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Napoli-Neuzugang Adam Ounas: Der schmale Grat des Spektakels


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Arjen Robben hätte es nicht besser machen können. An der Mittellinie kommt Adam Ounas an den Ball, sprintet Richtung Sechzehner. An dessen Kante angekommen, lässt er Lilles Verteidiger Franck Beria ins Leere laufen - und nimmt dann Maß. Wunderschön. Perfekt. Mit extrem viel Effet segelt das Leder ins lange Eck. Die Entscheidung, der 3:2-Siegtreffer für Girondins Bordeaux.

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Es war bereits Ounas' zweites Tor an diesem trüben Abend Ende Februar dieses Jahres. Ein Joker-Auftritt, der seinesgleichen sucht. Denn der 20-jährige Flügelflitzer war erst in der 75. Minute, beim Stand von 1:2, eingewechselt worden. Sieben Minuten später hatte er die Partie im Alleingang gedreht.

In Lille könnte man sich erinnert gefühlt haben. An einen gewissen Eden Hazard, der bei den Nordfranzosen einst seinen Durchbruch schaffte, die Fans Woche für Woche verzückte. Denn Ounas ähnelt dem heutigen Chelsea-Star in seinem Spielstil. Nur etwas über 1,70 Meter groß, dafür aber wendig, mit herausragenden Fähigkeiten im Dribbling ausgestattet, schnell, ein extrem gutes Gespür für den finalen Pass im Blut.

Ounas wie Hazard?

Die feinen Unterschiede: Hazards stärkerer Fuß ist der rechte, Ounas ist Linksfuß. Und Ersterer ist längst einer der besten Offensivspieler der Welt, ist Letzterem derzeit noch meilenweit voraus.

Während Hazard sein Glück in England suchte, macht sich Ounas ab kommender Saison auf, die italienische Serie A zu erobern. Zehn Millionen Euro hat die SSC Napoli um Trainer Maurizio Sarri nach Bordeaux überwiesen, um sich die Dienste des hochbegabten Youngsters zu sichern. Doch wer ist dieser technisch versierte Algerier, von dem man sich in Neapel, wo er einen Vertrag bis 2022 unterschrieben hat, künftig so viel erhofft?

Geboren und aufgewachsen ist Ounas als Sohn algerischer Einwanderer in Chambray-les-Tours, an der Loire, im Herzen Frankreichs. Einem beschaulichen Ort, an dem auch Mickael Silvestre, früherer französischer Nationalverteidiger unter anderem in Diensten Manchester Uniteds, das Licht der Welt erblickte.

Ounas' Talent, sein so früh schon so ausgeprägtes Gefühl im linken Fuß, war schnell jedem ersichtlich. Beim FC Tours machte er die ersten Schritte - und schließlich mit 13, bei einem großen französischen Jugendturnier, erstmals überregional auf sich aufmerksam.

"Nach der Rückkehr von dem Turnier verbrachte ich eine Woche nur am Telefon und sprach mit Talentscouts", erinnerte sich sein damaliger Trainer Kevin Debono. "Französische Klubs, englische, spanische - der Hype um ihn war unverhältnismäßig", fügte Debono an.

Zweitligist schickte Ounas einst weg

Statt in die große weite Welt ging Ounas aber zunächst zum nahegelegenen französischen Zweitligisten LB Chateauroux. "Athletisch gesehen war er ein kleines, mageres Kind. Dafür hatte er aber einen sehr starken Antritt und eine technische Qualität, besonders in seinem linken Fuß, die weit über dem Durchschnitt lag", schwärmt Jugendcoach Debono.

Ounas' Erfolg bei Chateauroux hielt sich allerdings stark in Grenzen. Denn nach nur einem Jahr wurde er wieder weggeschickt, für zu klein befunden. Auch der Hang, es mit dem Spektakel, den Übersteigern, Beinschüssen und Drehungen zu übertreiben, dadurch Bälle unnötig zu verlieren statt effektiv zu sein, stand ihm im Weg.

Schwächen, die Ounas mittlerweile allmählich ablegt. "Wenn ich ihn heute sehe, glaube ich, dass sich das Kind zum Mann entwickelt hat. Er ist weniger Dribbler, weniger Provokateur. Als er jung war, war er noch komplett Freigeist", sagt Debono. Seit seinem Profi-Debüt Anfang Oktober 2015 hat er, der nach dem Aus in Chateauroux über die Zwischenstation bei einem kleineren Verein letztlich in die Bordeaux-Nachwuchsabteilung kam, sein Spiel zwangsläufig umgestellt, trennt sich früher vom Ball, hat so weitere Stärken für sich entdeckt, streut immer wieder erstklassige Schnittstellenpässe ein.

2015/16 war Ounas auf diese Wiese einer der Shootingstars der Ligue 1. "Aufgrund seiner Fähigkeit, den Unterschied auszumachen, war er 2015/16 der vielleicht interessanteste Spieler der Girondins", erklärt Goals Bordeaux-Experte Adrien Mathieu. "In 23 Ligaspielen hat er fünfmal getroffen, unter anderem sehenswert beim Sieg über Monaco."

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In seiner ersten Saison im Seniorenbereich mitunter noch auf der Zehn eingesetzt, ist Ounas inzwischen wahlweise Links- oder Rechtsaußen, über den rechten Flügel kommen seine Fähigkeiten vermutlich noch etwas besser zur Geltung. "Er hat auch einen guten Schuss und mag es, es aus der zweiten Reihe zu probieren", erklärt Mathieu. "Defensiv tritt er inzwischen diszipliniert auf - könnte aber zuweilen noch kompromissloser und konzentrierter sein."

Die vergangene Spielzeit, seine erste komplette bei den Profis, war für Ounas' Entwicklung derweil sehr wichtig. Denn geschenkt bekam er nichts, mitunter schaffte er es nicht in den Kader, saß ansonsten häufig auf der Bank. Ounas erfüllte die Erwartungen des neuen Girondins-Trainers Jocelyn Gourvennec lange nicht, wurde zudem von kleineren Verletzungen zurückgeworfen. Doch in den letzten Wochen der abgelaufenen Saison war er plötzlich wieder voll da, spielte stark. "Ob er ein anderer ist? Komplett! Wenn ich mir anschaue, wie er in den letzten Wochen war und das mit dem Beginn der Saison vergleiche, kann ich sagen, dass er weitergekommen ist", lobte Gourvennec vor einigen Wochen.

Ounas lasse sich nicht mehr so leicht von Gegenspielern aus der Fassung bringen, habe verstanden, dass Talent alleine nicht reiche, um es im Profifußball weit zu bringen, höre mittlerweile viel besser zu, erläuterte Gourvennec. Julien Quelen, Redakteur von Goal Frankreich, betont: "Er ist eines der größten Talente, das wir in den letzten beiden Jahren in der Ligue 1 gesehen haben - wenngleich er sein volles Potenzial bisher noch nicht abrufen konnte."

"Ounas muss geduldig sein"

Napoli und Trainer Maurizio Sarri glauben jedenfalls an den zweifachen französischen U20-Nationalspieler, der sich mittlerweile aber entschieden hat, für Algeriens A-Nationalelf auflaufen zu wollen. Und die Aufmerksamkeit der Serie A auch dazu nutzen will, sich bei den Nordafrikanern einen Platz für die mögliche Teilnahme an der WM 2018 zu sichern.

Zehn Millionen Euro Ablöse erscheinen in Zeiten wie diesen indes nicht besonders hoch. Dennoch ist es eine stattliche Summe - die durchaus mit Risiken verbunden ist. Denn bei all den positiven Entwicklungsschritten ist Ounas ein Charakter, der das Potenzial hat, anzuecken. "Er ist ein netter Junge, hat aber den Hang zu Wutausbrüchen", sagt Bordeaux-Experte Mathieu. Nach schwachen Leistungen geriet er bereits mit den Fans der Girondins aneinander, habe überdies ein schwieriges Umfeld, das nicht immer im besten Sinne Ounas' handele oder Ratschläge erteile.

Schon vergangenen Sommer sollen ihn Freunde und Bekannte dazu gedrängt haben, nach Neapel zu gehen, ihm Flausen in den Kopf gesetzt haben. Nun, nach einem durchwachsenen Jahr, hat Ounas den Schritt in den Süden Italiens tatsächlich gewagt. Mit ungewissen Vorzeichen.

Denn Napoli hat mit Dries Mertens, Jose Callejon oder Lorenzo Insigne bereits viele ähnliche Spielertypen, die auf Ounas' Lieblingspositionen wohl weiterhin gesetzt sein werden. "Ich denke, er muss geduldig sein. Er muss schnell italienisch lernen, um zu verstehen, was Sarri von ihm verlangt", prophezeit Goal-Experte Mathieu.

Die hitzige Atmosphäre, die rund um die SSC herrscht, dürfte Ounas dabei entgegenkommen. Der schmale Grat zwischen Himmel und Hölle, der auch den Kern seines Spiels kennzeichnet. "Die heißblütige Umgebung wird ihn nicht einschüchtern, er mag das", weiß Mathieu.

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