HINTERGRUND
Er schoss in seiner aktiven Karriere weit über 150 Tore, kostete insgesamt weit über 100 Millionen Euro an Ablösesumme und lieferte mindestens genauso viele Skandale und Kontroversen: Nicolas Anelka war einer dieser unbeugsamen Rebellen, polarisierte ungemein, brachte seine eigenen Anhänger gegen sich auf und stand sich selbst stets am nächsten. Egal, wo er auftauchte, er sorgte für Schlagzeilen. Nun hat er einen neuen Job in den Niederlanden.
Auch in England ging Anelka auf Torejagd! Die EPL gibt's live und auf Abruf auf DAZN.
Der Einwanderersohn aus Martinique war ein genialer Stürmer und Egozentriker gleichermaßen. Flucht im Kofferraum, vermeintlicher Nazi-Gruß, Unruhestifter in der französischen Nationalmannschaft - Anelka war der geborene Einzelkämpfer, verachtete Werte wie Gemeinschaftssinn oder Loyalität regelrecht und wollte stets seinen Willen durchdrücken.
Paris Saint-Germain, Arsenal, Real Madrid, Liverpool, Manchester City, Chelsea oder auch Juventus Turin - die Liste der Stationen von Anelka liest sich spektakulär, gleichzeitig ist sie aber auch länger als vielleicht erwartet. Bei keinem Verein hielt es Anelka länger als vier Jahre aus - oder besser gesagt: Kein Verein hielt es länger mit Anelka aus.
"Ich weiß nicht, ob ich elf Anelkas um mich herum ertragen könnte", erklärte Luis Fernandez, der Anelka einst in der französischen Hauptstadt entdeckte. Und der Fußballlehrer brachte es damit auf den Punkt. Anelka machte das Leben seiner Mitspieler, Trainer, Fans oder auch Journalisten bisweilen zur Hölle und brachte sie damit zur Weißglut.
Überschwänglicher Jubel? Fehlanzeige! Zwar ballerte er die Gunners mit seinen Toren zu Meisterschaft und Pokalsieg, nahm dies aber nahezu als selbstverständlich hin. Eine Tatsache, die man wohl nicht besonders feiern müsse. Dabei brachte er mit seiner lethargisch und lustlos wirkenden Spielweise nicht nur die Arsenal-Fans gegen sich auf.
Es ist jene unterkühlt wirkende Überlegenheit, die Anelka während seiner aktiven Zeit ausgezeichnet hat. Jeder steht sich selbst am Nächsten, seine Arbeitgeber, Mitspieler und Trainer dienten vielmehr als Zweck, der die Mittel heiligte. Respekt, Dankbarkeit - Eigenschaften die Anelka höchstens in Maßen verkörperte.
Er kam, sah und siegte
Es wirkte beinahe so, als würde Anelka die Werte und Errungenschaften seiner Arbeitgeber mit Füßen treten - "die Vergangenheit ist mir egal", sagte er einst. Auf das "Hier und Jetzt" komme es an, den Blick immer nach vorne und auf sich selbst gerichtet. Man könnte beinahe sagen, 'er kam, sah und siegte'.
Anelka galt damit bereits als Vorreiter einer immer mehr vom Geld bestimmten Fußballwelt, wenn auch in einem sehr speziellen Maße. Vereinstreue sind heute Werte, die es kaum noch gibt - stattdessen zählt das große Geld, die eigene Karriere. Anelka hatte dies bereits früh erkannt, litt bisweilen aber dennoch an einer gehörigen Portion Selbstüberschätzung.
Als er während seiner Zeit bei Real Madrid vom damaligen spanischen Ministerpräsidenten Jose Maria Aznar zu einem Gala-Dinner für den französischen Staatschef Jacques Chirac eingeladen wurde, lehnte er beleidigt ab, weil sein Bruder und Manager Didier nicht auf der Gästeliste gestanden hatte.
Flucht im Kofferraum
Ebenfalls während seiner Zeit in Madrid schwänzte Anelka wegen zu geringer Wertschätzung das Training, wurde für eineinhalb Monate suspendiert und bekam eine Geldstrafe von 450.000 Euro aufgebrummt. Nachdem sein Haus von Journalisten belagert wurde, flüchtete er im Kofferraum eines Autos mit seinem Bruder zum Flughafen. "Sie behandeln mich wie einen Hund", schimpfte er.
Dass es dem Mittelstürmer jedoch nie um das Geld ging, betonte er bei seinen Vereinswechseln stets. "Ich habe die Bolton Wanderers schon immer gemocht", erklärte er einst bei einem Transfer nach Bolton. Seine Glaubwürdigkeit darf bezweifelt werden, galten seine Arbeitgeber vielmehr als Geldgeber, um seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren. Aber Anelka wusste eben, wie das Geschäft läuft.
"Im Fußball erzählen sie dir pausenlos, dass du ohne die anderen nichts bist", sprang ihm sein Nationalmannschaftskollege Thierry Henry um die Jahrtausendwende zur Seite. "Aber Tatsache ist: Du bist völlig auf dich alleine gestellt. Nico hat das kapiert." Apropos Nationalmannschaft: Auch dort trieb Anelka sein Unwesen.
Unvergessen die Szenen bei der WM 2010 in Südafrika, als sich Frankreich und Trainer Raimond Domenech bis auf die Knochen blamierten. "F*** dich in den A****, H******", brüllte er seinen Trainer in der Halbzeitpause gegen Mexiko an, nachdem dieser von ihm gefordert hatte, sich mehr zu bewegen.
Ein Jahr später wurde ihm bei Chelsea von Trainer Andres Villas-Boas der Zutritt zur Kabine untersagt, auch von der Weihnachtsfeier musste er fernbleiben. "Es gibt im Fußball keine Freunde. Das ist eine traurige Erkenntnis, aber es ist die Wahrheit. Es ist ein Teamsport, aber gleichzeitig ein Einzelsport. Im Grunde ist das ein Drecksgeschäft", schimpfte er."
Damit hat Anelka nicht ganz Unrecht, doch er selbst galt als eiskalter Geschäftsmann und hatte ebenso selbst genug Dreck am Stecken. Wohlwissend, welch guter Fußballer er war, konnte er es sich bisweilen auch erlauben. Dennoch: Weniger ist manchmal mehr - und Fußball ist und bleibt ein Mannschaftssport.
Mittlerweile hat er die Seiten dieses "Drecksgeschäfts" gewechselt und ist als Berater für Roda Kerkrade tätig. Ein besonderes Augenmerk soll er auf die Jugendarbeit legen. Anelka ist mit Sicherheit ein guter Mann dafür, die Sinne der Nachwuchskicker zu schärfen. Dennoch muss er ihnen auch Werte wie Teamgeist und Respekt beibringen - ob ihm das gelingt?
