigte nach dem Schlusspfiff die meisten Akteure, deshalb zog es auch fast jeden Spieler nach dem Griff zur Wasserflasche erst einmal zum Display, auf dem jegliche Daten abgebildet wurden. Und so endete der Tag mit einem gemeinsamen Abendessen, bei dem noch immer über Daten in verschiedensten Kategorien diskutiert wurde.
