Mit 13 noch Torwart, jetzt jagen ihn Barca und Co.: Das ist Lilles Shootingstar Nicolas Pepe

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Dribbeln konnte er schon immer, mit 13 wollte er dennoch eigentlich Torwart werden. Heute wird Nicolas Pepe von den ganz Großen gejagt.

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Nicolas Pepe ist einer dieser Spieler, bei dem man sich auf jede Aktion freut, bei dem man seinen Mitspielern am liebsten zurufen würde, den Ball doch einfach immer ihm zuzuspielen. Weil er diesen ganz besonderen Touch am Ball hat, diese rare Fähigkeit, Lösungen in höchstem Tempo und auf allerengstem Raum gegen mehrere Widersacher zu finden, wie man es wahrscheinlich am allerbesten auf der Straße und auf dem Bolzplatz lernt. Kurzum: Pepe spielt spektakulär, aber auch effektiv. Und er wird immer besser.

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Vier Tore und vier Assists sind dem 23-Jährigen, der auch als Zehner, Neuner oder Linksaußen agieren kann, am liebsten aber über den rechten Flügel kommt, in der noch jungen Ligue-1-Saison bereits gelungen. Pepe ist der Hauptverantwortliche für den bisherigen Höhenflug des OSC Lille, der vergangene Saison noch gegen den Abstieg kämpfte, nun jedoch auf Platz vier rangiert. Und hat damit die Granden des Kontinents auf sich aufmerksam gemacht.

Borussia Dortmund, Manchester United, Schalke 04, Olympique Lyon oder der FC Arsenal sollen intensiv um Pepe, der in Lille bis 2022 unter Vertrag steht und von seinem Präsidenten kürzlich für "untransferierbar" erklärt wurde, gebuhlt haben oder immer noch buhlen. Und Eric Abidal, Sportdirektor des FC Barcelona, bestätigte zuletzt sogar, dass man Pepe im Camp Nou für sehr interessant halte. Doch wer ist dieser Linksfuß, den plötzlich halb Europa jagt?

Pepes Eltern stammen von der Elfenbeinküste, Nicolas wurde allerdings schon in Frankreich geboren. In Mantes-la-Jolie, einer Banlieue von Paris rund 50 Kilometer außerhalb der Hauptstadt, wuchs er auf. Von morgens bis abends kickte er mit seinen Freunden in den Käfigen und auf den Betonplätzen der Vorstadt, feilte an seinen Dribblings, musste sich meist auf engem, unebenem Untergrund gegen die halbe Nachbarschaft durchsetzen. 

Nicolas Pepe war Torwart, bis er 13 war

Doch neben dem Tore kreieren reizte ihn auch das Tore verhindern sehr. Ab und an im Käfig, vor allem aber beim FC Solitaires Paris-Est, dem kleinen Verein, für den er als Kind lange kickte. "Ich war Torwart", sagte Pepe mal gegenüber tribalfootball.com. "Das war es, was ich werden wollte, bis ich 13 war."

Ein Aspekt, der in Pepes ungewöhnlichen Werdegang irgendwie passt. Denn nachdem er bei Solitaires, einem Partnerklub des großen Paris Saint-Germain, nun regelmäßig im Feld spielte und die Zuschauer mit seinen Dribblings verzückte, wechselte er zur U15 nicht etwa zu PSG oder in den Nachwuchs eines anderen Topklubs, sondern zum Fünftligisten Poitiers FC. 

Eine auf den ersten Blick seltsame Abzweigung, die Pepe letztlich aber wohl den genau richtigen Weg einschlagen ließ. Bei Poitiers traf er mit Philippe Leclerc auf seinen ersten echten Förderer, zu dem er heute noch Kontakt hält. Er debütierte mit 18 für die erste Mannschaft in der fünften Liga, machte größere Klubs wie Nantes, Bastia oder Angers auf sich aufmerksam. Bei letzterem ging sein verwinkelter Aufstieg ab 2013 schließlich weiter.

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"Als er ankam, konnten wir sein Potenzial sofort erkennen", betont Serge Le Dizet, heute Co-Trainer bei Angers und bei Pepes Ankunft Coach des Reserveteams des damaligen Zweitligisten. "Er kann ein Spiel alleine entscheiden, ist herausragend im Eins-gegen-Eins, hat eine gute Ballkontrolle", lobt Le Dizet.

Nicolas Pepe: Vorbild Messi, Held Drogba

Pepes Qualitäten ähneln jenen von Barca-Superstar Lionel Messi, der eines seiner großen Vorbilder ist, wie er mal bei Telefoot verriet. Und über die Jahre hat er gelernt, auch die Effektivität seines zweiten Idols an den Tag zu legen: Didier Drogba. "Er ist ein Held für alle Ivorer", sagt Pepe über den früheren Chelsea-Stürmer, der der Hauptgrund dafür ist, aus dem Pepe für die Blues schwärmt.

In Angers empfiehlt sich Pepe derweil als Teenager zunächst im B-Team, darf in seiner zweiten Saison beim SCO in der Ligue 2 debütieren. Weil es mit 20 aber noch nicht für einen Stammplatz reicht - zumal Angers im Sommer 2015 in die Ligue 1 aufsteigt - nimmt er erneut einen Umweg. Pepe lässt sich für ein Jahr an US Orleans verleihen, erzielt 2015/16 sieben Tore, wird zum besten Spieler der Saison in der dritten Liga gewählt. "Er ist noch ungeschliffen. Aber er kann eine tolle Entwicklung nehmen", brachte es Orleans' Sportdirektor Julien Cordonnier seinerzeit auf den Punkt.

Nun, mit 21, schien Pepe aber zumindest so weit geschliffen, dass er sich auf der ganz großen Bühne beweisen darf. Nach und nach spielt er sich bei Angers in die erste Elf, wirbelt unter anderem an der Seite von Jonathan Bamba, heute auch in Lille einer seiner kongenialen Partner. Pepe kommt auf drei Saisontore, debütiert in der Nationalmannschaft der Elfenbeinküste.

Zehn Millionen Euro legt Lille im Sommer 2017 dann für Pepe auf den Tisch. Sehr gut investiertes Geld, wie sich herausstellen sollte. Denn der ivorische Nationalspieler war 2017/18 der Lichtblick einer eigentlich verkorksten Saison des LOSC, erzielte 13 Tore und legte fünf weitere auf. Seine Entwicklung hin zu einem Akteur, der schönes Spiel mit Effizienz verschmelzen lässt, kann man von Woche zu Woche beobachten, zu Beginn der neuen Saison setzt Pepe dann sogar noch einen drauf.

Lille-Kollege über Pepe: Kann bei Real, Barca oder United spielen

Gleich zum Auftakt gegen Rennes (3:1) ist er der überragende Mann, Mitte September gegen Amiens erzielt er beim 3:2 alle drei Tore selbst. Lille-Coach Christophe Galtier will seinen Shootingstar zwar unbedingt halten, weiß aber auch, dass das früher oder später nicht mehr möglich sein wird: "So weit ich weiß, sind schon vier oder fünf ausländische Klubs an ihm dran. Und sie haben wirklich starkes Interesse", sagte Galtier zuletzt.

Und Innenverteidiger Jose Fonte, 2016 Europameister mit Portugal und seit diesem Sommer in Lille, schwärmte: "Er wird bald ganz sicher für einen großen Klub spielen. Er kann bei Real, Barca oder Manchester United spielen. Er muss das Ganze nur besonnen angehen." 

Ein Wechsel ins Camp Nou oder ins Old Trafford wäre jedenfalls der vorläufige Höhepunkt eines rasanten Aufstiegs. Und das nächste Etappenziel der bemerkenswerten Geschichte eines Jungen, der vor zehn Jahren eigentlich noch Torwart werden wollte.

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