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Nnamdi Oduamadi: Der Milan-Star, den keiner kennt


HINTERGRUND

Anmerkung der Redaktion: Dieser Text erschien im April 2018. Seitdem wechselte  Oduamadi zu KF Tirana, bevor er 2019 in die Vereinslosigkeit abrutschte.

Es ist nur ein simples Stück Papier. Schmucklos, ohne Schnörkel, mit ein paar Namen, die mehr schlecht als recht auf den weißen Untergrund gedruckt wurden: "Juventus Turin - AC Milan" prangt ganz oben, darunter das Datum, der 13. August 2010. Klangvolle Namen werten das Ganze auf: Giorgio Chiellini oder Claudio Marchisio auf Juves Seite, Andrea Pirlo, Gennaro Gattuso oder Ronaldinho auf der Milans.

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Nnamdi Oduamadi hätte sich dieses schlichte Schriftstück am liebsten eingerahmt und ihm einen Ehrenplatz in seinem Zuhause gegeben. Denn sein Name taucht darauf auch auf. Auf Milans Seite. Zwischen den Ronaldinhos und Pirlos. Für den damals 19-Jährigen erfüllte sich am 13. August 2010, in diesem Vorbereitungsspiel ein riesengroßer Traum. Er spielte mit der Nummer 54 und vereinfacht "Odu" auf dem Rücken, spielte gut, bereitete sogar den Führungstreffer durch Ronaldinho vor und wurde dafür anschließend vom brasilianischen Weltstar geherzt.

Heute, gut siebeneinhalb Jahre später, findet es Oduamadi wahrscheinlich schade, dass jener Abend bisher der wohl glanzvollste seiner Vereinskarriere geblieben ist. Dass der Assist für Ronaldinho die spektakulärste Szene bleibt, für die er je verantwortlich war. Nicht umsonst hat er erst vor wenigen Tagen ein Video davon auf Instagram hochgeladen.

Offiziell, noch bis Ende der Saison, steht er immer noch bei Milan unter Vertrag. Von dem Ruhm, die eine Anstellung bei den Rossoneri für gewöhnlich mit sich bringt, ist der inzwischen 27-jährige Nigerianer aber kilometerweit entfernt.

Von vorne. Der Junge aus dem Südosten Nigerias, der mit sechs älteren Schwestern groß wird, hat Talent. Großes sogar. Der Ball klebt ihm am Fuß, er ist unfassbar schnell und er hat diesen Instinkt für das Besondere, das Unvorhersehbare, das begabten Fußballern oft den letzten Schliff verleiht.

Sprungbrett Pepsi Academy wie Mikel?

Er wächst behütet auf. Keineswegs im Luxus, aber die Familie ist vergleichsweise gut situiert. "Da ich das jüngste Kind war, hat mich meine Mutter ganz besonders umsorgt", sagte er mal bei The Nigerian Voice. Zuhause sei er verwöhnt worden, draußen durfte er mit seinen Freunden bolzen, wann und wo er wollte.

Dabei wird er schon sehr früh entdeckt. Trainer der Pepsi Academy, eine der renommiertesten Fußballschulen Nigerias in der 18-Millionen-Metropole Lagos, nehmen Oduamadi schon als Siebenjährigen unter ihre Fittiche. Er genießt eine erstklassige fußballerische Ausbildung, unter anderem der spätere Chelsea-Star John Obi Mikel machte ebenfalls in der Pepsi Academy seine ersten Schritte.

Als Mikel es 2004 nach Europa und 2006 schließlich zum großen FC Chelsea schafft, ist für Oduamadi klar: Diesen Weg will er auch gehen. Er weiß nun, dass es möglich ist, dass ihm die Akademie Türen öffnen kann. 2008 sollt dann seine große Stunde schlagen.

Scouts von Milan sehen den Flügelflitzer bei einem Spiel mit der Pepsi Academy. Oduamadi überzeugt sie, sie wollen den Teenager unbedingt nach Italien holen. Er kann sein Glück kaum fassen, ist sofort Feuer und Flamme. Und dann, als einige bürokratische Hürden überwunden sind, wird der Wechsel nach Mailand im Herbst 2008 tatsächlich vollzogen.

Er spielt zunächst im Primavera-Team, empfiehlt sich für die erste Mannschaft, wird im Sommer 2010 offiziell Teil des Profi-Teams. Doch während seiner Zeit in Mailand sollte das größte Glücksgefühl der Assist für Ronaldinho im Test gegen Juve bleiben. Und ein Zusammentreffen mit seinem Idol Ronaldo vielleicht, während seines ersten Probeaufenthaltes bei Milan 2008.

Seine fünf einzigen Serie-A-Minuten für die Rossoneri absolviert er im September 2010 gegen Catania. In den beiden folgenden Spielzeiten wird er in die Serie B verliehen, zunächst an Torino, dann an Varese. Immerhin: Er schlägt sich gut, macht einige Tore, wird sogar A-Nationalspieler. Und auch für die Super Eagles, für die er bis heute 14-mal auflaufen durfte, hat er diesen einen glanzvollen Tag.

Beim Auftaktmatch des Confederations Cup 2013 gegen Tahiti steht Oduamadi in Nigerias Startelf, erzielt beim 6:1-Sieg drei Tore. Milan-Boss Adriano Galliani gefällt das. Er spricht mit dem damaligen Rossoneri-Coach Massimiliano Allegri, macht Oduamadi dann Hoffnung auf einen festen Platz in Milans Kader. "Wenn ich mit Allegri arbeiten kann, bezahle ich sogar für Verpflegung und Unterkunft selbst", sagte Oduamadi damals euphorisch.

Ein letztes Aufkeimen von Hoffnung

Aber letztlich kam doch wieder alles anders. Milan verlieh Oduamadi erneut in die zweite Liga, diesmal an Brescia. Was dann folgte, war eine Leih-Odyssee: Wieder Varese, Crotone, Latina Calcio, Sanliurfaspor in der Türkei. Oduamadi machte seine Sache nirgendwo schlecht, aber eben auch nicht gut genug, um Milan davon zu überzeugen, ihm eine echte Chance zu geben.

Beim finnischen Topklub HJK Helsinki, wo er das Jahr 2016 verbrachte, schien sich das endlich zu ändern. Mit seinem nigerianischen Kumpel Taye Taiwo im Rücken wirbelte Oduamadi auf Helsinkis linker Seite die Gegner durcheinander, erzielte sieben Tore und bereitete fünf Treffer vor. Wieder schöpfte er Hoffnung, Vincenzo Montella, seinerzeit Milan-Coach, soll von seinen Leistungen in Finnland begeistert gewesen sein.

"Ich glaube weiterhin daran, irgendwann für Milan zu spielen", sagte Oduamadi Anfang 2017, nachdem er die in Finnland im Kalenderjahr ausgetragene Saison erfolgreich gestaltet hatte. "Mein Urlaub wird nun sehr kurz. Ich gehe zurück zu Milan und bekomme hoffentlich die Möglichkeit, zu zeigen, was ich kann." 

Wieder wurden seine Hoffnungen enttäuscht. Lediglich ein Einsatz für die Primavera vergangenen September steht seit seiner erneuten Rückkehr zu Milan zu Buche. Oduamadi stand diese Saison noch nie im Profi-Kader, Ende Juni läuft sein Vertrag aus. Dann muss er gehen. Dann ist der Traum vom Ruhm vorerst ausgeträumt. 

Und doch hat Oduamadi mit 27 noch einige Jahre Zeit, um ihn sich vielleicht doch noch zu erfüllen. Und zu verhindern, dass diese Aufstellung aus dem August 2010, wo sein Name zwischen denen von Ronaldinho und Pirlo auftaucht, das vielleicht Wertvollste seiner Laufbahn bleibt.

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