Niklas Süle vom FC Bayern München im Interview: ​"Einmal haben die Nachbarn die Polizei gerufen"

Niklas Süle spricht im Interview über seinen Weg zum Nationalspieler, WhatsApp-Nachrichten von Jerome Boateng und 'Anfield Road' im Garten.

EXKLUSIV-INTERVIEW

Niklas Süle gilt als bester deutscher Innenverteidiger. Im Interview mit Goal und DAZN spricht der 24-Jährige über seinen Weg dorthin. Dabei erzählt der Nationalspieler vom FC Bayern München von seiner Vergangenheit als Stürmer und die harte, aber schöne Zeit im Nachwuchsleistungszentrum der TSG 1899 Hoffenheim. 

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Außerdem: Wie Süles Nachbarn die Polizei alarmierten, was er aus seinem Kreuzbandriss gelernt hat, welchem Trainer er am dankbarsten ist und wie er über Julian Nagelsmann denkt. 

Niklas, stimmt es, dass Sie in der Jugend mehr als 100 Tore in einer Saison erzielt haben?

Niklas Süle: Mein Vater hat diese Geschichte mal erzählt, ich selbst bin mir da nicht so sicher. Es stimmt, dass ich viele Tore gemacht habe, aber 100 in einer Saison? Das glaube ich nicht. (lacht)

Ihr Vater war in der E- und F-Jugend bei Rot-Weiß Walldorf Ihr Jugendtrainer. Wie war das für Sie? 

Süle: Mein Vater war und ist mein größter Kritiker, er erwartet sehr viel von mir. Ich habe damals immer mit den Jungs spielen dürfen, die ein Jahr älter waren. Das hat mich weitergebracht und in meiner Spielweise wahrscheinlich auch robuster gemacht.

Sie waren schon als Jugendspieler eine beeindruckende Erscheinung. Ihr Vater hat mal erzählt, er habe auf Turnieren teilweise Ihren Pass vorzeigen müssen, um Ihr Alter zu bestätigen. 

Süle: Auch da bin ich mir nicht sicher, ob das so stimmt. (lacht) Robust war ich aber tatsächlich schon immer. Ich habe mir erst vor Kurzem mein Spielerprofil aus meiner Zeit in der U15 bei Darmstadt 98 gesehen. Da war ich 1,89 Meter groß und habe 85 oder 87 Kilogramm gewogen, das ist für einen 14-Jährigen schon ganz ordentlich. Damals hieß es oft: 'Der Niklas ist nur wegen seiner Statur so gut. Das wird sich irgendwann ändern.' Zum Glück habe ich mich dann aber auch in den Jahren danach ganz ordentlich entwickelt. 

Nach Stationen bei Walldorf und Eintracht Frankfurt wechselten Sie 2010 von Darmstadt 98 in die Jugendabteilung der TSG Hoffenheim. Ihre Mutter soll das gewollt haben. 

Süle: Das ist eine interessante Geschichte. Meine Mutter wollte, dass ich dort aufs Internat gehe, weil sie dachte, dass meine schulischen Leistungen dadurch wieder besser werden. Dann war das Gegenteil der Fall und sie wollte mich eigentlich wieder zurückholen. Da musste ich kämpfen, dass ich in Hoffenheim bleiben darf. Am Ende habe ich den Realschulabschluss gemacht, obwohl ich in Hessen noch auf dem Gymnasium war und gern mein Abitur gemacht hätte. Vielleicht kann ich das irgendwann nachholen. 

War die Zeit im Nachwuchsleistungszentrum fernab von Familie und Freunden die schwierigste Ihrer Karriere?

Süle: Die Anfangszeit war schon richtig schwierig. Ich kam mit 14 in eine Gastfamilie und musste mir ein Zimmer mit einem Jungen teilen, den ich nicht kannte. Natürlich war es hart, meine Heimat, meine Familie und Freunde zu verlassen.

Sie haben die Internatszeit aber auch mal als schönste Zeit Ihrer Karriere beschrieben und gesagt, dass Sie ein Buch darüber schreiben könnten. Welche Anekdoten würden darin vorkommen?

Süle: Die wären nicht alle jugendfrei (lacht) Nein, im Ernst, eine nette Geschichte kann ich erzählen: Wir haben in Hoffenheim, in diesem kleinen, beschaulichen Dorf, gerne nachts um halb zwei die Flutlichter angeschaltet, weil wir noch ein bisschen kicken wollten. Einmal sind die Nachbarn da ordentlich an die Decke gegangen und haben die Polizei gerufen – und ich durfte am nächsten Tag beim damaligen Manager Alexander Rosen im Büro vorsprechen. 

Würde es in Ihrem Buch auch ein Kapitel über Xaver Zembrod geben?

Süle: Auf jeden Fall. Xaver hat mich vom Offensivspieler zum Innenverteidiger umgeschult, er war also schuld. (lacht)

Hatten Sie mit der Umschulung ein Problem? 

Süle: Ja, anfangs hatte ich damit tatsächlich ein Problem. Ich habe damals gerne im Mittelfeld gespielt und war meiner Meinung nach ein ziemlich guter Zehner. In der U15 habe ich für Hoffenheim sogar teilweise als Stürmer gespielt und auch ein paar Buden gemacht. Dann kam Xaver auf die Idee, mich in die Innenverteidigung zu stellen - und ich habe meine Sache dort offenbar ganz okay gemacht.

Sie haben in Ihrer noch jungen Karriere schon viele namhafte Trainer erlebt: Holger Stanislawski, Huub Stevens, Markus Gisdol, Julian Nagelsmann, Carlo Ancelotti, Jupp Heynckes, Niko Kovac, Joachim Löw. 

Süle: (unterbricht) Und in den U-Nationalmannschaften waren noch weitere große Trainer dabei.

GER ONLY Markus Gisdol Niklas Süle

Niklas Süle: Am dankbarsten bin ich Markus Gisdol

Von wem haben Sie am meisten profitiert?

Süle: Am dankbarsten bin ich Markus Gisdol. Er hat mir mit 17 Jahren die Chance gegeben, in der Bundesliga gegen Dortmund und in den Relegationsspielen zu spielen. Das war nicht selbstverständlich. Unglaublich viel gelernt habe ich von Julian Nagelsmann. Trotzdem muss ich sagen, dass mir jeder Trainer etwas für meine Karriere mitgegeben hat. Deswegen will ich eigentlich niemanden hervorheben.

Unter Gisdol debütierten Sie im Mai 2013 in der Bundesliga im Spiel gegen den Hamburger SV. Wie haben Sie davon erfahren? 

Süle: Das war am Spieltag selbst. Danach bin ich direkt in mein Zimmer gerannt und habe meine Eltern angerufen. Eigentlich bin ich ja eher ein ruhiger, entspannter Typ, aber da hatte ich schon leichte Zitteranfälle. (lacht) Das war mit das schönste Gefühl meines Lebens. 

Ende 2014 haben Sie einen Kreuzbandriss erlitten. Wie sehr hat Sie diese schwere Verletzung verändert?

Süle: Ich habe in der Zeit viele Menschen kennengelernt, die mir in meiner weiteren Karriere sehr geholfen haben. Ich war bei Klaus Eder in Donaustauf, ich war für meine Reha in Südfrankreich - seitdem eines meiner liebsten Urlaubsziele. Vor allem habe ich in der Zeit aber meinen Körper noch besser kennengelernt. Seit dem Kreuzbandriss schätze ich jede Minute, die ich auf dem Platz stehen kann.

Jerome Boateng hat Ihnen damals eine WhatsApp-Nachricht mit Genesungswünschen geschrieben. Dabei kannten Sie sich doch gar nicht. 

Süle: Das ist richtig. Er wusste von Sejad Salihovic, den er aus Berlin kennt, dass er damals mein Lieblingsspieler war. Als ich dann im Krankenhaus eine WhatsApp-Nachricht von ihm bekommen habe, war das für mich eine Riesen-Sache. Ich erzähle ihm heute noch ab und zu, wie glücklich er mich damit gemacht hat. Ich habe mich wirklich unheimlich darüber gefreut. 

Ihr Bruder Fabian hat mal gesagt, Sie seien durch die Verletzung professioneller geworden und Ihr Lieblingsessen sei heute Salat. 

Süle: Das ist eine glatte Lüge, kompletter Unsinn! (lacht) Ich wurde in den Medien ja schon als Fast-Food- oder Party-Süle tituliert. Darauf wollte er wahrscheinlich witzig reagieren. Ehrlich gesagt stehe ich aber immer noch auf Döner oder Pizza. (lacht) Nur gönne ich mir diese Leckerbissen nicht mehr so oft wie früher. 

Also ist nicht mehr viel vom Lebemann Süle übrig? 

Süle: Das ist ein anderes Thema. Ich wurde als noch etwas jüngerer Mann irgendwann mal gefragt, ob ich ein Lebemann sei. Da ich mein Leben genieße und Spaß daran habe, habe ich gesagt: Klar bin ich ein Lebemann. Erst als ich mir die Definition angeschaut habe, merkte ich, dass ich mich mit der tatsächlichen Bedeutung überhaupt nicht identifizieren kann.

Nach Ihrer Kreuzbandverletzung lief es richtig gut. Unter Ihrem früheren Jugendtrainer Nagelsmann machten Sie 33 Bundesliga-Spiele in Serie. Wie hat der damals 29-jährige Nagelsmann auf die Mannschaft gewirkt? 

Süle: Julians Ausstrahlung war und ist bemerkenswert, insbesondere für sein Alter. Durch sein Auftreten und sein Alter hatte man damals das Gefühl, er könne auch ein Mitspieler sein. Julian war immer ehrlich im Umgang mit den Spielern. Er hat das Spiel mit den Medien beherrscht. Und sein Fußballsachverstand ist beeindruckend. Ich habe sehr, sehr viel von ihm gelernt. Es war eine sehr schöne Zusammenarbeit – und im Fußball trifft man sich ja immer zweimal. 

Niklas Süle: Will unbedingt mal Premier League spielen

2017 wechselten Sie zum FC Bayern. Zudem hatten Sie angeblich auch ein Angebot vom FC Chelsea. Stimmt das? 

Süle: Es war eine Überlegung, in die Premier League zu gehen. Das ist eine der Ligen, in denen ich unbedingt mal spielen will. Zu dem Zeitpunkt habe ich den Wechsel nach München aber als besten Schritt gesehen. Und wie man sieht, bin ich sehr glücklich beim FC Bayern. Nicht nur, weil ich mich durchgesetzt habe, sondern auch, weil der Verein, die Fans und alle Mitarbeiter super sind.

Ihre Liebe zur Premier League hat früh begonnen. Ihr Bruder hat mal erzählt, Sie hätten früher im Garten immer 'Anfield Road' gespielt. Was hat es damit auf sich? 

Süle: Wir hatten ein kleines Holztor im Garten. Wir haben dann immer den Rasensprenger angemacht und uns auf der nassen Wiese gegenseitig ordentlich umgenietet. (lacht) Deswegen kann ich heute ganz gut grätschen.

Als 16-Jähriger haben Sie in einer Dokumentation gesagt, Sie wollen Bundesligaspieler, Nationalspieler und der beste Innenverteidiger der Welt werden. Mit 24 Jahren haben Sie schon vieles erreicht. 

Süle: Naja, der beste Innenverteidiger der Welt bin ich noch nicht, dafür muss ich noch ein bisschen an mir arbeiten. Trotzdem bin ich natürlich sehr froh, wie mein Weg bislang verlaufen ist.

Welche Ziele hat der 24-jährige Niklas Süle?

Süle: Der 24-jährige Niklas Süle möchte weiterhin gerne der beste Innenverteidiger der Welt werden, die Champions League gewinnen und mit der Nationalelf einen oder am liebsten mehrere bedeutende Titel gewinnen.

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In der Champions League treffen Sie am Dienstag auf den Vorjahresfinalisten Tottenham. Was erwartet Sie? 

Süle: Es wird ein extrem schwieriges Spiel gegen einen physisch starken Gegner. Wir müssen unser Spiel durchziehen, mit viel Ballbesitz, und dann können wir gegen jeden Gegner gewinnen.

Spielen Sie eigentlich lieber gegen Spieler wie Harry Kane, die eine ähnliche Statur haben wie Sie? Oder liegen Ihnen kleinere Spieler wie Lucas Moura besser?

Süle: Ich spiele lieber gegen Spieler mit meiner Statur, das merke ich auch bei uns im Training. Wenn kleine, wendige Spieler wie Philippe Coutinho ihre Haken schlagen, ist das für jemanden mit meinem Körperschwerpunkt nicht so einfach. (lacht) Letztlich ist es aber egal, gegen wen du spielst. Als Verteidiger musst du immer den Ball gewinnen - sonst bist du halt der Depp.

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